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Kommt die DIN-Norm für Unternehmensgründungen?

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von Alexander Pradka, am 18.04.2019

Ein Konsortium hat sich Gedanken darüber gemacht, ob und wie sich Prozesse im Vorfeld der Gründung eines Unternehmens standardisieren lassen.* Herausgekommen ist dabei eine so genannte DIN-Specification (DIN SPEC 91354). Sie kommt recht schlank daher und verzichtet auf lange Erläuterungen. Profitieren soll vor allem die Technologiebranche, weil man sich gerade dort nach Ansicht des Konsortiums mit Geschäftsmodellen schwer tut. Aber auch für Geldgeber soll das Grundsatzpapier Vorteile haben: Diese können schnell erkennen, ob Gründer wesentliche Grundsätze eingehalten haben. Was hinter der Spezifikation steckt und wie daraus eine Norm werden könnte, darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Stephan Haubold vom Competence Center Entrepreneurship für die Region Frankfurt Rhein Main der Hochschule Fresenius, der wesentlich an der Entwicklung der DIN-Specification beteiligt war.

Herr Haubold – Gründen und Standardisierung, ist das nicht grundsätzlich ein Widerspruch?

Prof. Dr. Stephan Haubold: Auf den ersten Blick vielleicht schon, weil „Normierung“ und die „Entfaltung von Kreativität“ nicht unbedingt Begriffe sind, die zueinander passen. Aber: 20 Jahre intensive Beschäftigung mit dem Thema zeigen, dass eine Standardisierung in diesem Bereich Sinn macht. Die grundlegenden Fragen, die sich ein Gründer stellt, sind immer die gleichen, ebenso die Punkte, die ein Gründer einfach erledigt haben muss. Da ist es naheliegend, ein Grundsatzpapier zu entwickeln. Auf der anderen Seite dient es gerade auch der Vereinfachung: Einen klar verständlichen und übersichtlichen Plan über die zwingend notwendigen Schritte zu haben, hilft ungemein. Das trifft vor allem auf die von uns angesprochene Branche zu.

Sie haben mit dem Grundsatzpapier in erster Linie die Technologiebranche im Fokus. Wer gehört dazu?

Wir wollen Menschen ansprechen, die sich im Studium überwiegend mit Themen aus dem Bereich Forschung und Entwicklung beschäftigen. Eingrenzen lässt sich das am besten mit den so genannten MINT-Fächern. Es können zum Beispiel auch Programmierer sein.

Ist der von Ihnen adressierte Kreis denn so gründungsfreudig?

Nein, eigentlich nicht, diese Branche tut sich mit dem Gründen eher schwer. Vielleicht liegt das eben auch darin begründet, dass es an einer Hilfestellung, wie wir sie anbieten, bisher fehlt. Nehmen wir einmal die chemische Industrie: der Anteil der Start-ups am Gesamtbestand aller Unternehmen in dieser Branche liegt aktuell nur bei circa fünf Prozent. Und: laut statistischem Bundesamt liegen die Innovationsaufwendungen der chemischen Industrie gemessen am Branchengesamtumsatz ebenfalls gerade einmal bei 0,4 Prozent. Wir haben rund 12.000 Chemiestudenten in Deutschland – und gerade einmal 16-20 Neugründungen im Jahr. Die Branche lässt eindeutig Potenzial liegen. Auch der Hightech-Gründerfonds bemängelt, dass es generell zu wenige gibt, die ein Unternehmen gründen wollen – und es mangelt an Unternehmen, die Start-ups kaufen möchten.

Wo liegen in dieser Branche die Schwierigkeiten,  so dass es nun sogar einer DIN-Norm bedarf?

