Psychologie und Wirtschaftspsychologie

„Der Wissenschaftsbetrieb funktioniert heute in vielerlei Hinsicht wie der Markt“

von Redaktion, am 11.11.2015

Forscher der University of Virginia in Charlottesville, USA, haben kürzlich in einer Untersuchung die Ergebnisse von 100 Studien auf ihre Wissenschaftlichkeit hin überprüft. Das erschreckend eindeutige Resultat: Nur bei 36 Studien ließen sich die Ergebnisse replizieren, rund ein Drittel wurde also einer zentralen Qualitätsanforderung an wissenschaftliche Arbeiten nicht gerecht. Grundsätzliche Zweifel am Wissenschaftsbetrieb seien daher angebracht, folgerten die Forscher. Auch Prof. Dr. Peter Bak, Psychologe an der Hochschule Fresenius Köln, macht gefährliche Tendenzen aus, wie er im Interview erklärt.

Sie haben im Springer-Verlag ein sogenanntes Essential mit dem Titel „Wie man Psychologie als empirische Wissenschaft betreibt“ veröffentlicht. Was möchten Sie mit diesem Buch erreichen?

Mein Hauptanliegen ist es, Studierende der Psychologie, der Wirtschaftspsychologie oder der angewandten Psychologie an das Thema Wissenschaft heranzuführen. Der Grund ist der zunehmende Anwendungsbezug der Studiengänge. Durch ihn wurde das ein oder andere Grundlagenfach inhaltlich gestutzt, weshalb jetzt teilweise solche Inhalte zu kurz kommen, die man mit einer wissenschaftlichen Ausbildung verbindet. Das Ergebnis hiervon ist eine künstliche Trennung von Theorie und Praxis. Schon zu meinen Studienzeiten war es so, dass die sogenannten „Praktiker“ aus Sicht der Wissenschaftler „zu unwissenschaftlich“ arbeiteten.

Diese Trennung von Theorie und Praxis macht aber keinen Sinn, vor allem nicht in der Psychologie. Hier ist theoretisches Wissen, das sich in der Praxis nicht bewährt genauso unbedeutend, wie praktisches Handeln, das nicht auf wissenschaftlicher Grundlage beruht.

Mein Büchlein soll ganz grundlegende Vorstellungen zur Wissenschaft Psychologie vermitteln, die Theoretikern wie Praktikern gleichermaßen dienen. Es soll zudem vor allem den Studierenden helfen, sich mit ihren Abschlussarbeiten nach wissenschaftlichen Kriterien auseinanderzusetzen.

Eine Untersuchung der University of Virginia sorgt derzeit für Aufsehen. Darin konnten Forscher zeigen, dass zahlreiche wissenschaftliche Studien das Qualitätskriterium der Replizierbarkeit nicht erfüllen können. Wie erklären Sie sich dieses Ergebnis?

Der Wissenschaftsbetrieb funktioniert heute in vielerlei Hinsicht wie der Markt. Das Ziel ist es, nach vorne zu kommen und sich von seinen Kolleginnen und Kollegen zu differenzieren. Der naheliegende Lösungsweg ist hier, viel und Außergewöhnliches zu publizieren. Nur so wird man wahrgenommen. Wenn die Ergebnisse publikumswirksam in Massenmedien aufgegriffen werden, dann ist das durchaus förderlich für den Ruf. Häufig hängt ja auch die Vergabe von Drittmitteln, wie Forschungsgeldern, vom Ruf des Beantragenden und seiner Publikationsliste ab. Dies führt allerdings dazu, dass viele Analysen und Interpretationen unter Erfolgsdruck durchgeführt werden. Wie in anderen Wissenschaften übrigens auch, hat das wiederum Qualitätseinbußen zur Folge, wie die Untersuchung der University of Virginia deutlich macht.

Gerade der Psychologie wird oft mangelnde Wissenschaftlichkeit vorgeworfen, was auch häufig mit der Abstraktheit des Forschungsinhalts zusammenhängt. Treffen Aufdeckungen, wie jene der US-Forscher, die Psychologie besonders hart?

Die Psychologie hat es insgesamt nicht einfach. Jeder kann mitreden, und viele Ergebnisse werden dann auch mit einem Achselzucken kommentiert, nach dem Motto „Das überrascht mich gar nicht!“. Wenn dann noch Meldungen über nicht replizierbare Studien, Fälschungen oder statistische Fehler auftauchen, dann lässt dies schon Fragen nach der Legitimation unseres Faches aufkommen. Gerade in der Psychologie lassen sich bedauerlicherweise ohnehin an den Rändern pseudowissenschaftliche Konzepte und Protagonisten zweifelhaften Rufes identifizieren.

Insgesamt aber wird der gesamte Wissenschaftsbetrieb derzeit skeptisch betrachtet. Nicht nur in der Psychologie haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Studien als unwissenschaftlich herausgestellt. Da wurde mit falschen Daten gearbeitet und ganz bewusst manipuliert. In dem Zusammenhang sei nur noch einmal an die vielen öffentlich gewordenen Fälle von Plagiaten bei den Doktorarbeiten bekannter Persönlichkeiten erinnert. Auch das schadet insgesamt dem Ruf der Wissenschaft.

In Ihrer Publikation schreiben Sie, dass auch an deutschen Hochschulen die Auseinandersetzung mit dem, was Wissenschaft ausmacht, oft zu kurz kommt. Woran liegt das?

Dies liegt in erster Linie an der vorhin erwähnten Trennung von Wissenschaft und Anwendung, Theorie und Praxis. Vor allem in anwendungsorientierten Studiengängen wird zugunsten der Vermittlung praktischer Kompetenzen häufig die Vermittlung wissenschaftlichen Know-hows gekürzt oder ganz darauf verzichtet. Letztlich ist es eine Folge des gesamten Bologna-Prozesses, bei dem die Inhalte der Studiengänge zu sehr auf die vermeintlichen Bedarfe der Anwendungspraxis zugeschnitten wurden.

Gab es einen bestimmten Grund, das Essential jetzt zu veröffentlichen? An wen richtet es sich?

Einen aktuellen Anlass gibt es nicht. Eher war es so, dass ich bei der Betreuung von Bachelor- und Masterarbeiten häufig mit den gleichen Schwierigkeiten der Studierenden konfrontiert wurde und beim Begutachten oft die gleichen Schwachstellen identifizieren konnte.

Da, wie eingangs besprochen, unser Fach ohnehin aktuell der Kritik ausgesetzt ist, richtet sich dieses Essential an alle, die sich für die Psychologie interessieren. Viele trauen sich – wenig überraschend – nicht zu, sich durch Karl Poppers „Logik der Forschung“ zu arbeiten oder anderweitig tief in die Wissenschaftstheorie einzusteigen. Ihnen biete ich die Möglichkeit, sich recht schnell auch ohne Vorkenntnisse einen ersten Überblick über den Ablauf des Forschungsprozesses und damit verbundene essenzielle Konzepte zu verschaffen.

Über den Autor

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

1 Antwort

Ihr Kommentar

Sie möchten Sich an der Diskussion beteiligen? Hinterlassen Sie uns Ihren Kommentar!
Bitte beachten Sie dabei unsere Netiquette. Vielen Dank.

Schreiben Sie einen Kommentar