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„In Deutschland kann jedes Mitglied ein Wörtchen bei der Geschäftspolitik seines Fußballvereins mitreden“

von Redaktion, am 05.08.2016

Noch befinden sich die großen europäischen Fußballligen in der Sommerpause. Dennoch hält der Transfermarkt die Fußballfans des Kontinents in Atem – schließlich scheint es ein Sommer der Ablösesummen-Superlative zu werden. Christian Müller, Studiengangsleiter Sportmanagement an der Hochschule Fresenius Köln und viele Jahre in leitender Funktion bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) tätig, erklärt im Interview, warum der Markt gerade so überdreht ist – und warum Zustände wie in der englischen Premier League in Deutschland derzeit nicht denkbar sind.

Herr Müller, schon seit einigen Jahren scheint der Transfermarkt im Profifußball überdreht zu sein. Dennoch steigen die Preise für Spieler weiter: Paul Pogba wird demnächst wohl für eine neue Rekordablösesumme von mehr als 100 Millionen Euro zu Manchester United wechseln, Stadtrivale City hat soeben Leroy Sané für rund 50 Millionen Euro verpflichtet – und ihn damit zum teuersten deutschen Spieler aller Zeiten gemacht. Werden die Preise in den kommenden Jahren noch weiter steigen oder befinden wir uns gerade an einem Scheitelpunkt?

Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Man hat ja auch schon in der Vergangenheit immer wieder mal gedacht, jetzt sei ein absoluter Höhepunkt erreicht – und dann ging es kurze Zeit später noch höher hinaus.

Durch den neu abgeschlossenen Fernsehvertrag mit Sky und BT Sports steht den englischen Clubs bekanntermaßen derzeit unglaublich viel Geld zur Verfügung – und das wissen natürlich auch die Clubs außerhalb der Premier League. Und deshalb verlangt man eben für einen Paul Pogba – der unzweifelhaft ein großes Talent ist, aber längst nicht das Format eines Messi oder Ronaldo besitzt – diese hohe Ablösesumme. Und dabei bleibt es für Manchester United ja nicht: es kommen noch jährliche Gehaltszahlungen von sicherlich weit mehr als zehn Millionen Euro hinzu. Außerdem hat die Ablösesumme über die Dauer der Laufzeit von Pogbas Arbeitsvertrag hohe Abschreibungen in der Gewinn- und Verlustrechnung zur Folge. Bei einem Fünfjahresvertrag beliefen sich diese auf 20 Millionen Euro jährlich.

Insgesamt gehen die Verantwortlichen von Manchester United mit diesem Transfer also hohe finanzielle Verpflichtungen ein. Ich finde das riskant.

Sie haben den neuen Fernsehvertrag angesprochen, den die Premier League abgeschlossen hat. Insgesamt 6,9 Milliarden Euro zahlen die Fernsehsender Sky und BT Sports der englischen Eliteliga für die Spielzeiten 2016 bis 2019 – und das nur für die Liveübertragungen in Großbritannien. Wie wollen die beiden Sender eigentlich diese Ausgaben wieder reinholen?

Das ist eine gute Frage. Natürlich spekulieren diese Bezahlsender darauf, dass sie die Zahl ihrer Abonnenten in den nächsten Jahren nochmal deutlich steigern können. Und das ist gar nicht so unwahrscheinlich: In Großbritannien ist eindeutig eine höhere Zahlungsbereitschaft beim Fußball-Konsum zu beobachten, sei es bei Abo-Gebühren oder Eintrittskarten. Es ist erstaunlich, die englischen Sky-Abonnenten zahlen derzeit für bestenfalls die Hälfte an Fußball-Liveübertragungen fast doppelt so viel wie die deutschen Sky-Kunden für das Komplettpaket „Bundesliga“. Wer ein Premier-League-Abo besitzt, kann nicht wie in Deutschland an jedem Spieltag die Partien seines Lieblingsvereins sehen. Denn in England wird redaktionell festgelegt, welches Spiel gezeigt wird, man spricht von einem sogenannten „Pick“-System.

Bei uns kennt man dieses System im Zusammenhang mit der Übertragung von DFB-Pokalspielen: Auch hier „picken“ sich die Öffentlich-Rechtlichen jene Spiele aus den je Runde mengenmäßig begrenzten Livespielen heraus, die am meisten Zuschauer vor den Bildschirm locken. Zum Leidwesen vieler Fans sind das meistens Spiele des FC Bayern.

Aber zurück zu Ihrer Frage: Trotz der genannten Einschränkungen gibt es in Großbritannien eben verhältnismäßig viel mehr Abonnenten als in Deutschland – und geht es nach Sky und BT Sports, soll sich dieser Abstand weiter vergrößern.

Haben wir in Deutschland bald auch steigende Abonnement-Kosten und schlechtere Leistungen zu befürchten?

