Gesundheit, Therapie und Soziales

Warum ethische Reflexion in der Sozialen Arbeit so wichtig ist

Thomas Drouault on Unsplash

von Alexander Pradka, am 24.09.2019

Was machen Sozialarbeiter, die mit Kindern, Jugendlichen und Familien zusammenarbeiten und weit reichende Entscheidungen treffen müssen? Wie können sie ihrer hohen Verantwortung gerecht werden? Prof. Dr. Tobias Nickel-Schampier fordert in seiner Antrittsvorlesung an der Hochschule Fresenius in Hamburg ein Mehr an ethischer Reflexion und einen intensiveren Austausch im kollegialen Kreis. Ohne die Implementierung einer ausgewiesenen Professionsethik ist die zentrale Herausforderung einer inneren ethisch-moralischen Rahmung des Fachs nicht zu bewältigen, so seine These. Als Leitlinien empfiehlt er so genannte mittlere ethische Prinzipien und ergänzt diese um die Frage nach der Verhältnismäßigkeit.

Herr Prof. Dr. Nickel-Schampier, gibt es einen konkreten Anlass für Ihre Forderung?

Aus meiner Sicht wird die ethische Reflexion von Konflikten in der Beziehungsarbeit immer noch stiefmütterlich behandelt. Eine Sensibilisierung auf das Thema findet zwar zurzeit statt. Aber das mündet noch nicht in Handlungsempfehlungen oder Konsequenzen.

Wo sehen Sie hierfür Ursachen?

Diese sind schon in der Ausbildung zu finden. Hier ist man sehr darauf fokussiert, dass sich die Studierenden Kompetenzen antrainieren, die sich sehr auf die fachliche Bearbeitung von Fällen konzentrieren. Das ist zwar nachvollziehbar, weil Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen heute mit ihrer Tätigkeit in viele Bereiche vorstoßen und entsprechende Kenntnisse benötigen. Sie arbeiten mit Kindern, Jugendlichen, Familien, haben mit Sucht- und Drogenkranken zu tun oder sind in der Schuldnerberatung tätig, nur um einige Beispiele zu nennen. Hier spielen Inhalte aus einer Vielzahl an Fachgebieten eine Rolle. Dabei ist etwas aus dem Blick geraten, dass die Fähigkeiten integriert und immer wieder hinterfragt werden müssen. In der Sozialen Arbeit wird mir zu sehr auf Basis rein fachlicher Argumente gehandelt.

Was meinen Sie damit?

Wir beschreiben Verfahren, definieren Prozesse. Was aber zu wenig dezidiert in den Fokus genommen wird, ist die Antwort auf die Frage, welche Güter eigentlich wertvoll sind, welche Gewichtung wir bei der Abwägung vornehmen und welche Konsequenzen unser Handeln und unsere Entscheidungen haben. Dazu kommen gruppendynamische Faktoren und hierarchische Aspekte – die Fachkraft fragt sich, was die Leitung zu bestimmten Empfehlungen sagen wird. Oft handeln die Verantwortlichen Kompromisse aus, die in diesen Fällen nicht immer gut sind. In diesem Mix kommen ethisch-reflexive Überlegungen schlicht zu kurz.

Wie beurteilen Sie die Checklisten, die Fachkräfte in der Sozialen Arbeit als Basis für ihre Entscheidungen nutzen? Führt diese Standardisierung in einem Bereich, in dem es stark auf individuelle Voraussetzungen ankommt, nicht gänzlich in die falsche Richtung?

Grundsätzlich geht es immer darum, einen effizienteren Schutz zu erreichen. Aus diesem Grundgedanken resultierten Bestrebungen, Standards zu schaffen, um in sehr sensiblen Bereichen Entscheidungen nicht vom Ermessen einer oder mehrerer Fachkräfte abhängig zu machen. Außerdem wollte man Evidenzen schaffen und handfeste Belege haben, um Entscheidungen sicher begründen zu können. Die Checklisten sind wichtig und sinnvoll, wenn wir über die „Points to consider“ sprechen. Sie geben eine Orientierung, auf welche Punkte es ankommt und verhindern, dass die Fachkraft Aspekte nicht berücksichtigt. Auf der anderen Seite ist es natürlich fraglich, wie viel sich in den Bereichen, in denen sich die Soziale Arbeit bewegt, objektiv messbar machen lässt. Die Zweckmäßigkeit endet außerdem da, wo kein oder nur wenig Raum für eigene Einschätzungen übrig bleibt, was in der Praxis aber viel zu häufig vorkommt.

Sie haben damit schon eine Begründung geliefert, warum Reflexion so wichtig ist. Was spricht aus Ihrer Sicht noch dafür?

Die Verantwortung des Sozialarbeiters ist sehr hoch, ebenso die Reichweite der Entscheidungen. Sozialarbeiter schreiben Entwicklungsberichte, erstellen Prognosen, all das ist dann auch aktenkundig. Enorme Tragweite bekommt das beispielsweise, wenn es um die Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung geht. Für diese Verantwortung sensibilisiert zu sein, bedeutet, dass man sich schon im ethisch-reflexiven Bereich bewegt.

