Gesundheit, Therapie und Soziales

Gegenwart und Zukunft der Therapieberufe: Es hat sich viel getan – das reicht aber nicht

Roel Dierckens on Unsplash

von Alexander Pradka, am 28.09.2019

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Prof. Dr. Sabine Hammer gemeinsam mit den Studierenden des Masterstudiengangs Therapiewissenschaften mit der Entwicklung der beruflichen Perspektiven in Physio- und Ergotherapie, Logopädie sowie Podologie. Auch 2019 führten die Studierenden eine Studie durch, deren Ergebnisse im Symposium #wirksamsein vorgestellt und diskutiert wurden. Bei adhibeo gibt sie Antworten auf drängende Fragen.

Frau Prof. Dr. Sabine Hammer, Sie beschäftigen sich schon seit Jahren gemeinsam mit Ihren Studierenden mit dem Thema aktuelle und künftige Perspektiven in den Therapieberufen. Was sind denn zurzeit die wichtigsten berufspolitischen Ziele?

Das ist tatsächlich immer gleich geblieben: Die wichtigsten Themen sind die Vergütung, die Anerkennung der Berufe, die Arbeitsbedingungen und die Autonomie, das heißt die Unabhängigkeit von ärztlichen Überweisungen.

Es hat sich in der jüngeren Vergangenheit mit dem Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz sowie Termin-, Service- und Versorgungsgesetz einiges getan, außerdem wurde die Grundlohnsummenbindung aufgehoben. Bedeutet das nicht eine Verbesserung?

Das ist richtig. Wir müssen aber zunächst einmal schauen, wo wir herkommen. Bis 2017, 2018 haben Therapeuten durchschnittlich 2.300 Euro brutto verdient. Das ist ein sehr niedriger Ausgangspunkt. Der Durchschnittslohn in Deutschland liegt bei rund 3.900 Euro brutto. Die Ausbildungskosten sind hoch, Physiotherapeuten benötigen für bestimmte Leistungen Fortbildungen, bevor sie diese abrechnen dürfen. Mit dem Wegfall der Grundlohnsummenbindung haben die Krankenkassen ihre Sätze um durchschnittlich 30 Prozent erhöht. Grundsätzlich kämen wir damit auf ein durchschnittliches Gehalt von rund 3.000 Euro brutto. Nur 60 Prozent der befragten Therapeuten sagen nun aber, dass sich ihr Gehalt seither überhaupt erhöht hat und hier lediglich rund 15 Prozent bei ihnen ankommen. Damit bewegt man sich nun auf dem Stand der Altenpflege, die Krankenpflege liegt noch weit darüber. Das reicht einfach nicht aus. Es ist zu klären, was mit den restlichen 15 Prozent passiert, das möchte die Bundesregierung evaluieren.

Gibt es zwischen den einzelnen Therapeutenberufen Unterschiede?

Unterschiedliche Einschätzungen haben wir eher abhängig vom Arbeitsplatz, insbesondere bei den Angestellten in den Kliniken auf der einen und Angestellten in den Praxen auf der anderen Seite. Klinikangestellte, zumal solche, die nach Tarifvertrag entlohnt werden, verdienen in der Regel besser. Sie haben auch mehr Zeit für administrative Aufgaben. In der Praxis werden die Angestellten für ihre Arbeit am Patienten bezahlt, damit sind sie eigentlich auch ausgelastet. Weitere Tätigkeiten wie Berichte schreiben folgen dann häufig in der Freizeit. Wir haben schon den Eindruck, dass die Praxisangestellten auch nach der Neuregelung ein bisschen die Verlierer sind. Bei ihnen kommt nicht so viel mehr Geld an und die Belastung ist die gleiche geblieben.

Welche Aspekte außer dem Finanziellen spielen noch eine Rolle?

Der Fachkräftemangel ist sehr hoch. Die Therapeuten tummeln sich diesbezüglich in Deutschland immer in der Spitzengruppe aller Berufe. Positiv daran ist einerseits die hohe Jobsicherheit. Aber: Laut Agentur für Arbeit haben wir Vakanzzeiten von 160 Tagen, real schätzungsweise 250 Tage, denn freie Stellen melden insbesondere Praxisinhaber der Agentur für Arbeit schon gar nicht mehr. Vakanzzeit ist die Zeitspanne, in der eine Stelle nicht besetzt wird. Im Schnitt aller Berufe liegen die Vakanzzeiten bei rund 130 Tagen. Viele Stellen melden insbesondere Praxisinhaber der Agentur für Arbeit schon gar nicht mehr. Das heißt: Die Arbeitslast für die Therapeuten steigt immer weiter. Ein weiterer zentraler Punkt: Therapeuten können nur auf Überweisung des Arztes tätig werden. Das ist ein relativ hoher bürokratischer Aufwand und der Arzt kann das nicht immer so beurteilen wie der Therapeut, der intensiver befundet.