Nur in geringem Maße. Was die Bundesliga von der Premier League nämlich unterscheidet und damit auch den deutschen Fußballmarkt vom englischen: Die deutschen Profifußballvereine sind tatsächlich noch überwiegend Vereine, die Eigentumsrechte liegen also bei tausenden Mitgliedern. Hierzulande kann jeder für einen Jahresbetrag von 50 bis 100 Euro Mitglied in seinem Lieblingsclub werden und so ein Wörtchen bei der Geschäftspolitik mitreden – etwa auch, welche Richtung eine Liga in Sachen Fernsehvermarktung einschlägt. Ein Modell „Premier League“ würden die Mitglieder nicht zulassen. Diese Möglichkeit zur Teilhabe ist meiner Ansicht nach ein USP, ein Alleinstellungsmerkmal, das die Bundesliga von anderen europäischen Ligen unterscheidet.

Trotzdem ist wichtig, dass auch für die Bundesliga ein neuer, viel besserer Fernsehvertrag abgeschlossen wurde, der an die Clubs diesmal deutlich mehr Geld ausschüttet. Gerade mit Blick auf den Wettbewerb der europäischen Ligen um zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten außerhalb Europas musste dieser Schritt sein. Auch wegen dieses neuen Vertrages zahlen die Bundesliga-Clubs übrigens gerade ungewöhnlich hohe Summen für neue Spieler.

Sie meinen, es liegt gar nicht nur an dem Geld, das aus der englischen und der chinesischen Liga zu uns herüberschwappt? Der neue Bundesliga-Fernsehvertrag, der den Vereinen pro Saison rund eine Milliarde Euro einbringen wird, läuft ja eigentlich erst mit der Spielzeit 2017/18 an.

Natürlich spielt das Geld aus England und China eine Rolle. Schalke hätte sich wohl nicht Breel Embolo für mehr als 25 Millionen Euro geleistet, wenn man nicht mit der hohen Summe aus dem Sané-Transfer gerechnet hätte.

Trotzdem wirft der Fernsehvertrag bereits jetzt seine Schatten voraus: Die Vereine wissen, dass der Kuchen, der den Clubs zur Verfügung steht, demnächst um einiges größer sein wird – warum dann nicht im Vorgriff versuchen, sich auch noch ein möglichst großes Stück zu sichern? Und je sportlich erfolgreicher ein Verein in der anstehenden Spielzeit abschneidet, desto größer wird dieses Stück eben sein. Deshalb wird jetzt schon investiert – in der Hoffnung, dass sich diese Investitionen dann mit Beginn des neuen Fernsehvertrages auszahlen. Das Dumme ist nur, dass alle Vereine so denken. Ich sehe hier die Gefahr eines „Rattenrennens“ (Um sich voneinander abzuheben, leisten sich konkurrierende Marktteilnehmer mehr, als dies aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll wäre, Anm. d. Red.), bei dem am Ende die meisten Clubs verlieren.

Trotz dieser Gefahr: Kann die Bundesliga als Marke auch dank des neuen Fernsehvertrages weiterhin im internationalen Vergleich bestehen?

Das spielt mit Sicherheit eine Rolle, ja. Auf dem weltweiten Fußballmarkt ist gerade zu beobachten, dass einige wenige große Ligen fast die komplette Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Unangefochten an der Spitze ist die Premier League. Danach kommt die Primera División, zumindest deren Top-Clubs – und dann schon die Bundesliga. Auch dank des neuen Fernsehvertrags wird es gelingen, diese Position in den kommenden Jahren zu halten.

Nochmal zurück zum Transfermarkt: Thomas Tuchel hat kürzlich gesagt, dass man aufgrund der aktuellen Entwicklungen aufpassen müsse, „die Menschen nicht zu verlieren“. Allerdings werden die hohen Summen ja nicht erst seit gestern gezahlt. Vom Fußball haben sich die Menschen deswegen in den letzten Jahren trotzdem nicht abgewendet – im Gegenteil: er ist populärer denn je! Hat Tuchel unrecht?

Anscheinend ist die Schmerzgrenze hier immer noch nicht erreicht worden. Und anders als Thomas Tuchel glaube ich auch nicht, dass sie in Deutschland bald erreicht sein wird. Nicht solange wir hierzulande die 50+1-Regel haben und Fußballclubs dank ihrer Vereinsstruktur – mit der Möglichkeit zur Teilhabe für jedermann – ein hohes Identifikationspotenzial besitzen.

Ich sehe eher ein Risiko darin, dass gerade Fußballanhänger, die vielleicht nicht unbedingt mit einem bestimmten Verein mitfiebern, aufgrund des mangelnden Wettbewerbs das Interesse verlieren. Der FC Bayern ist, wie wir wissen, nun vier Mal in Folge Meister geworden, meistens mit deutlichem Vorsprung. Zwar ist dafür der Abstiegskampf jedes Jahr ziemlich spannend – aber als die Liga mit dem spannendsten Abstiegskampf der Welt sollten wir uns deswegen lieber nicht „branden“. Sonst haben wir den Wettbewerb mit den anderen großen Ligen schon verloren.

Über den Autor

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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