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„Von der klassischen BWL zur Nachhaltigkeit – mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben“

Foodsharing Festessen: Lebensmittel werden zu einem Buffet verarbeitet, statt in der Tonne zu landenMarkus Strube / „Foodsharing Festessen: Lebensmittel werden zu einem Buffet verarbeitet, statt in der Tonne zu landen.“

von Redaktion, am 22.07.2020

Am 5. Juni war der von den Vereinten Nationen ins Leben gerufene Weltumwelttag. Auch die Hochschule Fresenius wollte diesen Tag nutzen, um sich für ein klimafreundlicheres Leben zum Wohle unseres Planeten einzusetzen. Aus diesem Grund fand ein virtuelles Event – „Rethink“ – statt. Hier hielt Markus Strube einen Vortrag zum Thema Foodsharing. Er ist Studierender des Masterstudiengangs Sustainable Marketing & Leadership (M.A.) am Standort München. In unserem Interview erzählt er uns seinen spannenden Werdegang und verrät, wie jeder einzelne weniger Lebensmittel verschwenden kann.

Was genau ist Foodsharing?

Foodsharing wurde 2012 gegründet und ist seitdem eine ehrenamtliche und geldfreie Initiative, die sich gegen die Lebensmittelverschwendung einsetzt. Einerseits haben wir eine Internetplattform zum Verteilen von überschüssigen Lebensmitteln von Privat zu Privat sowie zum Koordinieren der Abholungen von Lebensmitteln, die nicht mehr verkauft werden können oder – leider auch – wollen. Andererseits betreiben wir aktive Aufklärungsarbeit in Bildungseinrichtungen und in der Öffentlichkeit. Die Zusammenarbeit mit Netzwerkpartnern ist besonders wichtig für unsere Öffentlichkeitsarbeit. Das Tolle an Foodsharing ist, dass es uns überall gibt, in Großstädten wie in kleinen Dörfern – in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wir sind dezentral organisiert. Und das alles ist uns überhaupt durch die Technologie des Internets möglich.

Warum ist Foodsharing aus Ihrer Sicht notwendig?

Sie fahren in den Urlaub, der Kühlschrank ist aber noch nicht leer – was machen Sie dann mit den Lebensmitteln? Können Sie die Lebensmittel mitnehmen? Haben Sie die Möglichkeit, die Lebensmittel einem Nachbarn zu schenken?

Wenn Sie zweimal mit „nein“ geantwortet haben, dann landen die Lebensmittel nicht auf dem Tisch, sondern in der Tonne. Unter anderen deshalb gibt es Foodsharing.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) geht davon aus, dass weltweit rund ein Drittel der für den menschlichen Verbrauch produzierten Lebensmittel verloren gehen oder weggeworfen werfen. Dies entspricht 1,3 Milliarden Tonnen pro Jahr, wobei gleichzeitig laut FAO Schätzungen rund 925 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung leiden. Lebensmittelverschwendung ist damit ein soziales Problem.

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist aber auch ein ökologisches Problem, denn Lebensmittelverschwendung bedeutet auch Ressourcenverschwendung. 1kg Rindfleisch erzeugt 13,3kg Emissionen an CO2. Stattdessen kann man 70 km mit dem Auto fahren oder 369 km mit dem Zug. Zwar ist es bei Tomaten mit 0,34kg an CO2-Emissionen pro Kilogramm (2km Fahrt mit dem Auto bzw. 9,5 km mit dem Zug) auf den ersten Blick nicht ganz so schlimm – aber hier macht die Masse den großen Impakt.

Zudem fehlt es an Aufklärung. Immer mehr Menschen trauen sich nicht, Lebensmittel kurz vor dem MHD, geschweige denn danach, noch zu essen. Und wieso? Weil viele Menschen die Genießbarkeit nicht beurteilen können.

Ein Joghurt ist z.B. normalerweise ein geschlossenes System und damit meistens viel länger genießbar als das MHD vermuten lässt. Man sollte z.B. darauf achten, dass er durchgängig gekühlt wurde, verschlossen blieb und keine Wölbung des Deckels auftritt. Ich nutze meine sieben Sinne beim ersten Löffel und esse meinen Joghurt noch zwei Monaten nach dem MHD.

Sie sind bereits seit 2015 im Bereich Foodsharing aktiv und seit 2018 sogar Botschafter einer internationalen Foodsharing-Initiative. Wie sind Sie zu diesem Engagement gekommen? Gab es ein besonderes Erlebnis, das Sie dazu motiviert hat?

Ich habe im Fernsehen eine Reportage über die Lebensmittelverschwendung und Foodsharing gesehen. Das wirkte sehr spannend und unglaublich auf mich. Meinen ersten Kontakt mit Foodsharing hatte ich dann über einen sogenannten Essenskorb. Das ist wie eine Foodsharing-Kleinanzeige auf unserer Homepage. Privatpersonen können Lebensmittel verschenken, die sie selbst nicht verbrauchen können. Ich rettete an diesem Tag mehrere Tüten tagesfrische Backwaren, die bei einer Bäckereikette nach Ladenschluss noch übrig waren.

