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Eigentlich topfit – und doch voller Scham und Sorge: Sportlerinnen und die Angst vor der Inkontinenz

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von Alexander Pradka, am 11.09.2019

Gesundheit ist ein häufiges Gesprächsthema. Von der Migräne über die Knieverletzung bis hin zur Darmerkrankung gibt es fast nichts, was man im persönlichen Gespräch nicht schon mehr oder weniger ausführlich dargelegt bekommen hätte. Über seine Harn-Inkontinenz würde auf einer Party aber wohl niemand mit einem sprechen. Vor allem dann nicht, wenn die betroffene Person noch jung ist und viel Sport treibt. Eines der letzten Tabuthemen? Das sollte so nicht sein. Niemand sollte aus Scham leiden müssen, zumal die Beseitigung des Problems bei Sportlerinnen so gut wie immer gelingt. Das sagt Prof. Dr. Birgit Schulte-Frei, Dekanin des Fachbereichs Gesundheit & Soziales, im adhibeo-Gespräch.

Frau Prof. Dr. Schulte-Frei, die im Vorspann gewählte weibliche Form ist korrekt – es sind hauptsächlich Frauen betroffen?

Das ist richtig. Wir gehen davon aus, dass insgesamt beinahe jede dritte Frau in Deutschland unter Harn-Inkontinenz leidet. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Hemmschwelle, sich zu dem Thema zu äußern ist hoch, das gilt deshalb auch für die Dunkelziffer. Wir haben es mit einem weiblichen Problem zu tun, Männer sind viel seltener betroffen.

Warum ist das so?

Unterschiedliche Aspekte spielen eine Rolle. Vor allem die Körperstruktur ist zu nennen: Frauen haben eine vollkommen anders aufgebaute Beckenbodenmuskulatur. Sie muss sich beim Geburtsvorgang extrem weiten können und ist deshalb zu einem größeren Teil von Bindegewebe durchwachsen. Dazu kommt als weiterer wesentlicher Faktor eine andere Hormonzusammensetzung.

Der Fokus unseres Gesprächs liegt auf jungen Frauen, die viel Sport treiben. Sie werden als topfit und gesund angesehen. Die Scham, sich zu einem Thema wie Inkontinenz zu äußern, dürfte hier noch viel größer sein.

Im wissenschaftlichen Kontext ist es ein ziemlich aktuelles Thema, wird untersucht und diskutiert. Gesellschaftlich ist es tatsächlich noch komplett in der Tabuzone. Selbst Eltern, Freunde, Trainer wissen nur in den seltensten Fällen Bescheid. Erst kürzlich hatte ich mit einer siebzehnjährigen Betroffenen zu tun, die das Problem seit gut drei Jahren mit sich herumträgt und sich bis dahin niemandem öffnen wollte. Dabei sind abhängig von der Sportart bis zu achtzig Prozent der Sportlerinnen betroffen. Dabei sind sie aus gynäkologischer und urologischer Sicht gesund, es liegt also keine Beckenboden- oder Blasensenkung vor, keine hyperaktive Blase.

Welche Sportlerinnen sind in besonderem Maß betroffen, in welchen Sportarten tritt das Problem besonders häufig auf?

Entscheidend ist die biomechanische Belastung. Besonders betroffen sind Sportlerinnen, die zum Beispiel viel springen müssen, wo hohe Bodenreaktionskräfte herrschen. Dazu zählen klassischerweise Weitsprung, Dreisprung, Hochsprung, aber auch Mannschaftssportarten wie Volleyball, Basketball, Handball. Läuferinnen, insbesondere auf der Langstrecke haben ebenso häufig mit dem Phänomen zu kämpfen. Ich muss allerdings ergänzen: es sind nicht nur körperliche Faktoren, es müssen andere hinzukommen – und je intensiver eine Sportart betrieben wird, desto größer ist auch die Gefahr, dass Inkontinenz auftreten kann. Eigentlich braucht der Körper nämlich einen gewissen Widerstand – eine gewisse Stauchung -, damit die Beckenbodenmuskulatur unter Spannung kommt und den Kontinenzmechanismus stärken kann. Nehmen wir das Beispiel Trampolin: Hier sind die Spitzenwerte von bis zu achtzig Prozent inkontinente Sportlerinnen beobachtet worden – und da gibt der Untergrund beim Springen ja nach. Der Körper weiß nicht, wann er kontrahieren soll. Genau an diesem Punkt haben wir noch Forschungsbedarf: bis zu welchem Punkt ist der Impact beim Aufkommen auf dem Untergrund förderlich – und an welchem kippt das Ganze.

Das heißt also, der gut gemeinte Rat, beim Laufen weiche Schuhe zu tragen und auf dem Waldboden zu laufen, ist gar nicht so gut?

Joggen war unter Wissenschaftlern generell bis vor gar nicht so langer Zeit noch verpönt, ist es aber aus dem genannten Grund nicht mehr. Neueste Erkenntnisse zeigen, dass es sehr gute Reaktionen der Beckenbodenmuskulatur hervorruft, dabei schadet der Betonboden grundsätzlich nicht – wenn man das Laufen nicht übertreibt. Gar keinen Impact ruft zum Beispiel das Schwimmen hervor. Wer also nur schwimmt, macht zwar grundsätzlich nichts, was dem Körper schadet, der Beckenbodenmuskulatur nutzt es aber auch in keiner Weise.

