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IT, Mobilität und Technologie

Eine nationale Aufgabe

von Juliane Mischer, am 08.05.2019

Wir leben in einer Welt radikalen Wandels. Besonders die digitale Transformation verändert unser tägliches Leben und Arbeiten in nie gekannter Weise. Auch die Hochschulen müssen sich dieser Herausforderung stellen. Wie kann das in einer Wissenschaftsinstitution gelingen? Darüber spricht Prof. Dr. Ekkehart Baumgartner, stellvertretender Präsident und Vizepräsident für Studium und Lehre im Präsidium der Hochschule Fresenius, im adhibeo-Interview.

Wie können Hochschulen ihre Studierenden auf eine drastisch veränderte Arbeitswelt vorbereiten – insbesondere wenn ständig neue Berufsbilder entstehen?

Wir wissen, dass 65 Prozent der Schüler, die heute zwischen sechs und 13 Jahren alt sind, Berufe ausüben werden, die noch gar nicht bekannt sind. In der Tat gibt es schon aus diesem Grund großen Handlungsbedarf für die Hochschulen, denn wir bilden für einen Arbeitsmarkt aus, der diffus ist und sich rasant ändert. Aber wir sollten darauf nicht mit immer neuen Studiengängen reagieren, es gibt schon allein in Deutschland über 19.000 Studiengänge. Für mich ist es sehr viel wichtiger, wie wir mit unseren bestehenden Formaten zu reaktionsfähigen Bildungsabschlüssen kommen. Insbesondere, weil wir in den angewandten Wissenschaften zu Hause sind.

Was genau verstehen Sie darunter?

Zum einen müssen Hochschulen auf die Anforderungen und Veränderungen in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes sehr viel schneller reagieren können. Beispielsweise mit Modulen in einem Grundlagensemester, in denen die Übernahme von Verantwortung, die Selbstaneignung von technologischen Anforderungen oder das flexible Arbeiten in unterschiedlichen Kontexten vermittelt werden. Auf der anderen Seite müssen wir für Durchlässigkeit sorgen, indem ein Studium von Anfang an als lebenslanges Lernprinzip verstanden wird. Lebenslanges Lernen sollte deshalb in einem Bildungs- oder Studienprozess von Anfang an verankert werden. Dazu gehört, die Studierenden schon früh zu vernetzen, sie mit dem Arbeitsmarkt vertraut zu machen, und es ist in diesem Zusammenhang nur zielführend, auch ergänzende, außercurriculare Zusatzmodule anzubieten, etwa auf einer eigenen, digitalen Lehrplattform, um Studierende im Laufe ihres Studiums schon auf ihren individuellen Karriere- und Lebensweg flexibel vorzubereiten. Wir haben mit dem studyplus-Konzept eine eigene Vorgehensweise dazu am Haus, die ich gut finde.

Das statische Lehr- und Lern-Modell an Hochschulen, das wir über Jahrzehnte kannten, ist in Frage gestellt. Hochschulen können und sollten ihre Freiheiten und Spielräume nutzen, um selbstbewusst die hochschulische Tradition zu hinterfragen und Neuinterpretationen ihrer relevanten Rolle für die Gesellschaft zu wagen. Es kann niemand etwas dagegen haben, wenn konstruktive und begründete Ansätze zur Erneuerung von Hochschulen geliefert werden.

Wie gehen Sie vor?

Um eine notwendige Weiterentwicklung in Studium und Lehre zu erreichen, sollten wir zunächst einmal eine allzu enge Innensicht vermeiden. Hochschulen beschäftigen sich gerne mit sich selbst, doch die Aufgabe ist eine sehr viel weiter gefasste: Wir müssen uns der Dynamik und den Veränderungen um uns stellen. Das hat sehr viel mehr mit Öffnung und Perspektivenwechsel zu tun als mit der bewährten Gewohnheit. Studiengangsmodelle sollten beispielsweise so formuliert sein, dass sie auf inhaltlich-notwendige Veränderungen reagieren können, ohne sofort bürokratische Reakkreditierungsprozesse anstoßen zu müssen. Deshalb überprüfen wir an unserem Haus die Modultypen und beziehen das Qualitätsmanagement von Anfang an mit ein. Folgende Beispiele: Wenn wir vom Studiengangsmodell Vollzeitstudiengang sprechen, dann fokussieren wir in den Modultypen blended learning-Ansätze, also einen Mix aus Präsenz- und onlinegestützter Lehre. Reden wir vom Studiengangsmodell Teilzeitstudiengänge, dann stehen hybride und asynchrone Modultypen im Zentrum, das heißt, der Studierende entscheidet selbst, wann und wo er studiert, die Digitalisierung entgrenzt dabei Zeit und Ort. Und sprechen wir von der berufsbegleitenden Fernlehre, dann von einem hochschuldidaktischen Konzept, das neben den hybriden Anteilen und einem Höchstmaß an Flexibilität und Selbststudium auch kurze Präsenzphasen einbaut. In diesen Kategorien zu denken, ist etwas grundsätzlich anderes, als sich in einem statischen Inhalts-Modell zu bewegen. Denn diese Kategorien stellen den Studierenden und seine Bedarfe in den Mittelpunkt – wir argumentieren von den veränderten Qualifizierungsmerkmalen her und setzen auf flexibel ausgerichtete Studiengangsmodelle.

