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Sport und Tourismus

„Beim Yoga geht es nicht um den bloßen Konsum einer Sportart“

von Redaktion, am 19.06.2016

Am 21.06. wird – erst zum zweiten Mal überhaupt – der Weltyogatag begangen. Ein guter Anlass, um sich mit der deutschen Yoga-Szene auseinanderzusetzen. Als aktiver Yoga-Lehrer und Medienexperte beobachtet Prof. Dr. Ludwig Hinkofer, Leiter der Media School an der Hochschule Fresenius München, die Szene seit Jahren. Die von Digitalisierung und Kommerzialisierung getriebenen Entwicklungen dort sieht er durchaus kritisch, wie er im Interview verrät.

Herr Prof. Hinkofer, Studien zufolge betreiben aktuell rund drei Millionen Menschen in Deutschland Yoga – das ist kein Trend mehr, das ist eine Bewegung! Unter den drei Millionen Yogatreibenden befinden sich rund 100 000 Yogalehrende – Sie sind einer davon und gehen dieser Tätigkeit im Nebenberuf nach. Was sind die Gründe für den Yoga-Hype?

Das stimmt, ich bin in der Yoga-Szene schon sehr lange unterwegs, wobei ich dazu sagen muss, dass ich meine Tätigkeit als Yoga-Lehrer weniger als Nebenberuf als vielmehr als Hobby verstehe. Derzeit unterrichte ich einmal pro Woche nach der Arbeit einige meiner Hochschul-Kollegen, man kann hier von einer Art „Business-Yoga“ sprechen – und damit sind wir dann auch schon bei ihrer Frage: Yoga ist mittlerweile so erfolgreich, weil es für Personen interessant geworden ist, die der Lehre früher eher skeptisch begegnet sind. In den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts wurde Yoga ja eher in der Esoterik- und Spiritualitätsecke verortet. Diese Zeiten sind vorbei.

Wie hat es die Yoga-Lehre aus dieser Ecke herausgeschafft?

Ich denke, hier spielt ganz klar das gestiegene Gesundheitsbewusstsein in unserer Gesellschaft eine Rolle. Viele Menschen achten besser auf ihren Körper, sie suchen einen Ausgleich zum Stress und der Bewegungsarmut des Arbeitslebens – und durch Word of Mouth hat sich in den letzten Jahren eben herumgesprochen, dass Yoga in diesem Zusammenhang sehr wirkungsvoll sein kann.

Zu der Popularität hat sicherlich auch die Ausdifferenzierung des Yoga-Angebots beigetragen. Heute kann man bestimmte Arten des Yoga zu Entspannungs- und Therapiezwecken betreiben. Man kann aber auch ganz andere Yoga-Kurse belegen, in denen es eher darum geht, sich auszupowern oder den eigenen Körper in Form zu bringen.

Yoga gilt heute als hip und zieht ganz unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen an. Hier hat sich eine eng miteinander verbundene Community herausgebildet, von der die Yoga-Bewegung getragen wird. Ich glaube deshalb auch nicht, dass wir uns derzeit auf dem Höhepunkt eines Hypes befinden, der in den kommenden Jahren nachlassen wird. Yoga wird in naher Zukunft kaum an Popularität einbüßen.

Die Digitalisierung wird jedenfalls bestimmt nicht zu einem Popularitätsverlust beitragen. Als Medienprofessor verfolgen Sie die Entwicklungen in diesem Zusammenhang natürlich genau. Was passiert da gerade?

Ja, die Digitalisierung macht selbstverständlich auch vor der Yoga-Szene nicht Halt. Die meisten Yoga-Studios, oft auch einzelne Lehrer, betreiben mittlerweile eigene Internetseiten. So kann man sich als Interessierter natürlich viel einfacher über Yoga-Angebote informieren und Vergleiche anstellen als früher. Gerade beim Vergleichen spielen auch die Sozialen Medien eine wichtige Rolle. Hier kann man davon ausgehen, dass zum Beispiel die Anzahl der Likes einer Facebook-Fanpage oder auch die dort abgebildeten Bewertungen auf der Nachfrageseite Eindruck hinterlassen.

