Gesundheit, Therapie und Soziales

Mit selbstbestimmten Training die Lebensqualität verbessern

Robert Kneschke/fotolia

von Jasmin Rauch, am 30.05.2019

Philine Mielisch ist Physiotherapeutin und studierte von 2016 bis 2018 im berufsbegleitenden Masterstudiengang Neurorehabilitation für Therapeuten (M.Sc.) an der Hochschule Fresenius in Köln. Die Erfahrungen aus dem Studium und ihrem beruflichen Alltag kamen ihr auch bei ihrer Masterarbeit zugute. Diese verfasste sie zum Thema „Der Einfluss eines selbstregulierten sportlichen Trainings auf die Selbstwirksamkeit und den Gang von Patienten mit Multipler Sklerose“. Anlässlich des heutigen Welttags der Multiple Sklerose erzählt sie im Interview, welches Projekt ihrer Masterarbeit zugrunde liegt und welche Ergebnisse ihre Untersuchung geliefert hat.

Was versteht man unter Multiple Sklerose und mit welchen Symptomen müssen die Betroffenen am häufigsten umgehen?

Die Multiple Sklerose ist eine komplexe neurologische Erkrankung des zentralen Nervensystems. Es entstehen Entzündungsherde an den Fortsätzen der Nervenzellen, die deren Ummantelung schädigen und somit die verschiedensten Symptome hervorrufen können. Es können motorische, sensorische, kognitive und sekundär psychische Symptome auftreten, die die Lebensqualität der Betroffenen deutlich mindern. Die Zusammensetzung der Symptome ist jedoch bei jedem Patienten unterschiedlich. Da die Symptome abhängig von der Lokalisation der Entzündungsprozesse sind, können im Grunde alle Funktionen beeinträchtigt sein, die dem zentralem Nervensystem zugeordnet sind. Die häufigsten motorischen Symptome sind Ataxien und Paresen, also Störungen der Bewegungskoordination sowie Lähmung oder Teillähmungen. Daneben sind Spastiken, die zum Beispiel zu Gangstörungen führen können, häufige Symptome. Gleichgewichts- und Koordinationsprobleme sowie Störungen der Blasen- und Darmfunktion sind ebenfalls nicht selten. Des Weiteren können Beeinträchtigungen der visuellen Funktion, starke Schmerzen, Depressionen und eine Fatigue, also ein Ermüdungssyndrom, auftreten.

Ihrer Masterarbeit liegt das Projekt „Sportorientierte Kompaktschulung für Menschen mit Multipler Sklerose“ zugrunde. Worum geht es dabei und was ist das Besondere daran?

Das Projekt „Sportorientierte Kompaktschulung für Menschen mit Multipler Sklerose“, kurz SpoKs, wird von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung gefördert und von der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft in Kooperation mit dem Institut für komplexe Gesundheitsforschung der Hochschule Fresenius geführt. Es handelt sich um eine Kompaktschulung für Betroffene. Die Teilnehmer bekommen an zwei Wochenenden systematisch evidenzbasiertes theoretisches Wissen vermittelt. Darüber hinaus werden praktische Übungseinheiten aus den sportlichen Trainingsbereichen Kraft, Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit durchgeführt. Diese Schulungen sollen die Teilnehmer dazu befähigen, eigenständig und selbstbewusst Sport zu treiben sowie ihren Gesundheitszustand unabhängig von Therapeuten und Ärzten positiv zu beeinflussen. Und das ist auch das Spannende an diesem Projekt: Betroffene dazu befähigen, sich selbst zu helfen und individuell Sport zu treiben. Natürlich gehören neben Sport und Bewegung auch andere Maßnahmen zur Behandlung der Multiplen Sklerose, aber die Selbstbestimmung im sportlichen Bereich und das gewonnene Wissen über die eigene Erkrankung sind ein wichtiger Schritt in Richtung einer gesteigerten Lebensqualität.

Was haben Sie im Rahmen Ihrer Masterarbeit untersucht?

In meiner Masterarbeit wurde untersucht, welchen Einfluss ein selbstreguliertes sportliches Training auf die Gehfähigkeit und die Selbstwirksamkeit von Menschen mit MS hat. Da Gangstörungen MS-Patienten häufig einschränken, war dies natürlich ein interessanter Punkt. Zudem haben Forscher herausgefunden, dass bei MS-Betroffenen häufig eine geringere Selbstwirksamkeit und eine geminderte sportliche Aktivität zu erkennen ist. Dies zeigt sich als ein negativer Einflussfaktor für den Gesundheitszustand, denn Bewegung und Selbstwirksamkeit beeinflussen sich gegenseitig.