In der aktuellen Studie geht es ja auch um die Frage, welche Einflussmöglichkeiten die betroffenen Berufsgruppen haben und wie sie diese wahrnehmen. Wie steht es um die tatsächlich vorhandenen Chancen, auf Entwicklungen Einfluss zu nehmen?

Das höchste Gremium, das die Gesundheitsversorgung in der Bundesrepublik regelt, ist der Bundesausschuss. Dort haben Krankenhäuser, Kassen, Ärzte und Psychotherapeuten einen Sitz. Daneben gibt es noch Patientenvertreter. Therapeuten sind außen vor. Das ist ein Punkt, der dringend geändert werden müsste. Sie haben im Rahmen der Entscheidungen bezüglich der Heilmittel, also zum Beispiel was ist Inhalt, in welchem Umfang finden Verordnungen statt, keinen Einfluss. Wenn man hier von einer Vertretung sprechen kann, dann allenfalls über die Berufsverbände. Sie können angehört werden, haben aber keinerlei Mitspracherechte. Die Verbände sind das stärkste Gremium, die Impulse setzen können. Sie verhandeln beispielsweise Vergütungsthemen mit den Krankenkassen. Allerdings ist nur etwa ein Drittel der Therapeuten in den Bundesverbänden Mitglied. Daneben gibt es noch Berufsvertretungen, mache Therapeuten sind auch in der Gewerkschaft.

Woran liegt es, dass sich die Mehrheit der Therapeuten nicht stärker engagiert?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen gehen viele von ihnen in sehr idealistischer Weise ihrem Beruf nach. Für sie steht der Patient im Mittelpunkt. Geld und persönliches Fortkommen spielen nicht so eine zentrale Rolle. Wie bereits angesprochen, ist bei vielen auch die hohe Arbeitsbelastung ein Hindernis, sie haben schlicht keine Zeit, sich mit berufspolitischen Fragen zu befassen. Das Interesse ist grundsätzlich da, wir haben ermittelt, dass über 60 Prozent ein hohes Interesse haben. Indes schätzt aber in etwa die gleiche Zahl die persönlichen Einflussmöglichkeiten gering ein. Da spielt Resignation auch eine Rolle. Was wir allerdings auch gesehen haben: viele Therapeuten – etwa die Hälfte der Befragten – fühlen sich nicht hinreichend informiert. Viele geben kann, andere Prioritäten oder keine Zeit zu haben, um sich zu informieren. Insgesamt glauben Therapeuten zu wenig daran, etwas bewegen zu können. Deshalb ist Aufklärung wichtig.

Können die Verbände mehr tun?

Die Verbände machen meines Erachtens einen sehr guten Job. Es ist aber ein Problem, dass es zu viele Verbände gibt – in der Logopädie sechs, in der Physiotherapie vier, in der Ergotherapie zwei, bei den Podologen drei. Die Vielzahl ist Spiegelbild vieler unterschiedlicher Strömungen und divergierender Ansichten, was Methoden und Herangehensweisen angeht. Die Meinungen hinsichtlich der Ausbildung weichen stark voneinander ab – und das sind ja Grundsatzfragen. Manche treten für die Vollakademisierung ein, manche wollen eine Teilakademisierung, andere lehnen diese ganz ab. Auch in vielen Detailfragen gehen die Ansichten auseinander. Externe Experten, beispielsweise aus der Gesundheitspolitik, argumentieren deshalb auch damit, dass die Berufsvertreter selbst nicht wissen, was sie möchten. Jeder Verband kommt mit einem eigenen Anliegen und möchte etwas anderes. Hier liegt sicherlich ein Problem, warum die Therapeuten nicht richtig vorankommen.

Sie haben vorhin die „Informiertheit“ angesprochen. Basis für jedes Engagement ist es, gut über ein Thema Bescheid zu wissen und eigene Möglichkeiten zu kennen. Wie beurteilen Sie das in diesem speziellen Bereich?