Studiengänge bleiben aber dennoch über Jahre hinweg fest akkreditiert, es existiert also ein vorgegebenes, starres Konzept. Wie ist es dabei aus Ihrer Sicht möglich, Studieninhalte flexibel an gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen anzupassen? Wie können diese flexiblen Module konkret aussehen?

Bisher sprach ich von Studiengangsmodellen und Modultypologien. Ich füge noch das Moduldesign hinzu: Pädagogische Konzepte werden mit neuester Medientechnik innovativ. Deshalb gibt es an unserem Haus auch den „Tag der digitalen Lehre“, den dazugehörigen Lehrpreis und unser Zentrum für Hochschuldidaktik. Wir können Modulkombinationen durch kollaborative Ansätze, Flipped Classrooms, Video- und Rapid-Learning oder Inverted Classrooms so entwickeln, dass sie die bedarfsgerechte Individualkompetenz der Studierenden fördern, ohne dabei das Lernziel aufzuweichen. Im März war ich Mitglied eines Hearings der iF Foundation. Die Präsidiumskollegen der deutschen Hochschulen sind sich bewusst, dass Studierende eine sehr viel stärkere Individualförderung brauchen.

Das rasante Tempo des Wandels ist natürlich auch eine Herausforderung für die Forschung. Wie gelingt aktuelle angewandte Forschung? Wie werden zukunftsrelevante Themen identifiziert?

Grundsätzlich ist die Forschung frei, jeder Wissenschaftler entscheidet über seine Forschungsschwerpunkte und seine Veröffentlichungen selbst. Ich bin auch der Überzeugung, dass die individuelle Wahrheitssuche an Hochschulen Schutz benötigt. Aber es ist ebenso sinnvoll, und das ist kein Widerspruch zu meiner eben geäußerten Bemerkung, dass Hochschulen aus ihrem Selbstverständnis heraus auch Forschungscluster bilden, die sich bestimmten Zukunftsthemen zuwenden. Die Hochschule Fresenius macht dies. Wir setzen auf die Vielfalt der Fachbereiche. In jedem Fachbereich gibt es Prodekane für Forschung, die mit ihren akademischen Kolleginnen und Kollegen Themen herauskristallisieren und diese in die Forschungscluster und das Präsidium einbringen. Die Bündelung von Schwerpunkten ist ja ganz im Sinne einer Hochschulentwicklungsplanung und sollte immer auch das Leitbild der Hochschule operationalisieren. Daraus ergibt sich also eine Logik, die der Freiheit von Forschung nicht im Wege steht. Die Cluster sind sozusagen ein anregendes und erweiterndes Angebot, sich zu beteiligen. Sollte dann noch ein nachweisbarer Transfer von der Forschung in die Lehre erfolgen und sollten darüber hinaus neue Studiengänge angestoßen werden, ist das ein starkes Signal für die Hochschule.

Zurück zum digitalen Wandel: Hochschulen thematisieren den digitalen Wandel natürlich nicht nur, sondern sind ihm auch selbst unterworfen. Wie sieht Lehre im digitalen Zeitalter aus?

Im Zentrum stehen der Studierende und sein Anspruch auf Individualkompetenz, um am Arbeitsmarkt bestehen zu können. Was ein Studienangebot mit bedarfsgerechten Abschlüssen benötigt, ist an folgenden Fragen abzulesen, die wir uns von Anfang an stellen: Wie muss das Studium strukturell sinnvoll aufgebaut sein? Wie viel Präsenz ist zielführend, wie viele E-Learning-Anteile? Wie viel Hybridität, wie viel Selbststudium? Welche synchronen und asynchronen Anteile werden gewählt? Welche Methoden und Moduldesigns sind die richtigen für welche Inhalte?

Wir koppeln unsere Ansätze immer an die hochschuldidaktische Verantwortung, damit meine ich die Qualität der Lehre. Diese Verantwortung in Bezug zur Erneuerung wird auch in einem Leitbild für die Lehre ersichtlich, an dem ich gerade mit einer Gruppe des Senats arbeite, in diesen Tagen werden weitere Gremien eingebunden. Das Hinterfragen unserer Arbeit führt zum Kern unseres Selbstverständnisses zu lehren und zu forschen. Das ist befreiend und bereichernd. Jede Erneuerung braucht ein Werteverständnis und ein Argumentationsfundament. Eine Gemeinsamkeit.

