Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Wenn das Aufschieben zur Qual wird

LumiNola/iStock

von Barbara Debold, am 19.11.2019

In einer qualitativen Studie untersuchten Sara Laybourn und Anne C. Frenzel von der Ludwig-Maximilians-Universität München mit Prof. Dr. Thomas Fenzl von der Hochschule Fresenius die Prokrastination bei Lehrern. Die meisten Studien zum Thema Prokrastination haben den Fokus auf Schülern, allerdings besteht auch für Lehrer eine hohe Gefahr der Prokrastination und den damit verbundenen Stress.

Obwohl Lehrer heute einem straffen Stundenplan folgen, einem eng gefüllten Curriculum gegenüberstehen, sie oft mit den häuslichen Situationen ihrer Schüler konfrontiert sind, gilt immer noch die Meinung, der Job eines Lehrers sei einfach. Das mag darauf zurückzuführen sein, dass Lehrer längere Ferien haben als es in anderen Berufen üblich ist und sie – zu mindestens in Deutschland, wo Halbtagsschulen die Regel sind – „freie Nachmittage“ haben.

Allerdings sind viele Teile der Arbeit eines Lehrers selbstbestimmt. Nur etwa 40 % seiner Arbeitszeit sind Unterrichtsstunden. Der Rest sind Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen, Beurteilungen schreiben sowie administrative und organisatorische Aufgaben.

Immerhin wählen viele Lehrer ihren Beruf aus intrinsischen Motiven1 und da erwartet man auch einen hohen persönlichen Einsatz. Doch die Arbeitsbedingungen für Lehrer sind schwierig, denn sie bedürfen eines hohen Maßes an selbstregulierenden Kompetenzen.2 Besitzt ein Lehrer hier nicht die richtigen Fähigkeiten, besteht eine hohe Gefahr der Prokrastination und damit verbundenem kognitiven, emotionalem und sozialem Stress. Nicht selten ist die Folge ein Burnout. Neben den persönlichen Auswirkungen der Prokrastination auf Lehrer, hat diese auch negative Auswirkungen auf die Schüler und ihre Leistungen.3

Was ist Prokrastination und welche Folgen hat sie?

Prokrastination ist eine Störung, die sich durch extremes Aufschieben von Aufgaben bzw. vom Unterbrechen der Aufgaben gekennzeichnet ist. Das Fertigstellen der Aufgaben kann gar nicht oder nur noch unter Druck zustande kommen. Sie darf nicht verwechselt werden mit mangelndem Zeitmanagement oder Bequemlichkeit, da sie nicht funktional oder strategisch begründet ist. Es handelt sich um einen Mangel an Selbstregulierung. Die Folgen der Prokrastination sind Stress, schlechtere Gesundheit, Depressionen, negative Gefühle wie Angst und Scham.

„Teacher Procrastination, Emotions and Stress: A Qualitative Study“

Diese qualitative Studie wurde 2017 im Rahmen der Masterarbeit von Sara Laybourn durchgeführt und in diesem Jahr publiziert. Dazu wurden 27 Grund-, Haupt-, Realschul- und Gymnasiallehrer aus Deutschland in persönlichen Interviews an ihrem Arbeitsplatz bzw. zu Hause befragt. Fast 60 Prozent der befragten Lehrer gaben an, dieses Verhalten schon bei sich beobachtet zu haben.

Bisher existieren hauptsächlich Studien über Prokrastination bei Schülern. Doch ist den Prokrastination bei Schülern gleich wie bei Lehrenden? Auch wenn beide im gleichen Umfeld arbeiten, so kann man dies schwer vergleichen. Lehrer haben eine größere Autonomie und mehr Möglichkeiten zur Selbstbestimmung. Schüler werden wiederholt bewertet und bekommen dadurch stetig ein Feedback. Das bedeutet für die Lehrer zwar weniger Leistungsdruck, jedoch auch geringere Bestätigung für ihren Einsatz.

Die Umstände, unter denen die meisten Lehrer arbeiten und ihr Arbeitspensum haben sicherlich ebenso einen hohen Einfluss auf ihre Motivation und scheinen eine große Rolle bei der Prokrastination zu spielen.

Prof. Dr. Thomas Fenzl ist Professor für empirische Forschungsmethoden und Wirtschaftspsychologie, insbesondere Leadership an der Hochschule Fresenius. Er hat am methodischen Konzept der Studie, insbesondere der Datenauswertung mit der qualitativen Inhaltsanalyse mitgearbeitet.

Welche Aufgaben empfinden Lehrer als besonders belastend?