Was versteht man unter „Selbstwirksamkeit“?

Der Begriff „Selbstwirksamkeit“ wurde durch den kanadischen Psychologen Bandura im Jahre 1977 geprägt. Selbstwirksamkeit beschreibt laut Bandura die Überzeugung einer Person, in der Lage zu sein, Aufgaben und Herausforderungen auch unter teils schwierigen Bedingungen aus eigener Kraft zu bewältigen. Dem untergeordnet ist die sportbezogene Selbstwirksamkeit. Nach der Arbeit von Fuchs und Schwarzer aus dem Jahr 1994 beschreibt sie die Überzeugung einer Person, auch unter erschwerten Umständen regelmäßig sportlich aktiv zu sein.

Wie haben Sie die Auswirkungen von sportlichem Training untersucht?

Um herauszufinden, welchen Einfluss ein selbstreguliertes sportliches Training auf die genannten Variablen hat, wurden standardisierte Tests verwendet. Die Teilnehmer absolvierten die Tests vor Beginn der Schulung und noch einmal nach 12 Wochen.
Die motorischen Daten hinsichtlich der Gehfähigkeit wurden anhand des Functional Gait Assessments, kurz FGA, ermittelt. Um die psychometrischen Daten der Teilnehmer hinsichtlich der Selbstwirksamkeit aufzunehmen, wurden die folgenden Fragebögen genutzt: Die Multiple Sclerosis Self-efficacy Scale, ein Fragebogen, der extra für MS-Patienten entwickelt wurde, und die Skala für die Selbstwirksamkeit zur sportlichen Aktivität.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Da die Daten voraussichtlich auf einem Kongress veröffentlicht werden, kann ich leider keinen detaillierten Angaben zu Ergebnissen machen. Nach der Interventionsphase zeigte sich bei den Teilnehmern eine Verbesserung der Gehfähigkeit. Hinsichtlich der Selbstwirksamkeit und der sportbezogenen Selbstwirksamkeit waren aber keine deutlichen Verbesserungen zu erkennen. Ähnliche Ergebnisse zeigten sich bei den veröffentlichten Arbeiten von Lutz et al. und Kersten et al., heute Woschek, im Jahr 2014 und 2017.

Wie sind Sie darauf gekommen, eine Masterarbeit zu genau diesem Thema zu schreiben?

In einer Vielzahl von vorherigen Studien zeichnete sich bereits ab, dass Sport und Bewegung einen positiven Effekt auf die Symptome bei MS haben. In der Durchführung dieser Studien war jedoch keine Selbstregulation der Teilnehmer in der Interventionsphase vorgesehen. Die Bewegungseinheiten waren entweder geführt oder genau vorgegeben. Daher war es sehr interessant zu sehen, wie die Ergebnisse bei einem selbstregulierten Training aussehen. Die MS tritt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf und ist somit keinesfalls eine Erkrankung des Alters. In diesen Jahren stehen die berufliche Karriere und die Familienplanung im Mittelpunkt. Deshalb ist es besonders wichtig, den Betroffenen zu ermöglichen, eigenständig am Leben teilzunehmen. Aus diesem Grund ist es von zentraler Bedeutung, in diesem Bereich zu forschen. Durch Patientenschulungen können die meist jungen Menschen weitere Informationen über individuelle Behandlungen erhalten oder selbst und selbstbewusst aktiv werden.

Quellen
Bandura, A. (1977). Self-efficacy: toward a unifiying theory of behavioral change. Psychological Rewiew, 84(2), 191.

Fuchs, R., & Schwarzer, R. (1994). Self-efficacy towards physical exercise: reliability and validity of a new instrument. Zeitschrift für Differentielle und Diagnostische Psychologie, 15(3), 141-154.

Lutz, C. Kersten, S., & Haas, C.T. (2017). Short-Term and Long-Term Effects of an Exercise-Based Patient Education Programme in People with Multiple Sclerosis: A Pilot Study. Multiple sclerosis international, 2017, Article ID 2826532, 13 pages.

Kersten, S., Mahli, M., Drosselmeyer, J., Lutz, C., Liebherr, M., Schubert, P., & Haas, C.T. (2014) A pilot study of an exercise-based patient education program in people with multiple sclerosis. Multiple sclerosis international, 2014, Article ID 306878, 11 pages. 

ÜBER DEN AUTOR

Jasmin Rauch
Jasmin Rauch ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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