Sport und Tourismus

Wirtschaft und Management

„Ausbilder begegnen ihren Azubis häufig noch mit der ‚Ich musste da auch durch!‘-Einstellung“

von Redaktion, am 27.11.2014

Viele Auszubildende in der Hotel- und Gastronomiebranche sind unzufrieden. Sind dafür ungünstige Arbeitszeiten oder geringe Verdienstmöglichkeiten verantwortlich? Diese Erklärung greife zu kurz, sagt Prof. Dr. Katja Mierke, Wirtschaftspsychologin an der Hochschule Fresenius Köln. Zusammen mit ihrer Studentin Sandy Stemme und dem Personalberater Dipl.-Psych. Nikolai Förster hat sie an einer Studie zur Situation von Azubis im Hotel- und Gastronomiebereich gearbeitet. adhibeo hat Mierke und ihren Kollegen Nikolai Förster dazu befragt.

Frau Prof. Mierke, Herr Förster, Sie haben im vergangenen Sommer zusammen eine Zufriedenheitsbefragung unter rund 1100 Auszubildenden im Hotel- und Gastronomiegewerbe durchgeführt. Wie entstand die Idee zu dieser Studie?

Nikolai Förster: In meiner Funktion als Projektleiter bei der managerberater GbR liegt einer meiner Schwerpunkte in der Beratung von Betrieben aus der Hotel- und Gastronomiebranche. Ich kenne daher die Probleme dort und weiß, dass es für die Betriebe immer schwieriger wird, Nachwuchs zu rekrutieren. Das lässt sich auch mit Statistiken belegen: Die Anzahl neuer Ausbildungsverhältnisse ist seit 2007 stetig zurückgegangen, in den letzten drei Jahren ist sie erstmals wieder unter den Wert von 2002 gefallen.

Das liegt zum einen am demografischen Wandel und an vergleichsweise höheren Bildungsaspirationen – viele Jugendliche machen heute Abitur und ziehen anschließend das Studium der Ausbildung vor –, zum anderen aber auch an der vermeintlich schlechten Ausbildungsqualität in der Hotel- und Gastronomiebranche. Im Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes – eine Quelle, über die sich auch angehende Azubis informieren – kommt die Branche beispielsweise seit Jahren nicht gut weg. Dabei hat dieser Report durchaus seine methodischen Mängel und geht zu wenig in die Tiefe.

Wir wollten genauer wissen, warum Auszubildende im Bereich Hotel- und Gastronomie unzufrieden sind, daher die Idee zu einer eigenen Studie. Dank unseres guten Drahts zur Hochschule Fresenius Köln hatten wir schon bald einen geeigneten Partner für dieses Vorhaben gefunden, Prof. Mierke übernahm schließlich die wissenschaftliche Steuerung der Studie, die ja zum größten Teil im Rahmen einer Bachelorarbeit entstanden ist.

Frau Prof. Mierke, Sie sind Wirtschaftspsychologin. Was hat Sie an der Arbeit gereizt?

Katja Mierke: Natürlich ist auch an mir nicht vorübergegangen, dass es in Deutschland Probleme gibt, Ausbildungsstellen zu besetzen – nicht nur in der Hotel- und Gastronomiebranche. Aus Befragungen unter Hotel- und Gastronomieauszubildenden – wie angesprochen, gibt es auch im vielzitierten Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes dazu ein Kapitel – ist bekannt, dass sich die Betroffenen dort vor allem an den ungünstigen Arbeitszeiten und der schlechten Bezahlung stören.

Als Wirtschaftspsychologin weiß ich aber, dass das Konstrukt „Arbeitszufriedenheit“ mehrdimensional ist. Die zeitliche Belastung und die Bezahlung spielen zwar eine wichtige Rolle, bedeuten aber eben nicht alles. Herauszufinden, welche anderen Faktoren für die Unzufriedenheit der Azubis im Hotel- und Gastronomiegewerbe verantwortlich sind, und somit Ansatzpunkte für Veränderungen aufzuzeigen, das war unsere Motivation.

Wie zufrieden oder wie unzufrieden waren denn nun die Auszubildenden, die Sie befragt haben?