Provokativ gefragt: Finden Seminare bald nur noch online statt, weil wir um die Digitalisierung nicht mehr umhin können?

Nein, sicher nicht. Wann Präsenz und wann E-Learning sinnvoll ist, hängt immer von den Studieninhalten und der studentischen Zielgruppe ab. Im Fachbereich Design arbeiten Modedesigner in der Nähwerkstatt. Im Fachbereich Chemie & Biologie gehen unsere Naturwissenschaftler ins Labor. Im Fachbereich Gesundheit & Soziales benötigen die Physiotherapeuten Behandlungsräume. Das kann nur in der Präsenz funktionieren, da es um Anwendung, direkten Austausch und Erfahrbarkeit geht. Darüber hinaus ist der aktive Dialog zwischen Studierenden untereinander und mit dem Lehrkörper nach wie vor für die Lebendigkeit der Wissenschaft essentiell!

Und am Ende zählt immer der Lernerfolg. Auch in unserem Fernstudium setzt die Hochschule akademische Berater und verschiedene Regularien ein, damit Studierende immer wieder den direkten Kontakt mit der Hochschule halten und der Lernerfolg überprüft werden kann. Das ist natürlich aufwendig, aber auch Ausdruck von Verantwortung.

Digitale Elemente aus dem Alltag können natürlich auch in der Präsenzlehre eingesetzt werden, um diese zeitgemäß zu gestalten.

Die digitale Welt, in der sich die Studierenden befinden, sollte ernst genommen werden. Alle haben heute stets ihre Smartphones und damit gigantische Informationszugänge verfügbar. Das war früher, als beispielsweise ich studierte, völlig anders. Hochschulen kommen ihrer aufklärerischen Aufgabe nach, wenn sie im kritischen Diskurs die Informationswelle überprüfbar machen. Die Gründlichkeit, die Beweisführung, die Objektivität sind das, was Wissenschaft ausmacht. Wir wollen den digitalen Alltag so nutzen, dass die Studierenden selbst kritisch und reflektiert aktiv werden. Dabei können Lernvideos, ein digitales Smartboard oder auch eine Cloud-Lösung, mit der alle kollaborativ zusammenarbeiten, zum Einsatz kommen. Dies hat auch Auswirkungen auf die Ausgestaltung der Lehrräume – ein weiteres großes Thema.

Welche konkreten Projekte in diesem Kontext werden schon an der Hochschule Fresenius umgesetzt? Und was ist für die Zukunft geplant?

Wir haben an der Hochschule eine Reform angestoßen, um Studium und Lehre zu erneuern. Im letzten Jahr haben wir die Planungen dazu aufgesetzt, in diesem Jahr geht es um die erste Phase der Umsetzung. Wir verändern vor allem das System der Programmplanung und entwickeln hierfür neue, verbindliche Standards. Die Studiengangsentwickler sind dabei die gleichen: unsere Hochschullehrer. Sie sind für die Inhalte verantwortlich. Aber sie werden in der Mediendidaktik durch unsere neuen Instructional Designer, die seit April arbeiten, unterstützt. Außerdem werden alle Mitarbeiter zum Thema digitale Lehre geschult und Verbundstrukturen aufgebaut, die fachbereichsübergreifend die Möglichkeiten zum Einsatz digitaler Methoden verbessern.

Zusätzlich bauen wir gerade Medienlabore auf: Wir fangen in München an und planen derzeit einen zweiten Standort. In den Medienlaboren können alle Fachbereiche, die am Standort vertreten sind, in Zukunft e-Content produzieren, zum Beispiel Lehrvideos. Gleichzeitig wird der Raum für Lehrveranstaltungen genutzt.

Verschiedene Arbeitskreise stellen sich den Aufgaben der Reformagenda: Prozesse müssen angepasst, Mitarbeiter geschult, Medienlabore aufgebaut und Fachbereiche zur interdisziplinaren Gemeinsamkeit ermutigt werden. Unsere Agenda für die Erneuerung von Studium und Lehre, die sich viel Freiheit zum Denken nimmt, folgt grundsätzlich den hochschulischen Rahmenbedingungen, den Empfehlungen des Wissenschaftsrats und des Stifterverbands. Wertvolle Hinweise lieferte auch unser Hochschulrat. Das geschieht in einer Einheit. Die Kultusministerkonferenz sprach übrigens gerade über die Digitalisierung in Studium und Lehre von einer „nationalen Aufgabe“. Das trifft zu.

Über den Autor

Juliane Mischer
Juliane Mischer ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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