Sie sprechen das Thema Kindeswohl an. Unsere Gesellschaft beschäftigt sich sehr intensiv damit, das hat sich ein Stück weit verändert. Warum ist das so?

Tatsächlich haben wir es hier mit einem Auffassungswandel zu tun. Ein Beispiel: Bis in die siebziger, achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war der Klapps auf den Po gesellschaftlich legitim, heute stellen sich Eltern damit außerhalb der akzeptierten Norm. Das Positive dabei ist, dass wir uns weiterentwickeln. Das heißt, wir wissen immer mehr darüber, was Kinder und Jugendliche angeht, was gut für sie ist – und was nicht. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass die Kindheit immer mehr institutionalisiert wird. Eltern haben die Möglichkeit, ihr Kind schon früh in fremde Betreuung zu geben, damit geht ein früherer Zugriff auf die Kindheit einher. Der geschulte Blick auf die Entwicklung des Kindes beginnt zu einem früheren Zeitpunkt. Dementsprechend sind Auffälligkeiten schneller erkennbar. Letztlich ist auch die Aufmerksamkeit in den Medien gestiegen.

Kommen wir vom Abstrakten zum Konkreten: Welche Instrumente zur ethischen Reflexion stehen in der Praxis zur Verfügung?

Die Instrumente sind nicht das eigentliche Problem. Wenn wir uns zum Beispiel die Arbeit im Jugendamt ansehen, existieren unterschiedliche Settings, die je nach Träger unterschiedlich stark implementiert sind. Dazu gehören kollegiale Beratung, Intervision oder die Fallsupervision mit externen Fachkräften. Die Personen nähern sich einem Fallgeschehen auch reflexiv. Mir kommen allerdings innerhalb dieser Methoden ethische Aspekte zu kurz.

Was empfehlen Sie?

Zunächst einmal müssten die Träger der Reflexion mehr Raum geben und diesem Aspekt mehr Zeit geben. Fachkräfte sollen die Möglichkeit haben, gemeinsam in Ruhe und mit der gebotenen Sorgfalt Situationen und Ereignisse zu reflektieren und zu bewerten. Was die ethischen Maßstäbe angeht, benötige ich etwas, das im Alltag der Sozialen Arbeit praktisch anwendbar ist. Vorhandene Moralphilosophien sind dafür meistens nicht geeignet und kommen mitunter sogar zu zynischen Ergebnissen. Daher empfehle ich als moralische Leitlinien mittlere ethische Prinzipien, die wir aus dem ärztlichen Handeln kennen. Die Forderungen hier lauten Respekt vor der Autonomie, das Gebot des Wohltuns, die Verpflichtung zum Nichtschaden und der Anspruch, Gerechtigkeit walten zu lassen. Der meines Erachtens unbestreitbare Vorteil dieses Prinzipienmodells liegt darin, dass im Zuge der Spezifizierung die jeweiligen gleichrangigen Prinzipien mit kontextspezifischem Gehalt anreichern und sich auf diese Weise für eine konkrete Situation mit ihren individuellen Umständen nutzen lassen. Zu ergänzen ist das um das Solidaritätsprinzip und das Effektivitätsprinzip. Ersteres verpflichtet uns, uns solidarisch für die Interessen der Adressatinnen und Adressaten einzusetzen, letzteres zwingt uns, die Wirksamkeit des eigenen Tuns zu prüfen und sicherzustellen. Last but not least müssen Entscheidungen auch einer Verhältnismäßigkeitsprüfung standhalten.

Was meinen Sie damit?

Nur wirksam zu arbeiten, kann nicht das Ziel der Sozialen Arbeit sein. Auch falsche Maßnahmen oder solche, bei denen keine Abwägung stattgefunden hat, erzielen ja eine Wirkung. Ein gutes Ergebnis erzielen wir meines Erachtens nur, wenn wir Geeignetheit, Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit einer Maßnahme prüfen. Nur so können wir der Komplexität des Einzelfalls gerecht werden und haben die einzelnen und zum Teil sehr stark im Widerspruch stehenden Güter gebührend berücksichtigt.

Wie setzen Sie Ihre Forderungen in der hochschulischen Praxis um? Wie bringen Sie Ihren Studierenden die Notwendigkeit der ethischen Reflexion bei?

Das Vorgehen ist induktiv. Wir gehen ganz praktisch vom Einzelfall aus und kommen von der Praxis zum Allgemeinen, zum akademischen Teil, wenn Sie so wollen. Das Schöne dabei ist: Wenn Studierende mit einem reellen Konflikt konfrontiert sind, kommen sie fast automatisch in die Güterabwägung. Diese Fragen vertiefen wir: Was ist am konkreten Fall schwierig? Was steht auf dem Spiel? Welche weiteren Aspekte spielen eine Rolle? Die Studierenden sollen hier die Rolle der Fachkraft übernehmen, Entscheidungen finden und Argumente für ihr Handeln entwickeln.

ÜBER DEN AUTOR

Alexander Pradka
Alexander Pradka ist Teil der adhibeo-Redaktion. Er ist Pressesprecher der Hochschule Fresenius gem. GmbH und in dieser Funktion zuständig für die Bereiche Gesundheit & Soziales, Chemie & Biologie sowie Wirtschaft & Medien am Standort Wiesbaden.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.