Katja Mierke: Gefragt nach ihrer Zufriedenheit, befanden sich die Studienteilnehmer durchschnittlich im oberen Zustimmungsbereich. Blickt man aber hinter diese Statistik, so zeigt sich, dass der Datensatz im Grunde in zwei große Teilstichproben zergliedert ist: Es gibt die ziemlich zufriedenen Azubis und auf der anderen Seite die merklich unzufriedenen.

Nikolai Förster: Mehr Informationen darüber zu erhalten, warum diese Gruppen so unterschiedlich ticken, ist auch im Interesse vieler Betriebe. Denn – auch das zeigt unsere Befragung – sind Azubis unzufrieden, spielen sie häufiger mit dem Gedanken, die Ausbildung abzubrechen. Die Ausfall- und Suchkosten, die nach einem solchen Abbruch entstehen, möchte man sich als Unternehmen natürlich sparen.

Dafür muss sich laut Ihrem Abschlussbericht aber einiges ändern. Wo müssen die Unternehmen ansetzen bzw. welche Gründe haben Sie für die Unzufriedenheit gefunden?

Katja Mierke: Man kann im Grunde drei Cluster von Faktoren erkennen, die für den Grad der Zufriedenheit der Befragten verantwortlich sind – und genau dort müssen die Unternehmen ansetzen. Zum einen geht es darum, den Azubis zu vermitteln, dass ihre Aufgaben bedeutsam sind. In unserer Umfrage zeigte sich nämlich, dass Befragte, die einen Sinn in ihrem betrieblichen Tun sehen und denen von ihren Vorgesetzten ein gewisses Maß an Gestaltungsfreiheit zugestanden wird, deutlich zufriedener sind.

Wie sich der Vorgesetzte verhält, ist grundsätzlich natürlich sehr einflussreich. Das zeigt sich beim zweiten Cluster: Die Befragten, die von ihren Chefs regelmäßig Rückmeldung erhalten, denen transparent gemacht wird, auf was es während der Ausbildung ankommt, sind nach unseren Ergebnissen auch zufriedener.

Der dritte wichtige Faktor, der die Zufriedenheit der Azubis beeinflusst, bezieht sich auf das Binnenklima im Betrieb. Wenn die Azubis dort einen Zusammenhalt spüren, sich mit den Kollegen gut verstehen, dann gehen sie auch gerne zur Arbeit – selbst wenn die Bezahlung besser sein könnte oder man hin und wieder die Nachtschicht übernehmen muss.

Wie einfach lässt sich an diesen Stellschrauben drehen?

Nikolai Förster: Wichtig erscheint mir, dass nicht nur in den etablierten Hotelketten, sondern allgemein in der Hotel- und Gastronomiebranche ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung von Mitarbeiterentwicklung entsteht. Dies beinhaltet auch die Frage, wie Führung von Abteilungsleitern, Mitarbeitern und Auszubildenden insgesamt gelebt werden soll. Angesichts der spezifischen Erwartungen bei Vertretern der Generation Y werden hier die Älteren einen Schritt auf die Jüngeren zugehen müssen.

Katja Mierke: Dafür sind meiner Meinung nach auf jeden Fall Sensibilisierungsmaßnahmen in Form von Schulungen notwendig. In vielen Betrieben begegnen Ausbilder ihren Auszubildenden immer noch mit der „Ich musste da auch durch!“-Einstellung. Aber so funktioniert das heute eben nicht mehr. Wie schon von Herrn Förster angesprochen, liegt das daran, weil die Ypsiloner andere Erwartungen an das Berufsleben haben.

Die Azubis wünschen sich, mit einem Betrieb mitzuwachsen zu dürfen und nicht, dass sie am ersten Tag der Ausbildung die gleichen Tätigkeiten ausführen müssen, wie am letzten. Dieses Bedürfnis nach Anerkennung und Weiterentwicklung sollten die Unternehmen erfüllen – nicht zuletzt, weil enttäuschte Azubis über ihre enttäuschenden Erfahrungen reden. Und dann ist der Ruf des Unternehmens ganz schnell ruiniert.

Über den Autor

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

0 Kommentare

Ihr Kommentar

Sie möchten Sich an der Diskussion beteiligen? Hinterlassen Sie uns Ihren Kommentar!
Bitte beachten Sie dabei unsere Netiquette. Vielen Dank.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.