Wirtschaft und Management

Scheitern als Managementkompetenz

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von Prof. Ulrich Wicher, am 31.01.2019

Scheitern ist für viele nach wie vor ein Tabuthema. Scheitern zu können, und daraus zu lernen, ist im schnelllebigen digitalen Zeitalter aber eine wichtige Managementkompetenz, sagt Prof. Ulrich Wicher, der an der Hochschule Fresenius in Berlin in unterschiedlichen Bachelor- und Masterstudiengängen Fächer wie Unternehmensführung, Marketing und Organisation lehrt. Im Gastbeitrag für adhibeo erklärt er, warum.

Wer Wirtschaftswissenschaften studiert, lernt schon in der ersten Vorlesung die wichtigen Kennzahlen wie Gewinn und Rentabilität kennen, die der Ausweis für ein erfolgreiches Unternehmen sind. Misserfolge gilt es zu vermeiden, denn in unserem Wirtschaftssystem werden diese bestraft, im Extremfall mit der Insolvenz. Weniger erfolgreiche Unternehmen tun sich schwer, gute oder sogar die besten Mitarbeiter zu gewinnen. Damit ist der permanente Kampf um den Erfolg für jedes Unternehmen in einer Marktwirtschaft unabdingbar.

Was für die Unternehmen als Gesamtsystem so selbstverständlich erscheint und gefordert wird, gilt im gleichen Maß für die Menschen in diesen Unternehmen. Auch hier bringt die Sprache des Managements das Problem auf den Punkt. Der Mensch als Produktionsfaktor wird als „Humankapital“ bezeichnet. Kapital muss sich rechnen, das heißt, es muss letztlich einen Mehrwert schaffen. Dazu müssen viele Menschen täglich an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gehen. Das gelingt nicht allen und am Ende des Prozesses steht oft ein Burn-out, der von den Betroffenen häufig als ein persönliches Scheitern begriffen wird. Viele Unternehmen haben die Problematik erkannt und steuern diesen Entwicklungen mit Programmen zur Förderung der Work-Life-Balance und Angeboten zum Gesundheitsmanagement entgegen.

Eines der letzten großen Tabus?

Trotzdem gilt das Scheitern als eines der letzten großen Tabus in unserer Gesellschaft. Der Erfolg der Casting-Shows beruht unter anderem darin, anderen beim Scheitern zuzuschauen und sich selbst zu vergewissern, dass man nicht dazu gehört. Scheitern ist nicht angenehm. Das wird jeder bestätigen, der auf beruflicher und/oder privater Ebene Scheitern hautnah erlebt hat.

Andererseits findet in den letzten Jahren in der Wirtschaft – und damit auch in der Gesellschaft insgesamt – ein Umdenkprozess statt. Scheitern gerät zunehmend in das Licht der Öffentlichkeit, und zwar aus positiver Sicht. Immer mehr Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, aber auch aus anderen Bereichen, berichten über ihr Scheitern und machen deutlich, wie wichtig dieser Prozess für ihre weitere Entwicklung war. Dieses Phänomen, über bisher verschwiegene negative Dinge im Lebenslauf zu reden, ist kein Zufall, sondern hat vor allem auch ökonomische Gründe.

Kennzeichen für Innovationsfreude und Risikobereitschaft

Im Zeitalter der Digitalisierung werden permanent die Geschäftsmodelle aller Industriezweige hinterfragt und zum Teil revolutionäre Veränderungen gefordert. Das Mekka dieser Denkweise ist das Silicon Valley. Von hier kamen und kommen immer noch die Persönlichkeiten und Impulse, die den Anspruch haben, die Welt zu verändern. Und das Scheitern gehört zu den Ur-Mythen des Silicon Valley nach dem Motto „Fail fast – fail cheap – fail often“.

Vor diesem Hintergrund ist Scheitern inzwischen weniger ein Makel als vielmehr ein Kennzeichen für Innovationsfreude und Risikobereitschaft. Nicht nur auf Partys, sondern auch im Bewerbungsgespräch kann man zumindest mit Interesse und Aufmerksamkeit rechnen, wenn man über sein Scheitern berichtet. Aber kritisches Hinterfragen lohnt sich. Denn meist werden die Geschichten von Misserfolgen und vom Scheitern von denen erzählt, die nachher sehr erfolgreich waren. Und Scheitern nun für ihr Storytelling nutzen. Inzwischen hat sich aus dem Berichten über das Scheitern ein eigenes Geschäftsmodell entwickelt. In allen größeren Städten werden „Fuck-up Nights“ veranstaltet, bei denen die Teilnehmer in Partystimmung über ihr Scheitern berichten.

Balance zwischen Bewährtem und kreativem Chaos

Zurück zum Thema Management und Scheitern. Unumstritten ist, dass Innovationen für das Überleben von Unternehmen von entscheidender Bedeutung sind. In Zeiten extremen Wettbewerbs in allen relevanten Märkten spielt der Zeitfaktor dabei eine zentrale Rolle. Langfristige, generalstabsmäßige Planungen stoßen an Grenzen und müssen zumindest durch agiles Vorgehen ergänzt werden. Immer mehr Unternehmen versuchen, durch „Versuch und Irrtum“ und schnelles Lernen aus Fehlern schneller zu sein, als die Konkurrenz. Scheitern wird damit zum integrierten Bestandteil eines solchen Vorgehens. Dabei geraten immer mehr Unternehmen aber auch in einen Konflikt, die richtige Balance zwischen dem Bewährten und dem kreativen Chaos zu finden. Und vor allem müssen die neuen Herausforderungen an die Unternehmen durch Menschen umgesetzt werden. Dieser Transformationsprozess betrifft das gesamte Unternehmen und erfordert nicht nur ein neues Denken, sondern auch neue Organisationsformen und Instrumente im Tagesgeschäft. Und das betrifft wiederum jeden Mitarbeiter.

Diese neuen Herausforderungen führen zu einem Handlungsbedarf, der auch die Hochschulen betrifft. Denn ihre zukünftigen Absolventen müssen auf eine Arbeitswelt vorbereitet werden, die sich gerade in einem teilweise radikalen Umbruch befindet. An den Hochschulen werden zukunftsrelevantes Wissen und hoffentlich auch die zentralen Eigenschaften vermittelt, um dieses Wissen zu erlangen und umzusetzen: Mut, Leidenschaft, Demut, Ausdauer und Kreativität. Und letztlich die Bereitschaft zum Scheitern in Anlehnung an den Spruch des irischen Dichters und Nobelpreisträgers Samuel Beckett: „Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern!“

Über den Autor

Prof. Ulrich Wicher
Prof. Ulrich Wicher lehrt an der Hochschule Fresenius in Berlin in unterschiedlichen Bachelor- und Masterstudiengängen, beispielsweise Unternehmensführung, Marketing und Organisation.

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