Wir haben die Therapeuten auch nach ihrer Selbsteinschätzung gefragt – wie gut fühlt Ihr Euch über berufspolitische Themen informiert. Hier haben wir eine 50:50-Antwort bekommen, die Hälfte der Befragten fühlt sich gut informiert, die andere eher nicht. Klar ist natürlich, dass ich als Nichtmitglied eines Verbands Nachteile habe und zumindest einen höheren Rechercheaufwand betreiben muss, um informiert zu sein. Aber sind wir einmal ehrlich, wer die Informationen wirklich sucht, wird auch fündig. Das wichtigste ist da die Eigeninitiative der Therapeuten. Sie sagen es, nur dann kann ich auch Chancen wahrnehmen. Therapeuten glauben zu wenig daran, etwas bewegen zu können. Die berufspolitische Selbstwirksamkeit ist daher eher schwach. Ich denke, es braucht beides – auf Seiten der Therapeuten mehr Glaube, mehr Engagement, auf Seiten der Verbände vielleicht die Überlegung, wo und wie erreiche ich am besten meine Mitglieder. Eines ist nämlich interessant: Die meisten Befragten sagten, dass sie sich vor allem über den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen informieren, auf Fortbildungen – wo es ja eigentlich nicht um berufspolitische Fragen geht – oder in einer der vielen Facebookgruppen. Hier geht es lebhaft zu.

Ein sehr aktuelles Thema ist die Frage nach der Einführung einer Therapeutenkammer. Würde diese etwas ändern können?

Es kommt darauf an, welche Bereiche wir ansprechen. Sie kann natürlich bindende Entscheidungen treffen, was die Ausbildung angeht, was Qualitätskriterien betrifft und die Berufszulassung. Es wäre aus meiner Sicht vorteilhaft, wenn wir hier schon einmal eine klare Linie hätten. Was die Therapeuten auch über die Kammer nicht per se bekommen, ist der Sitz oder ein Mitspracherecht im Bundesausschuss. Ich bin allerdings der Meinung, dass eine Kammer die Position der Therapeuten langfristig stärken würde und gegebenenfalls die Chance wachsen könnte, dort hineinzukommen. Mit den vielen kleinen Verbänden ist das nicht so und wir haben auch relativ wenig Handlungsspielraum. Die Einführung einer Kammer ist umstritten, viele Verbände sträuben sich dagegen. Sie haben Befürchtungen, dass Mitglieder wegen der Doppelbelastung bei ihnen austreten. Dann stellt sich die Frage, ob die Verbände arbeitsfähig bleiben und Interessen überhaupt noch vertreten können. Wenn die Verbände ausbluten, wäre das sicher ein Problem nicht nur für die Verbände, sondern für alle Therapeuten. Aber: Verbände haben andere Aufgaben und würden mit einer Einführung der Kammer keinesfalls obsolet. Die Verhandlungen mit einer Kasse würden weiterhin die Verbände führen, das macht nicht die Kammer.

Schlagen wir mal den Bogen zurück: Was kann eine Hochschule, die schon lange therapeutische Berufe ausbildet, dafür tun, die Selbstwirksamkeit in diesen Berufen zu fördern?

Schon in der Ausbildung schaffen wir die Sensibilisierung für berufspolitische Themen und die aktuelle Entwicklung. Der Bedarf ist erfahrungsgemäß sehr groß – die Studierenden saugen das förmlich auf. Wichtig ist, dass wir sachlich informieren und differenziert beleuchten – und nicht polarisieren. Trotzdem sollte sich eine Hochschule auch positionieren, allerdings immer auf Basis belastbarer Aussagen, die sich aus Studien ableiten lassen. Deshalb leisten wir seit Jahren mit unseren Symposien und den zugehörigen Studien Aufklärungsarbeit.

Zur Studie
Für die Studie #wirksamsein führten die Studierenden 34 ausführliche Einzelinterviews mit Ergotherapeuten, Sprachtherapeuten, Physiotherapeuten und Podologen. An der zugehörigen
Online-Befragung nahmen 905 Therapeuten teil.

ÜBER DEN AUTOR

Alexander Pradka
Alexander Pradka ist Teil der adhibeo-Redaktion. Er ist Pressesprecher der Hochschule Fresenius gem. GmbH und in dieser Funktion zuständig für die Bereiche Gesundheit & Soziales, Chemie & Biologie sowie Wirtschaft & Medien am Standort Wiesbaden.

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