Medien

„Wir müssen aus unserer passiven Rolle der reinen Berieselung heraustreten“

von Juliane Mischer, am 04.07.2019

Was bedeutet Medienkompetenz im digitalen Zeitalter? Prof. Dr. Julia Kirn ist Studiendekanin für Medienpädagogik (B.A.) an der Hochschule Fresenius in München. Im adhibeo-Interview erklärt sie, warum wir unseren Medienkonsum verändern und digitale Kompetenzen aufbauen müssen – auch um Kinder auf ihrem Weg zu mündigen Mediennutzern zu begleiten.

Dank unserer Smartphones können wir heute jederzeit auf eine unglaubliche Fülle an Informationen zugreifen. Macht es uns das einfacher, gut informiert zu sein, oder verlieren wir durch die Informationsflut eher den Überblick?

Zunächst eröffnet sich für uns als Gesellschaft eine riesige Chance, frei verfügbares Wissen zu konsumieren und zu nutzen. Eigentlich könnte man ja denken, dass das Internet mit seiner Fülle an Informationen Informations- und damit auch Bildungschancen in der Gesellschaft gerechter verteilen würde. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Informationsflut befeuert soziale Ungleichheit, wie Studien gezeigt haben. Was in der gesellschaftlichen Breite fehlt, ist Medienkompetenz und damit die Fähigkeit, relevante Informationen zu finden und kritisch zu hinterfragen.

Wie können wir lernen, die für uns relevanten Informationen herauszufiltern?

Wir müssen an unserem Mediennutzungsverhalten arbeiten und lernen, aus unserer passiven Rolle der reinen „Berieselung“ von Inhalten herauszutreten und Medien viel aktiver und zielgerichtet zu konsumieren. In Zeiten von Fake News ist es zum Beispiel wichtig, Werkzeuge wie die Rückwärtssuche von Bildern zu kennen und anwenden zu können, um Informationen zu sichern. Damit verbunden müssen wir auch akzeptieren, dass wir uns Vertrauen in Inhalte letztendlich wieder erkaufen müssen. Das gibt auch den etablierten Medienunternehmen die Chance, mit seriösem Journalismus wieder Geld zu verdienen. Denn diese sind im Zuge der Digitalisierung von neuen Anbietern überholt worden. Bereits jetzt zeigt sich deutlich, dass auch die schöne neue Onlinewelt für uns als Nutzer nicht nur Vorteile bringt.

Stichwort Filterblase: Was genau verstehen Sie darunter und wie wirkt sich diese darauf aus, wie wir Informationen verarbeiten?

Filterblasen sind nichts Neues – wir kennen sie eigentlich schon aus dem analogen Leben. Als Partner und Freunde suchen wir Menschen, die ähnlich wie wir selbst ticken und ähnliche Interessen haben. Klar geht es dann in Gesprächen häufig um eben diese gemeinsamen Interessen. Impulse von außen müssen wir uns aktiv suchen. Digital bewegen wir uns ebenfalls sehr selektiv, da Suchmaschinen und soziale Medien, aber auch Unternehmen den Anspruch haben, uns möglichst relevante Inhalte zu zeigen. Personalisierte Inhalte und maßgeschneiderte Werbung sind also unsere täglichen subtilen Begleiter im Netz, die unsere Wahrnehmung beeinflussen und uns den Alltag erleichtern, aber uns manipulierbar machen. Denn wir sind ja im Prinzip schon irritiert, wenn uns bei der Suche nach einer Pizzeria ein Vorschlag in einer anderen Stadt angezeigt wird. Auch hier gilt es, aktiv zu werden und sich nicht immer nur auf die erste Seite der Google-Ergebnisse zu verlassen. Wichtig ist es für jeden Einzelnen von uns, Kompetenz im Umgang mit Medien aufzubauen.

Was genau beinhaltet das Konzept der Medienkompetenz? Ist es im heutigen digitalen Zeitalter noch zeitgemäß?

Medienkompetenz umfasst heute viel mehr als den reinen Konsum von massenmedialen Inhalten. Wir müssen hier auch explizit von digitaler Kompetenz sprechen, die neben der rein inhaltlichen Ausrichtung auch technologische Aspekte und deren Auswirkung auf unsere Gesellschaft in den Fokus rückt. In Zukunft wird auch das Wissen und die Transparenz über gespeicherte Daten und deren Verwendung ein gesellschaftlich immer größeres Thema. Hier entstehen neue Geschäftsfelder für Firmen, die sich auf den Schutz von Daten nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Privatpersonen spezialisieren. Das gilt auch für die Daten von Kindern, deren Leben durch Bilder auf Social Media Accounts ihrer Eltern mittlerweile häufig von Geburt an nachverfolgt werden kann. Die Kinder selbst werden nicht gefragt, was aus meiner Sicht in einigen Jahren zu einem großen Problem digitaler Selbstbestimmung werden kann.

Auch Kinder besitzen heute häufig schon ein eigenes Smartphone und müssen lernen, verantwortungsvoll mit dessen Möglichkeiten umzugehen. Gilt hier: Je früher, desto besser?

Kinder wachsen in einer digital und medial durchwobenen Lebenswelt auf. Sie sind neugierig und möchten die digitale Welt entdecken. Wir neigen dazu, bereits Kleinkinder mit Medien „ruhigzustellen“, was Kinder in die Rolle passiver Medienkonsumenten bringt. Medienkompetenz bei Kindern aufzubauen, ist allerdings ein wichtiger aktiver Prozess, der im besten Fall die Verknüpfung zwischen analoger und digitaler Welt herstellt. Die Faszination von Kindern für Medien kann in diesem Zusammenhang auch wichtiger Motor für das Lernen sein und Bildungschancen gerechter verteilen.

Welche Rolle kommt hierbei den Eltern zu?

Kinder wachsen ja mittlerweile mit Eltern auf, die in der Regel selbst exzessive Smartphone-User sind. Kinder möchten aber vor allem eines: Zeit mit ihren Eltern verbringen, ohne dass diese ständig von ihrem Smartphone abgelenkt werden. Von Kindern gehen mittlerweile auch Gegenbewegungen aus, die ihre Eltern auffordern, mehr Zeit ohne Smartphone gemeinsam zu verbringen. Dennoch müssen Eltern ihre Kinder dabei begleiten, mit Medien verantwortungsvoll umzugehen und auch selbst dementsprechende Kompetenzen aufzubauen. Ansonsten sind die eigenen Kinder immer mindestens einen Schritt voraus und können mögliche Gefahren nicht ohne Weiteres einschätzen.

Fällt es Kindern heute schwerer, sich kritisch mit verfügbaren Informationen und Medien auseinanderzusetzen oder leichter?

Kinder werden heute in eine Welt hineingeboren, in der sich technische Möglichkeiten rapide verändern. Diese Entwicklung ist ja noch nicht zu Ende, wenn wir uns vor Augen halten, dass mittlerweile mit sogenannten „deep fakes“ – also quasi einer Art Photoshop für Bewegtbild – Videos gefälscht werden können, sodass wir den Unterschied zwischen „echt“ und „gefälscht“ mit bloßem Auge nicht mehr erkennen können. Unter anderem hier brauchen wir und unsere Kinder ganz neue Mechanismen und Kompetenzen, die sich auch in einer professionellen Ausbildung von Fachkräften niederschlägt, um in der digitalen Welt zu bestehen.

Über den Autor

Juliane Mischer
Juliane Mischer ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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