Wie verknüpfen Sie das Engagement mit Ihrem Studium Sustainable Marketing & Leadership (M.A.)? Gibt es thematische Parallelen?

Das Studium beschäftigt sich u.a. mit den Themen Ethik, Finanzmanagement, digitalen Medien, nachhaltigen Geschäftsmodellen und Führung. Das alles findet sich auch bei Foodsharing wieder:

  • Wie können Akteure – etwa Politik, Produzenten, Händler und Privatpersonen – ethisch verantwortungsvoll mit Lebensmitteln umgehen?
  • Finanzen spielen auch eine zentrale Rolle bei der Lebensmittelverschwendung, auch wenn Foodsharing selbst geldfrei ist: Ein Unternehmen, das Lebensmittel verschenkt, schreibt diese ab und die Abschreibungen werden als Aufwand in der Gewinn- und Verlustrechnung verbucht. Auch die Entsorgungskosten sinken durch das Verschenken von Lebensmitteln.
  • Digitale Medien ermöglichen unser dezentrales Arbeiten, wir brauchen ständig neue Tools und die Plattform muss weiterentwickelt werden. Dafür benötigen wir keine Büroräume.
  • Foodsharing berät Unternehmen, wie das Geschäftsmodell durch eine Reduzierung der Lebensmittelverschwendung nachhaltiger gestaltet werden kann.
  • Führung: Allein in München haben wir über 1.000 Mitglieder im Lokalverein – das wirft viele Fragen auf. Wie ermöglichen wir demokratische Prozesse? Wie erhalten wir die oft notwendige Agilität trotz rasantem Wachstum? Welche Verantwortung tragen Repräsentanten der Gemeinschaft?

Das sind jedoch nur ein paar Beispiele für die Studieninhalte, die auch in der ehrenamtlichen Praxis weiterhelfen.

Welche Tipps haben Sie für Studierende und andere Interessierte, die Lebensmittel retten und teilen wollen?

Es gibt viele Möglichkeiten, Lebensmittel zu retten. Ein Engagement bei Foodsharing ist nur eine Möglichkeit. Auch das Nutzen von Abverkaufs-Apps wie TooGoodToGo hilft, denn damit können Lebensmittel unkompliziert bei Händlern und Gastronomen gerettet werden.

Das Vernetzten mit Nachbarn hilft beim Teilen von Lebensmitteln, beispielsweise kurz vor dem Urlaub. Zudem gibt es sogenannte Fair-Teiler und Abgabestellen, diese bestehen aus Regalen und oft einem Kühlschrank. Bei diesen Stationen können Privatpersonen Lebensmittel hineingeben und herausnehmen, auch ohne etwas hineinzugeben. Das Ziel ist eine unkomplizierte und schnelle Offline-Verteilmöglichkeit als Ergänzung zu unserer Online-Plattform.

Auch der Einkauf in einem verpackungsfreien Geschäft oder das Kaufen von Lebensmitteln ohne geschlossenes Gebinde ist eine gute Idee, denn oftmals liegt die Lebensmittelverschwendung auch an unterschätzten Packungsgrößen.

Sie schreiben aktuell Ihre Masterarbeit. Gibt es dabei eine Verknüpfung zum Foodsharing?

Meine Masterarbeit beschäftigt sich mit der Nachhaltigkeit eines ergonomischen Hockers, welcher im 3D-Druckverfahren hergestellt wird. Dabei betrachte ich die gesamte Wertschöpfungskette und fokussiere mich auf die Input- und Outputfllüsse – bzw. übersetzt: Welche Rohstoffe werden verbraucht und welche positiven und negativen Einflüsse gibt es auf die ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit.

Obwohl der 3D-Druck mit Foodsharing nichts zu tun hat, ist die Betrachtungsweise ähnlich: Wie viele Ressourcen fließen an welchen Stellen in die Lebensmittelproduktion – und wieso werden diese Ressourcen, ebenso an welchen Stellen, verschwendet? Welche Alternativen gibt es hierzu?

Was sind Ihre Pläne, wenn Sie das Studium abgeschlossen haben?

Die schwierigste Frage kommt immer zum Schluss. Ich habe vor meinem Studium eine Ausbildung abgeschlossen und einige Jahre gearbeitet. Mir ist mittlerweile wichtiger, dass mein Beruf sinnstiftend ist als rein gewinnmaximierend zu denken. Es wäre schön, wenn ich den Nachhaltigkeitsgedanken mit meinem zukünftigen Tätigkeitsfeld kombinieren kann – aber aufgrund der schwierigen Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage durch die Corona-Pandemie werde ich wohl flexibler sein müssen und nicht alle Idealvorstellungen umsetzen können. Dass Offenheit nicht schadet, haben mir aber bisher alle meine beruflichen Stationen positiv bewiesen – und mit meinem Studium bin ich sehr breit aufgestellt.

Markus Strube

MORE THAN JUST A LITTLE BIT FOOD WASTE I RETHINK – Markus Strubes Vortrag

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Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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