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Wirtschaft und Management

„Das Lagerfeuer glimmt nicht einmal mehr“

von Redaktion, am 20.11.2016

Am 21. November ist der Welttag des Fernsehens. Ein guter Anlass, um auf die Geschichte des linearen Fernsehens in Deutschland zurückzublicken. In einem Buchbeitrag hat sich Prof. Axel Beyer, Studiendekan Medien- und Kommunikationsmanagement an der Hochschule Fresenius Köln, dieser Aufgabe angenommen.

Wie erwartet waren die Olympischen Sommerspiele von Rio ein TV-Event der Superlative. Die Live-Übertragungen olympischer Wettkämpfe sorgen alle vier Jahre für Top-Quoten bei deutschen Fernsehsendern. Schon die Olympiade von Berlin 1936 markierte „einen ersten Höhepunkt“ für das Fernsehen, schreibt Prof. Axel Beyer, Studiendekan Medien- und Kommunikationsmanagement an der Hochschule Fresenius Köln, in seinem Aufsatz „Die Geschichte des Fernsehens in Deutschland“. Der Grund: Sie war die erste größere Sportveranstaltung, über die live im Fernsehen berichtet wurde. „Zu sehen waren diese Bilder allenfalls in etwa 200 Haushalten auf dem so genannten ‚Volksfernseher‘ E 1“, gibt Beyer allerdings in seinem Beitrag zu bedenken und vermittelt dem Leser damit einen ersten Eindruck, was sich in 80 Jahren Fernsehgeschichte so alles getan hat.

Steckte das lineare Fernsehen in den 1930er Jahren in Deutschland gewissermaßen noch in den Kinderschuhen, so könnte man heute diagnostizieren, dass es – um im Bild zu bleiben – am Rollator geht. In die Jahre gekommen ist es jedenfalls, daran besteht kein Zweifel. Auch hier sprechen Fakten zur Übertragung der Olympischen Spiele von Rio für sich: Um dem Publikum maximale Wahlfreiheit bei der Auswahl der Sportberichte zu geben, konnten parallel stattfindende Wettbewerbe per Livestream über die Onlineportale von ARD und ZDF abgerufen werden.

Zwischen 20.00 und 20.15 durfte man früher niemanden anrufen: bei der „Tagesschau“ wollte man nicht gestört werden

Die Festlegung des Fernsehprogramms, die beim linearen Fernsehen in den Anstalten vorgenommen wurde und wird, wird heute mehr und mehr dem Zuschauer überlassen – und zwar nicht nur in Bezug auf Sportsendungen: „Wann ich mir heute die ‚Tagesschau‘ ansehe, kann ich selbst entscheiden, in der ARD-Mediathek ist sie ständig verfügbar“, gibt Beyer im Interview mit adhibeo ein Beispiel. Noch bis in die 1980er Jahre hinein habe es dagegen in vielen deutschen Haushalten zum guten Ton gehört, zwischen 20.00 und 20.15 Uhr nicht bei Freunden oder Verwandten anzurufen – „die saßen da vor dem Fernseher, haben Tagesschau geguckt und wollten nicht gestört werden.“

Wie um ein Lagerfeuer habe man sich damals um das Fernsehgerät versammelt. „Und über die Geschichten, die am Lagerfeuer erzählt wurden, konnte man am nächsten Tag mit fast jedem diskutieren – denn fast jeder hatte sie am Vorabend vom Nachrichtensprecher oder vom ‚Wetten, dass..?‘-Moderator gehört“, erklärt Beyer. Das lineare Fernsehen habe so seit seinem Aufstieg zum Massenmedium in den 1960er Jahren die Menschen mit Gesprächsstoff versorgt und auf diese Weise auch Gemeinschaft gestiftet.

Die Vielfalt der Bewegtbildangebote spricht für die Meinungsfreiheit in Deutschland, sorgt aber auch für eine gewisse Unordnung

Schon mit dem Markteintritt des Privatfernsehens Mitte der 1980er Jahre und der daraus resultierenden Programmvielfalt wurde Wasser in das Lagerfeuer geschüttet. Nach den Umwälzungen infolge der Digitalisierung des Fernsehens glimmt das Feuer nicht einmal mehr“, so Beyer. Der Medienprofessor ist sich sicher, dass die vielen unterschiedlichen Bewegtbildangebote, die heute über das lineare oder das digitale Fernsehen wie auch im Internet abgerufen werden können, zur Fragmentierung der Gesellschaft beitragen: „Uns gehen gemeinsame Bezugspunkte verloren und deshalb zerteilt sich unsere Gesellschaft in kleinere Einheiten. Das individuelle Mediennutzungsverhalten bestimmt ein Stückweit, welcher sozialen Gruppe ich mich zugehörig fühle.“

Zwar sei das Nebeneinander unterschiedlichster Fernsehinhalte ein Indiz dafür, dass es um die Meinungsfreiheit in Deutschland gut bestellt ist. „Andererseits wird dieses Nebeneinander von manchen auch als ein Durcheinander empfunden, die Freiheit der Wahl wird dann zur Qual der Wahl“, warnt Beyer. Viele empfänden daher eine gewisse Sehnsucht nach Struktur und Ordnung. Dafür habe früher noch das lineare Fernsehen gesorgt. Doch diese Zeit sei definitiv vorbei, so Beyer. Es sei nun die Aufgabe der Schulen und Hochschulen, die Zuschauer und Nutzer auf diese veränderten Bedingungen vorzubereiten.

ÜBER DEN AUTOR

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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