Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Sport und Tourismus

„Beim Rudelgucken könnte man fast von Gefühlstourismus sprechen“

von Redaktion, am 08.06.2016

Am Freitag wird in Frankreich die Fußball-Europameisterschaft eröffnet. Angefangen mit der Auftaktpaarung Frankreich gegen Rumänien werden in den nächsten Wochen wieder Millionen Menschen die Live-Übertragungen der Spiele verfolgen – meist sind sie dabei nicht allein: Fußball schaut man heutzutage am liebsten im Kollektiv. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? adhibeo hat bei der Psychologin Prof. Dr. Katja Mierke, Dozentin an der Hochschule Fresenius Köln, nachgefragt.

Frau Prof. Mierke, die Spiele der Fußball-EM schaut man heute häufig im Kollektiv. Ob mit Freunden auf dem heimischen Sofa, im Audimax der Hochschule oder auf einer der großen Fanmeilen: Geteilte Fußballbegeisterung, scheint doppelte Begeisterung zu sein. Welches psychologische Motiv steckt hinter dem Kollektivgucken?

Ich denke schon, dass die Möglichkeit, Begeisterung teilen zu können, hier eine Rolle spielt. Ob das jetzt auf eigene Erfahrungen zurückgeht oder auf Intuition: Die meisten Menschen wissen, dass sich emotionale Ausnahmesituationen intensiver anfühlen, wenn man sie gemeinsam mit anderen Menschen durchlebt.

In der Psychologie ist dieses Phänomen schon länger unter dem Begriff „Gefühlsansteckung“ bekannt. Dazu gibt es eine Reihe von Untersuchungen. So wurde zum Beispiel in mehreren Studien belegt, dass Menschen Gesichtsausdruck, Gestik oder Körperhaltung ihres Gegenübers imitieren. Durch Selbstwahrnehmungs- und Rückkopplungseffekte empfinden sie so auch dessen Emotionen nach. Dieses – oft unbewusst ablaufende – Verhalten ist schon bei Kindern zu beobachten und vermutlich genetisch in uns angelegt, es spielt beispielsweise eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Empathie. Imitationen werden übrigens nicht immer nur von visuellen Reizen ausgelöst.

Inwiefern?

Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass für die Übernahme eines Gesichtsausdrucks auch chemische Reize verantwortlich sein können. Niederländische Forscher haben für die Studie weibliche Probanden an Schweißproben männlicher Personen riechen lassen. Der einen Probandengruppe wurden dabei Proben von Männern vorgesetzt, die zum Zeitpunkt der Schweißentnahme Angst empfunden hatten. Bei der anderen Gruppe hatten sich die Männer dagegen in einem glücklichen Zustand befunden. Das Ergebnis: Je nach Schweißprobe wurde bei den Frauen beim Riechen unbewusst ein negativer bzw. ein positiver Gesichtsausdruck ausgelöst.

Chemische Reize sind also ebenfalls dazu in der Lage, Gesichtsausdrücke und damit vielleicht auch Emotionen zu triggern. Ein interessanter Aspekt im Zusammenhang mit den Fanmeilen – geschwitzt wird dort schließlich allemal.

Das stimmt. Schon alleine deswegen, weil sich dort massenhaft Menschen dicht an dicht drängen. Inwiefern spielt auch ein „Aufgehen in der Masse“-Motiv beim Fanmeilen-Besuch eine Rolle?

Ganz klar, auch das Gefühl der Verbundenheit – überwiegend mit wildfremden Menschen – dürfte für viele einen Fanmeilen-Besuch attraktiv machen. Man empfindet soziale Nähe – und zwar ohne die anstrengenden Begleiterscheinungen sozialer Beziehungen, denn nach dem Spiel geht schließlich jeder wieder seiner Wege.

Das dürfte auch ein Grund dafür sein, warum Fanmeilen oder andere Public-Viewing-Orte in den nächsten Wochen wieder viele Menschen anziehen werden, die eigentlich gar nicht so fußballbegeistert sind.

Auf jeden Fall. Auch viele Nicht-Fußballfans befriedigen während einer EM ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit und emotionaler Erregung – vielleicht sogar nach Körperkontakt: Immerhin ist es beim Rudelgucken – im Gegensatz zu den meisten anderen sozialen Situationen – ja nicht ungewöhnlich, sich in den Armen zu liegen oder die Schultern zu schließen. Auch durch diese Berührungen werden Hormone ausgeschüttet und Gefühle ausgelöst. Man könnte vor diesem Hintergrund also fast von einer Art Gefühlstourismus sprechen.

Außerdem will man bei einem so omnipräsenten Event wie der Fußball-EM – denken Sie an die Spezial-Grillsaucen, die EM-Gewinnspiele oder die Fahnen – einfach dabei sein. Schließlich werden die Spiele in den nächsten Wochen das Gesprächsthema Nummer eins sein. Auch hier gilt: Wer mitreden kann, gehört dazu. In diesem Zusammenhang ist die EM übrigens auch eine sehr geeignete Plattform für Selbstdarsteller.

Wie meinen Sie das?

Ich denke, viele nutzen ein großes Fußball-Event wie die EM auch, um Impression Management zu betreiben: Mit klugen Kommentaren während eines Spiels zeigen sie, wie viel Ahnung sie vom Fußball oder vom Sport im Allgemeinen haben und können sich so als Experten inszenieren. Allerdings werden Personen, die dieses Ziel verfolgen, die Spiele wohl eher in kleiner Runde ansehen – auf einer Fanmeile gehen diese Kommentare im Trubel unter. Hier zählt das Individuum eben weniger.

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Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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