Wirtschaft und Management

„Wohnen macht arm“ – über Wohnungsnot und Baustau

Nikada/iStock

von Juliane Mischer, am 16.01.2020

Starkes Bevölkerungswachstum in den größten Städten Deutschlands, weniger Wohnfläche pro Person in den Metropolen, Deutschland im Baustau – das Statistische Bundesamt veröffentlichte kürzlich neue Daten zum Wohnen und Bauen und kam dabei zu diesen Kernergebnissen. Wir haben darüber mit Dr. Bernd Hoepfner, Studiendekan für Immobilienwirtschaft (B.A.) an der Hochschule Fresenius in Berlin und Hamburg, gesprochen. Im ersten Teil des Interviews geht es darum, wie groß die Wohnungsnot in den Städten wirklich ist und wie dem Problem begegnet werden kann.

Deutsche Großstädte wachsen erheblich und die Wohnungsnot scheint immer größer zu werden. So schrumpft der Wohnraum, den eine Person im Schnitt für sich beansprucht, auf unter 40 Quadratmeter. Welche weiteren Folgen hat der Mangel für Bewohner und Städte?

Die Mietpreise steigen, da kein ausreichendes Angebot vorhanden ist. „Wohnen macht arm“ ist derzeit in aller Munde und eigentlich ein Armutszeugnis für eine so wohlhabende Nation wie Deutschland. Die Menschen müssen immer mehr für Wohnen ausgeben, so dass für alle weiteren Ausgaben nicht mehr viel übrigbleibt. Wenn wir auf Berlin als Deutschlands größte Metropole schauen, wird der Mietendeckel hier zwar kurzfristig etwas die Lage im Bestand beruhigen, aber es fehlen zu viele neue Wohnungen. Die verbleibenden Neubauten, die vom Mietendeckel ausgenommen sind, werden dann umso teurer in der Miete – mit der Folge, dass die Suchenden noch mehr Miete bezahlen müssen.

Welche Optionen bleiben dabei für Wohnungssuchende?

Im ersten Schritt nur das Ausweichen auf die Peripherie – mit den bekannten Folgen wie langen Anfahrten zur Arbeit. Dies kostet zusätzlich (Frei)Zeit, das Verkehrsaufkommen steigt – mit allen volkswirtschaftlichen Folgen. Und für das Klima ist die Anfahrt natürlich auch oft nicht förderlich.

Die andere Alternative ist die Reduzierung des eigenen Wohnraumes, wenn man nicht in das Umland ausweichen möchte. „Weniger Quadratmeter zu mehr Miete“ ist dann das Schlagwort. Das geht natürlich nur, wenn sich die Projektentwickler darauf einstellen und kleinere, effizientere Einheiten bauen. Hier in Berlin ist das schon angekommen.

Die Daten des Statistischen Bundesamtes stellen einen großen Bauübergang fest: So wurden 2018 etwa 693.000 genehmigte Wohnungen nicht gebaut. Wieso kommt es zu diesem Baustau?

Vielfältige Gründe sind hierfür maßgebend: Einerseits die Spekulation der Entwickler, dass der Wert der erteilten Baugenehmigung und damit auch die Rendite steigt, ohne dass sie ins Bau- und Verkaufsrisiko gehen müssen. Andererseits sind die Bau- und Grundstückspreise stark gestiegen und es ist momentan sehr schwer, freie Bauunternehmen zu finden, welche die Wohnungen bauen. In Berlin kommt für die Entwickler noch die Unsicherheit aus dem angesprochenen Mietendeckel hinzu.

Welche Lösungen kann es hierfür geben?

Eine Bauverpflichtung innerhalb einer bestimmten Frist oder eine Steuer auf Verkaufsgewinne, wenn das Grundstück zu lange unbebaut bleibt und dann mit großem Gewinn verkauft wird, könnten Abhilfe schaffen.

Ein noch viel wichtigerer Weg ist aber die Förderung des Wohnungsbaues durch staatliche Anreize. So hatten wir nach der Wende die Sonder-Afa Ost, welche Neu- und Altbausanierungen staatlich förderte. Dies könnte doch auch heute ein Weg des Staates sein, die Wohnungsnot durch gezielte Förderung zu lindern. Beispielsweise in Großstädten könnten so Wohnungen gefördert werden, die effiziente Grundrisse und akzeptable Mieten bieten. Geld dafür ist seitens des Staates vorhanden, so gibt es verschiedene Rücklagen, die nicht mehr in Anspruch genommen werden und für eine Förderpolitik der Bundesregierung verwendet werden könnten.

Über die Autorin

Juliane Mischer
Juliane Mischer ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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