Kommen wir noch einmal zurück zu den Ursachen. Sie haben die Beckenbodenmuskulatur und biomechanische Belastungen bereits angesprochen, ebenso den hormonellen Aspekt. Gibt es noch weitere Aspekte, die wir in Betracht ziehen müssen?

Wichtig ist der Hinweis: Die Überbeanspruchung löst die Symptome aus. Würden die Frauen den Sport nicht in der vorhandenen Intensität betreiben, wären sie kontinent. Biomechanische Kräfte treffen auf eine muskuläre Struktur, die diesen nicht standhalten kann. Und das, obwohl die Muskulatur ja grundsätzlich bei sportlicher Betätigung gestärkt wird – das reicht aber nicht aus. Was wir noch nicht angesprochen haben, ist die psychische Situation der Sportlerinnen. Wettkampfstress und Leistungsdruck wirken sich negativ aus. Das lässt sich schon in einem anderen Bereich beobachten: Viele müssen vor einer Prüfungssituation sehr häufig auf die Toilette. Psychischer Druck bedeutet aber auch, dass viele Sportlerinnen sehr stark abnehmen und untergewichtig sind. Das kann so weit gehen, dass die Periode ausbleibt und quasi mit Anfang, Mitte zwanzig menopausale Zustände eintreten. Das ist eine Schutzreaktion des Körpers – er stellt quasi alles in den Überlebensmodus um. Da sehen wir auch das Zusammenspiel aus körperlichen Voraussetzungen, psychischen Faktoren und hormonellen Aspekten.

Von Ursachen und Symptomen zu den Gegenmaßnahmen. Was raten Sie denn den Sportlerinnen?

Wir müssen hier einen Mehrpunkteplan befolgen und auch mehr Personen einbeziehen. Insbesondere die Ausbilder und Trainer müssen sensibilisiert werden. Die Eltern spielen eine wichtige Rolle. Da haben wir noch viel Aufklärungsarbeit vor uns, die am besten in Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeuten und Sportvereinen erfolgt. Im nächsten Schritt ist es sinnvoll, ein spezifisches Training für die Beckenbodenmuskulatur zu etablieren, auch wenn bei Leistungs- und Hochleistungssportlerinnen der Trainingsplan schon voll ist. Es ist besser, an anderer Stelle kürzer zu treten. Zumal es neue Erkenntnisse gibt, die eine erhöhte Leistungsfähigkeit bei entsprechend ausgebildeter Beckenbodenmuskulatur belegen könnten. Sind Frauen schon betroffen, ist der entscheidende erste Schritt, das Thema zu entdramatisieren und zu normalisieren. Wir müssen Mut machen, darüber zu sprechen. Im Übrigen ist – entsprechend den vielschichtigen Ursachen – ein ganzheitlicher Ansatz wichtig. Die jungen Frauen müssen ein angemessenes und gesundes Körpergewicht haben, der Hormonstatus ist abzuklären, ebenso müssen die psychischen Rahmenbedingungen unter die Lupe genommen werden – dazu sollten Physiotherapeuten immer die entsprechenden Spezialisten zu Rate ziehen.

Ab welchem Alter raten Sie zu präventiven Maßnahmen wie Spezialtrainings?

Das würde ich nicht so sehr vom Alter abhängig machen. Man muss vielmehr beobachten, wann das Training intensiver wird, wie viele Einheiten möglicherweise dazukommen. Wie viel Erholung liegt zwischen ihnen? Und es ist unbedingt darauf zu achten, dass das Training nicht abrupt umgestellt wird. Jede sprunghafte Veränderung kann Probleme verursachen, weil die Sportlerin dem Körper nicht die notwendige Zeit gibt, mit den Herausforderungen mitzuwachsen. An höhere Belastungen sollte man ihn immer schrittweise und vergleichsweise langsam heranführen.

Gibt es denn schon Beispiele für die von ihnen empfohlene Zusammenarbeit und entsprechende Erfahrungswerte?

Tatsächlich stehen wir diesbezüglich noch ganz am Anfang. Es gibt Therapeuten, die auf das Thema Inkontinenz spezialisiert sind, in der Fläche aber sicherlich noch viel zu wenige. Ich sehe an dieser Stelle auch die Hochschulen in der Pflicht – wir müssen mehr Menschen ausbilden, die in diesen Bereich vordringen, aktiv mit den Sportvereinen zusammenarbeiten, aber auch weiter forschen. Es eröffnen sich hier gerade sehr gute Perspektiven für Absolventinnen und Absolventen. An der Hochschule Fresenius ist das Thema Bestandteil des neuen Masterstudiengangs Sportphysiotherapie und wird zunehmend auch in den Bachelorstudiengängen Physiotherapie und Angewandte Therapiewissenschaften integriert.

Über den Autor

Alexander Pradka
Alexander Pradka ist Teil der adhibeo-Redaktion. Er ist Pressesprecher der Hochschule Fresenius gem. GmbH und in dieser Funktion zuständig für die Bereiche Gesundheit & Soziales, Chemie & Biologie sowie Wirtschaft & Medien am Standort Wiesbaden.

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