Ein anderer von der Digitalisierung hervorgerufener Trend ist, dass größere Studios inzwischen Yoga-Kurse mit der Kamera aufnehmen und sie Mitgliedern online zur Verfügung stellen. Die Vorteile solcher Online-Angebote sind bekannt: Man kann seine Yoga-Übungen unter Anleitung zeit- und ortsunabhängig praktizieren, was gerade für Vollzeit-Arbeitnehmer sehr interessant ist.

Sollte man sich allerdings nach dem Gemeinschaftserlebnis sehnen, auf einen realen Trainer aber verzichten können, gibt es mittlerweile eine weitere Möglichkeit: In sogenannten Cyberkursen befindet man sich zusammen mit vielen anderen Mitgliedern im Yoga-Kurs und macht dort seine Übungen – nur, dass diese nicht von einem physisch anwesenden Yoga-Lehrer, sondern von einer auf Großbildleinwand gezeigten Person vorgemacht werden. So sparen sich die Studios die Kosten für die Trainer, die Kurse sind entsprechend vergleichsweise billiger.

Das sind jetzt mal ganz ein paar ganz grundlegende Tendenzen, die mit der Digitalisierung zusammenhängen. Natürlich stehen noch viele andere digitale Innovationen derzeit in den Startlöchern.

Welche denn? Ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, digitale Geschäftsmodelle für den Yoga-Markt zu entwerfen und auszuprobieren?

Das würde ich schon so sagen, ja. Im Moment lassen sich für gut durchdachte Geschäftsmodelle sicherlich Inverstoren finden. Es gibt hier ja bereits einige Startups, die zeigen, wie man auf dem Markt erfolgreich sein kann. Das Unternehmen „Somuchmore“ zum Beispiel. Als Mitglied erhält man Zugang zu verschiedensten Sportangeboten in seiner Umgebung, unter anderem und vor allem eben zu Yoga-Angeboten. Das heißt, wenn man dort Kunde ist, muss man sich nicht immer wieder von neuem bei einer Einrichtung anmelden, wenn man dort mal einen Kurs ausprobieren möchte. Man zeigt einfach seine Somuchmore-Karte am Empfang vor und darf mitmachen. Abgerechnet wird über eine Art Flatrate-System.

Auch bereits etablierte Unternehmer wie der Pixelpark-Gründer Paulus Neef haben entdeckt, was auf dem Yoga-Markt alles möglich ist. Mit seinem Startup UNYTE, das er mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne im Jahr 2015 ins Leben gerufen hat, möchte er „Yoga für Jedermann“ ermöglichen. Die Vision ist, möglichst flächendeckend im ganzen Land Yoga-Studios aufzumachen, in denen eine Vielzahl an Kursangeboten zur Verfügung steht – und das am besten fast rund um die Uhr. Digitale Begleiterscheinungen, wie zum Beispiel eine App, sollen dem Kunden zusätzlichen Service bieten. Ein ähnliches Konzept also, wie es auch große Fitnessstudio-Ketten verfolgen. Man wird sehen, ob es aufgeht.

Das klingt danach, als sei die Kommerzialisierung des Yoga in vollem Gange. Wie beurteilen Sie das?

Ja, man könnte tatsächlich von Kommerzialisierung sprechen. Die Marken der Yoga-Bekleidung oder der Matten beginnen auch hier zunehmend eine Rolle zu spielen. Immer mehr Yoga-Lehrer bieten eigene Lehrerausbildungen an; gleichzeitig ist eine Tendenz zu kürzeren Ausbildungszeiten zu erkennen, was Fragen hinsichtlich der Qualitätsstandards aufwirft. Ich sehe das schon etwas kritisch. Beim Yoga geht es ja nicht um den bloßen Konsum einer Sportart. Yoga ist in erster Linie eine Haltung, eine Lebensphilosophie. Durch die Kommerzialisierung wird vieles in Gefahr gebracht, was diese Philosophie ausmacht.

Zugleich ist es aber auch positiv zu sehen, dass über den Weg der Kommerzialisierung Yoga immer bekannter und beliebter wird – und so immer mehr Menschen auf die gesundheitsfördernde Wirkung des Yoga aufmerksam werden. Ich würde mir wünschen, dass der Geist des Yoga trotz Digitalisierung und Kommerzialisierung bewahrt werden kann – sonst verpuffen die vielen positiven Effekte, die das Yoga unzweifelhaft mit sich bringt.

Über den Autor

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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