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Medien

Vom Internet abgehängt? Ein Lösungsweg gegen die altersbedingte Diskriminierung durch digitale Medien

Robert Kneschke/fotolia

von Dr. Oliver Faber, am 04.06.2020

Die Digitalisierung bietet scheinbar unzählige Chancen und damit ein fast unbeschränktes Potenzial. Doch gerade älteren Menschen fällt es zunehmend schwer, mit ihrer rasanten Entwicklung Schritt zu halten. Diesen sogenannten „Nonlinern“ zeigt nun das Medien Management Institut (MEMI) an der Hochschule Fresenius in Köln gemeinsam mit dem Enactus-Projekt „Onlinespaziergang“ neue Lösungen auf.

Die Digitalisierung soll zum einen die Flexibilität, Mobilität und Freiheit der Menschen erhöhen. Zum anderen führt sie aber zu einer steigenden physischen und psychischen Abhängigkeit von digitalen Produkten. Dabei verkürzen sich die Lebenszyklen vieler dieser Produkte zunehmend, während sich die Lebenszeit der Menschen verlängert. So gehen Prognosen davon aus, dass „2060 jeder Dritte mindestens 65 Jahre alt sein wird“1, sich also in einem Alter befinden wird, in dem die Vielzahl an neuen digitalen Produkten, Technologien und Informationen immer mehr Menschen überfordert.

Für sogenannte „Nonliner“, in diesem Fall ältere Menschen, die keinen Zugang zum Internet haben, bedeutet die digitale Entwicklung ein Verschwinden der haptischen und interaktiv-kommunikativen Welt: Die Schließung von Orten des öffentlichen Lebens, wie Post- und Bankfilialen, Bäckern, Metzgern und Buchhändlern, verringert ihre sozialen Kontakte. Eine mögliche Unterbringung in Senioren- und Pflegeeinrichtungen anstelle des Verbleibs im familiären, generationsübergreifendem Umfeld begünstigt die weitere soziale Ausgrenzung. Da die Generationen heute zudem in völlig getrennten Kanälen kommunizieren und unterschiedliche Medien sowie Plattformen nutzen, leidet auch der Wissenstransfer zwischen Jung und Alt.

Nachteile für Gesundheit und Finanzen

Das „Internet gehört mittlerweile zu den unverzichtbaren Elementen der öffentlichen Daseinsvorsorge“.2 Während jedoch die Risikofreude und Innovationsbereitschaft von jüngeren Menschen vergleichsweise hoch ist, werden digitale Entwicklungen von älteren Menschen oft nur mit Skepsis angenommen und mit Widerstand umgesetzt. Es herrscht eine Angst vor dem Neuen, Überforderung und die Sorge vor Risiken, wie Opfer eines Cyber- oder Hackerangriffs zu werden. Darüber hinaus ist allein für den Onlinezugang ein spezielles technisches Wissen notwendig: Es erfordert ein Know-how, das für Nonliner oft kompliziert und unverständlich ist, um ein System – sei es ein Smartphone, Tablet, Laptop oder PC – in Betrieb zu nehmen und zu nutzen.

Die aus diesen Schwierigkeiten resultierende fehlende digitale Teilhabe bringt jedoch signifikante Nachteile mit sich. Die im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung wachsende Isolation kann zu einer Beeinträchtigung der Gesundheit, zu „Unzufriedenheit, Depression und Einsamkeit“ führen, wie der Ulmer Psychologe Manfred Spitzer formuliert.3 Der Ausschluss von zum Beispiel Onlineshops und Preisvergleichsportalen kann vergleichsweise teure Einkäufe nach sich ziehen. Auch die Nutzung „analoger“ Services von Banken, Versicherungen und Versorgungsunternehmen wird zunehmend teurer und darüber hinaus durch den Abbau von Filialen zusätzlich erschwert.4

Zudem könnte sich das Problem der Altersarmut in Zukunft ohnehin verschärfen. Denn der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung wird nicht nur aufgrund von Geburtenrückgängen und steigender Lebenserwartung, sondern auch aufgrund der steigenden Substitution von menschlicher Arbeitskraft durch digitale Produkte sinken. Dadurch aber steigt nicht nur aufgrund des demografischen Imperativs5, sondern auch durch den digitalen Imperativ6 der Handlungsdruck, einen neuen institutionellen Rahmen zu setzen.

Generationsübergreifende Kommunikation: „Onlinespaziergang“

Enactus e.V. ist Teil eines internationalen Netzwerk von Studierenden, Hochschulen und Unternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, positiv auf die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele einzuwirken und schwierige Lebensumstände von Menschen mit unternehmerischen Mitteln zu verbessern. Dafür bilden sich studentische Teams an Universitäten und Hochschulen. 2017 wurde auch an der Hochschule Fresenius ein Enactus-Team gegründet. Ein Kernteam aus etwa 25 Studierenden identifizierte „People in Need“ sowie die Art und Form ihres konkreten Bedarfs und legte mit dem Projekt „Onlinespaziergang“ ein Konzept vor, das sich der Problematik von Nonlinern genau und zielgerichtet annimmt.

Die Studierenden bringen im Rahmen des Projektes Nonlinern in Workshops den Zugang zum Internet näher und zeigen ihnen hilfreiche Nutzungs- und Anwendungsmöglichkeiten. Auf diese Weise schaffen sie eine generationsübergreifende Kommunikation, die älteren Menschen nicht nur die Teilhabe an den Möglichkeiten und Vorteilen digitaler Entwicklungen erlaubt, sondern auch zahlreiche weitere positive Effekte erzielt: Durch das Projekt werden der Dialog und das Verständnis von Jung und Alt gefördert, Neugierde geweckt und Wissen zwischen den Generationen ausgetauscht.

Nicht umsonst hat das Team 18 Monate nach seiner Gründung das Projekt „Onlinespaziergang“ und die erreichten Ergebnisse im Rahmen des Enactus-Landeswettbewerbs vor einer Jury aus Unternehmensvertretern und einem großen Publikum präsentiert und wurde mit dem „Spirit of Enactus Award“ ausgezeichnet.

Literatur

1. Bundeszentrale für politische Bildung, BpB, Demografischer Wandel: https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/demografischer-wandel/ (aufgerufen am 26.05.2020)
2. BAGSO-Positionspapier (2017): Ältere Menschen in der digitalen Welt. 2. aktualisierte Auflage.
3. Spitzer, M. (2018): Einsamkeit, die unbekannte Krankheit. Droemer, München.
4. Bonner General Anzeiger: https://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/sparkasse-bonn-geldautomat-indottendorf-wird-abgebaut-kunden-protestieren_aid-47169991 (aufgerufen am 26.05.2020)
5. Pohlmann, S. (2003): Der digitale Imperativ. Vincentz Network
6. Dreischmeier, R. et al. (2015): The Digital Imperative: https://www.bcg.com/de-de/publications/2015/digital-imperative.aspx (aufgerufen am 26.05.2020)

 

Über den Autor

Dr. Oliver Faber
Dr. Oliver Faber ist Studiengangsleiter des Bachelorstudiengangs Medien- und Kommunikationsmanagement (B.A.) und Vorstand des Medien Management Instituts (MEMI) an der Hochschule Fresenius in Köln.

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