In der Studie wurden die Aufgabengebiete der Lehrer in vier Gruppen aufgeteilt: Arbeiten korrigieren, Administration und Organisation, Unterrichtsvorbereitung und die Beurteilung der Mitarbeit der Schüler.

Die meisten befragten Lehrer empfinden die administrativen und organisatorischen Aufgaben als belastend. Darunter fällt zum Beispiel auch das Planen von Ausflügen oder das Vorbereiten von Lehrerkonferenzen. Zehn der befragten Lehrer nennen das Korrigieren der Arbeiten als eine Aufgabe, die sie häufig hinausschieben. Mehr als ein Drittel schiebt das generelle Beurteilen der Schüler vor sich her genauso wie die Unterrichtsvorbereitung.

Warum schieben Lehrer ihre Tätigkeiten vor sich her?

Als häufigster Grund wird Aversion gegen die Aufgaben genannt. Ein weiterer Aufschiebegrund sind Aufgaben, für die der Lehrer keine persönliche Akzeptanz hat, die jedoch einfach von ihm erwartet werden, z. B. durch den Rektor oder das Kultusministerium für Bildung.

„Also man muss so viel machen, weil es einfach erwartet wird. Und das trägt natürlich zu dem Ganzen irgendwie bei, dass man das schiebt, weil man da denkt, ich mache es jetzt nicht, weil ich denke, dass das gerade Sinn macht, sondern ich mache es, weil irgendjemand da oben denkt, wir Lehrer müssen das auch noch zusätzlich machen.“

(Fall 1, Para. 46)

Ein Drittel der Lehrer nennt die Arbeitsbedingungen in der Schule als Grund. So haben sie zum Teil keinen festen Arbeitsplatz, wo sie ihre Materialien lagern oder für längere Zeit ungestört arbeiten können. Sie haben keinen Zugang zu einem Computer und auch nicht die technische Unterstützung dafür. Viele Lehrer arbeiten daher von zu Hause aus, wo die Gefahr einer Ablenkung oft viel größer ist. Ein Viertel der Lehrer nennt hedonistische Motive. So werden erst angenehmere Aufgaben erledigt, was zu einem Zeitdruck führt.

Welche Emotionen löst Prokrastination aus?

Die Lehrer fühlten sich im Moment der Prokrastination verärgert (neun Lehrer), schuldig (vier Lehrer), unglücklich (zwei Lehrer) oder enttäuscht (zwei Lehrer). Dies hat negative persönliche Konsequenzen für die Lehrer. Sie verlieren den Glauben an ihre Kompetenzen, verzichten teilweise auch auf angenehmere Aufgaben, um nicht wieder in Prokrastination zu kommen und sind häufig vorher schon in Erwartung negativer Emotionen.

„Aber wenn ich daran denke oder wenn es immer drückender wird, dann ist es einfach so blockierend in der Fröhlichkeit, in der Ausgelassenheit oder Spontanität oder so. Das ist halt alles eingeschränkt. Da denke ich eigentlich sollte ich das machen. Und ich habe so das Gefühl, dass das so eine Spirale ist die sich immer mehr nach unten dreht und immer … die Schlinge zieht sich immer mehr zu.“

(Fall 11, Para. 49)

Zwei der befragten Lehrer berichteten von positiven Konsequenzen der Prokrastinationserfahrung. Einer von ihnen sah diese Erfahrung als Chance, sich besser zu organisieren und Aufgaben so nicht mehr zu verschieben. Der andere akzeptierte dieses Verhalten als Teil seines Berufs und kam zu der Erkenntnis, dass er trotzdem alles erledigen kann.

1 Richardson, P. W., and Watt, H. M. G. (2014). “Why people choose teaching as a career: an expectancy-value approach to understanding teacher motivation” in Teacher motivation. eds. P. W. Richardson, S. A. Karabenick, and H. M. G. Watt (New York: Routledge), 25–41
2 Kunter, M., Klusmann, U., Baumert, J., Richter, D., Voss, T., and Hachfeld, A. (2013). Professional competence of teachers: effects on instructional quality and student development. J. Educ. Psychol. 105, 805–820. doi: 10.1037/ a0032583
3 Roeser, R. W., Schonert-Reichl, K. A., Jha, A., Cullen, M., Wallace, L., Wilensky, R., et al. (2013). Mindfulness training and reductions in teacher stress and burnout: results from two randomized, waitlist-control field trials. J. Educ. Psychol. 105, 787–804. doi: 10.1037/a0032093

Über die Autorin

Barbara Debold
Barbara Debold ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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