Techniker sind sehr verliebt in ihre Entwicklung und glauben, dass sie für sich spricht und alle sofort den Mehrwert nachvollziehen können. Die entscheidenden Fragen sind aber: Welches real existierende Problem löst das Produkt oder die Dienstleistung? Wo liegt das Wertversprechen, das der Kunde mit dem Kauf realisiert? Von der Antwort auf diese Frage sind die meisten Technologiegründer sehr weit entfernt. Wir treffen sehr häufig auf Lösungen, die noch ihr Problem suchen. Die Entwicklungen an sich sind prima, es gibt aber keinen Markt. Es hilft nichts, wenn Gründer nur Investoren überzeugen oder mit Vorträgen Säle füllen. Leute müssen dafür bezahlen wollen und die angebotene Lösung auch als solche wahrnehmen. Gründer müssen ihre Kunden und den Markt kennen, dazu müssen sie aber raus und mit den Menschen sprechen und Fragen stellen. Mir hat mal ein gründungswilliger Student gesagt: Da bekomme ich ja Antworten, die ich gar nicht hören möchte. Das zeigt schon einen Großteil des Dilemmas. Und dieses mangelnde Verständnis für den Markt spiegelt sich auch in der Planung wider: Es werden keine Businesspläne vorgelegt, sondern technische Beschreibungen. Genau da möchten wir ansetzen und klar, präzise sowie transparent den Rahmen vorgeben. Erst wenn unsere Punkte zu hundert Prozent abgehakt werden können, sind die notwendigen Basisvoraussetzungen für eine Gründung geschaffen.

Was ist mit der Methodik und der Frage nach dem „Wie“?

Darauf gehen wir ganz bewusst nicht ein. Wir hatten es zunächst vor, haben aber dann gesehen, wie unterschiedlich die Vorstellungen sind und dass sich Methoden häufig ändern. Es wird außerdem schnell sehr umfangreich und unübersichtlich, was unsere Zielsetzung torpediert hätte. Wir müssen einsehen: An diesem Punkt hat die Standardisierung ihre Grenze. Das ist aber nicht schlimm. Wenn ich mir über den Rahmen wirklich klar bin, wird sich auf dieser Basis auch ein Konzept zur weiteren Vorgehensweise entwickeln lassen. Wir müssen aber an diesem früheren Punkt ansetzen, denn an den Rahmenbedingungen scheitern schon viele Projekte und wir müssen uns über Methoden gar nicht unterhalten.

Wo stehen wir heute mit dem Grundsatzpapier?

Es handelt sich um eine DIN-Specification, also noch keine Norm. Die haben wir erst, wenn möglichst viele Institutionen, also Ministerien, die Fördergelder vergeben, Investoren, Banken oder zum Beispiel auch der Hightech-Gründerfonds dem Papier zustimmen und als Standard etablieren, also zum Beispiel nur dann Gelder freigeben, wenn der Gründungsprozess gemäß unserer Specification abgelaufen ist. Mittelfristig wollen wir erreichen, dass sich Gründer zertifizieren lassen und vielleicht sogar ein Siegel erhalten, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen. Die Anfänge bei der Etablierung der ISO9001-Zertifizierung waren übrigens ganz ähnlich wie jetzt bei uns. Vertreter des DIN e.V. sprechen gerade mit Ministerien darüber, sie ist auch die einzige neutrale Institution, die das kann.

* Das Deutsche Institut für Normung e.V. – DIN – hat einen Wettbewerb ausgelobt, bei dem man sich mit innovativen Standardisierungsthemen bewerben konnte. Gewonnen hat Dr. Meiko Hecker (AMO-Systems GmbH), der daraufhin ein Konsortium initiiert hat, mit dem Ziel, einen Leitfaden für technologie- und wissensbasierte Gründungen zu entwickeln. Daraus ist die DIN SPEC 91354 entstanden. Dem Konsortium gehören neben Hecker und Prof. Dr. Stephan Haubold von der Hochschule Fresenius außerdem an: Sascha Peters (axxessio GmbH), Dr. Frank Zimmermann (cesah GmbH Centrum für Satellitennavigation Hessen), Christian Plath (Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft), Martin Proba (IHK Darmstadt), Gudrun Lantelme (Technische Universität Darmstadt, Dezernat Forschung und Transfer), Prof. Dr. Carolin Bock (Technische Universität Darmstadt, Fachgebiet Gründungsmanagement), Dr. Andreas Walkenhorst (Tergau & Walkenhorst Patentanwälte Rechtsanwälte).

Über den Autor

Alexander Pradka
Alexander Pradka ist Teil der adhibeo-Redaktion. Er ist Pressesprecher der Hochschule Fresenius gem. GmbH und in dieser Funktion zuständig für die Bereiche Gesundheit & Soziales, Chemie & Biologie sowie Wirtschaft & Medien am Standort Wiesbaden.

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