Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Psychisch gesünder dank Rente

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von Juliane Mischer, am 13.12.2019

Das Renteneintrittsalter ist in den vergangenen Jahren nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern angehoben worden. Die Bundesbank schlug kürzlich sogar vor, hierzulande zukünftig erst mit knapp 70 Jahren in Rente zu gehen. Wie wirkt sich das auf Arbeitnehmer und deren Gesundheit aus? Dr. Ingo Kolodziej, externer Lehrbeauftragter an der Hochschule Fresenius in Düsseldorf, hat gemeinsam mit Dr. Pilar García-Gómez von der Erasmus University Rotterdam untersucht, welchen Effekt die Rente auf die psychische Gesundheit hat. Von den Ergebnissen berichtet er im adhibeo-Interview.

Bisherige Studien zum Verhältnis der Rente zur psychischen Gesundheit liefern keine eindeutigen Ergebnisse. Einige sagen, dass der Renteneintritt einen positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit hat, andere finden einen negativen Effekt oder gar keinen. Zu welchem Ergebnis kommen Sie – sind Rentner psychisch gesünder als Berufstätige?

Im Durchschnitt hat der Renteneintritt einen positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit. Im weitesten Sinne lässt sich also sagen, dass Rentner eine bessere psychische Gesundheit aufweisen als Nicht-Rentner. Dieser Effekt ist jedoch nicht gleich verteilt, sondern besonders ausgeprägt für Personen, die wenige depressive Symptome aufweisen, und solche, die gefährdet sind, an einer Depression zu erkranken. Laut der von uns genutzten EURO-D Skala trifft letzteres auf Individuen zu, die mehr als vier Symptome für Depressionen aufweisen. Je schlechter der psychische Gesundheitszustand laut Skala ist, desto geringer ist auch der schützende Einfluss durch den Renteneintritt.

Sie haben die psychische Gesundheit in Ihrer Studie anhand von depressiven Symptomen untersucht. Warum?

Depressionen sind laut WHO vor Angstzuständen die häufigsten psychischen Störungen in der europäischen Region. Dennoch erhält ein Großteil der hier lebenden Menschen, die an einer schweren Depression leiden, keine angemessene Behandlung und oft werden Wechselwirkungen mit anderen chronischen Erkrankungen und Komorbiditäten übersehen. Zwar scheint hier bereits ein Wandel einzusetzen und es gibt schon viele Studien, welche sich mit Gesundheit und Renteneintritt auseinandersetzen. Allerdings gibt es noch keine einheitliche Meinung über die kausalen Zusammenhänge von Renteneintritt und psychischer Gesundheit. Da der positive Effekt des Renteneintritts besonders stark für Menschen ist, die gefährdet sind, an einer Depression zu erkranken, sollten Maßnahmen ergriffen werden, die gezielt gefährdete Personen unterstützen. Insbesondere in Zeiten von steigenden Renteneintrittsaltern sollte dies weiter forciert werden.

Gibt es Bevölkerungsgruppen, die anders als der Durchschnitt auf den Renteneintritt reagieren?

Der schützende Effekt des Renteneintritts ist nicht gleich in der Bevölkerung verteilt. Der positive Effekt des Renteneintritts ist größer für Frauen als für Männer. Darüber hinaus ist die schützende Wirkung für Arbeiter, also Arbeitnehmer, die überwiegend körperlicher Arbeit nachgehen, stärker als für Büroangestellte. Für letztere zeigt sich der positive Effekt nur dann, wenn sie bereits einen schlechten psychischen Gesundheitszustand aufweisen.

Welche Rolle spielt die soziale Unterstützung?

Der Renteneintritt kann auch mit sozialer Isolation verbunden sein. Als Arbeitnehmer identifiziert man sich mit dieser Rolle, sie gibt eine Struktur im Alltag und man pflegt soziale Kontakte. Durch den Renteneintritt können sich dieses gewohnte Umfeld und die damit verbundenen sozialen Interaktionen schlagartig verändern. Soziale Kontakte und auch soziale Unterstützung durch Ehepartner oder Kinder können sehr wichtig für die psychische Gesundheit der älteren Bevölkerung sein. Allerdings finden wir keine signifikanten Unterschiede im Effekt der Rente zwischen Verheirateten und Unverheirateten. Kinderlose profitieren nur dann weniger von der Rente, wenn sie über einen guten psychischen Gesundheitszustand verfügen.

In Ihre Untersuchung sind nicht nur die Daten von Rentnern, sondern auch von anderen Nicht-Berufstätigen eingeflossen, zum Beispiel von Hausfrauen und -männern. Werden die Ergebnisse dadurch nicht verfälscht?

Arbeitslosigkeit im Alter ist oft der erste Schritt in den Renteneintritt, sodass die Grenze zwischen Nicht-Berufstätigkeit und Renteneintritt immer mehr verschwimmt. Daher haben wir Nicht-Berufstätige in unseren Analysen einbezogen und die Robustheit unserer Ergebnisse getestet. Wir haben geprüft, ob sich die Ergebnisse verändern, wenn wir die verschiedenen Gruppen der Nicht-Berufstätigen, wie Arbeitslose, Kranke und Behinderte oder Hausfrauen und -männer, dem Arbeitsmarkt zurechnen. Obwohl die Differenzen zwischen Berufstätigen und Rentnern kleiner waren, so ließen sich doch die gleichen zentralen Schlussfolgerungen ziehen. Daraus lässt sich schließen, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Berücksichtigung von diesen Untergruppen die Ergebnisse verfälscht.

Welchen weiteren Forschungsbedarf sehen Sie in diesem Bereich?

Die Ergebnisse haben gezeigt, dass der psychische Gesundheitszustand selbst, also das Vorliegen von einer gewissen Anzahl an Kriterien, die auf eine Depression hindeuten, eine große Rolle spielt in der Frage, welchen Einfluss der Renteneintritt hat. Laut unserer Recherche war dies die erste Studie, die sich auf diese heterogenen Effekte konzentriert. Hier besteht noch einiges an Forschungsbedarf, insbesondere was die langfristigen Entwicklungen und den Vergleich von gefährdeten Untergruppen mit psychisch gesünderen Gruppen angeht. Vor dem Hintergrund, dass aktuell Rentenreformen diskutiert werden, um die finanziellen Folgen der alternden Gesellschaft abzufangen, sollte die Wirkung eines Aufschubs des Renteneintritts noch weiter erforscht werden.

Über die Autorin

Juliane Mischer
Juliane Mischer ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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