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Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Jenseits des Datenschutzes – was die Nutzung von Sprachassistenten in Deutschland derzeit noch hemmt

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von Juliane Mischer, am 27.08.2019

Ok Google, hey Siri oder: Alexa, wie wird das Wetter? Sprachassistenten sind heute bereits auf zahlreichen Geräten vorinstalliert. Nicht zuletzt auf nahezu jedem Smartphone. Wenig verwunderlich ist daher, dass aktuell 85 Prozent der Deutschen mindestens ein Gerät besitzen, das sie per Sprachbefehl steuern können. Nur: Wer macht von dieser Funktion tatsächlich Gebrauch? Welche Gründe hindern Konsumenten vielleicht daran? Eine aktuelle Studie zeigt: Konsumenten verweisen oftmals auf mangelnden Datenschutz, die wahren Barrieren sind jedoch andere.

„Auch wenn ein Sprachassistent bereits vielen Deutschen theoretisch zur Verfügung steht, bedeutet dies längst nicht, dass er tatsächlich genutzt wird“, erklärt Dr. Anna Schneider, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius in Köln und eine der Studienautorinnen. Gemeinsam mit Dr. René Arnold vom Wissenschaftlichen Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste GmbH (WIK) hat sie online 3.184 Personen zu ihrer Nutzung von Sprachassistenten befragt. Die bevölkerungsrepräsentativen Ergebnisse sind erst einmal ernüchternd: Nur ein Viertel der Deutschen greift tatsächlich auf Siri, Alexa und Co. zurück.

Die Sprachassistenten werden zudem meist für recht einfache Aufgaben herangezogen: Im Internet zu recherchieren, Wecker und Erinnerungen einzurichten oder Musik abzuspielen, gehören zu den beliebtesten Funktionen.

„Das habe ich leider nicht verstanden“ – warum die Technologie selbst eine Hürde darstellt

Die befragten Nutzer bewerten die Sprachassistenten als nutzerfreundlich, zeitsparend, hilfreich und innovativ. Nicht-Nutzer nehmen Sprachassistenten generell weniger positiv wahr und bewerten sie im Vergleich zu den Nutzern als deutlich weniger vertrauenswürdig. „Aber auch die Nutzer nehmen insbesondere Alexa, die Sprachassistentin von Amazon, als eher verkaufsorientiert und beeinflussend wahr. Das ist ja auch naheliegend, schließlich wird Amazon besonders stark mit dem Verkauf von Produkten assoziiert“, so Prof. Schneider.

Eine breitere Nutzung durch die Deutschen wird vor allem durch die derzeit noch nicht gänzlich ausgereifte Technologie selbst gehemmt. So zeigt die Studie, dass etwa jeder fünfte Konsument in Deutschland zumindest schon einmal einen Sprachassistenten ausprobiert, die Nutzung aber wieder eingestellt hat. Das liegt zumeist daran, dass der Sprachassistent die Befehle nicht verstanden hat, dass die Technologie nicht zuverlässig genug war oder die Konsumenten es als unangenehm empfanden, mit einer Maschine zu sprechen. Qualitative Interviews, die die Forscher zusätzlich zu der Onlinebefragung durchgeführt haben, bestätigen diese Hemmschwellen.

Privacy Paradoxon – warum Datenschutzbedenken in der Praxis eine nachgelagerte Rolle spielen

Bedenken bezüglich des Datenschutzes äußern die ehemaligen Nutzer zwar auch, allerdings erklärt Anna Schneider: „Der Datenschutz ist ein gern hochgehaltenes Argument, aber tatsächlich viel weniger bedeutsam für das tatsächliche Handeln als man zunächst meinen würde. Auch wenn hierzulande fast reflexartig Datenschutzbedenken geäußert werden, wird das Handeln von anderen Aspekten stärker beeinflusst. Insbesondere Bequemlichkeit und Zeitersparnis sind hier wichtig.“ Dieser Widerspruch zwischen sorglosem Verhalten der Konsumenten auf der einen Seite und Bedenken über mangelnde Privatsphäre auf der anderen Seite wird als Privacy Paradoxon bezeichnet.

So zeigen auch andere Studien, zum Beispiel bei Messenger-Diensten, dass viele Konsumenten bereit seien, mögliche Bedenken wegzuwischen und eventuelle Probleme zunächst kleinzureden und dann in Kauf zu nehmen, sofern der wahrgenommene Nutzen überwiege, erläutert die Studienautorin.

Komfort und Funktionalität – welches Wachstumspotenzial Sprachassistenten haben

„Konsumenten müssen sich heute oft anstrengen, wenn sie einen Sprachassistenten nutzen wollen: Den Ton genau treffen, Befehle mit den richtigen Schlüsselwörtern verwenden und nicht zu schnell sprechen. Das nervt“, fasst Prof. Schneider zusammen. Eine hohe zukünftige Akzeptanz bzw. breite Nutzung sei vor diesem Hintergrund daher keineswegs zwingend zu erwarten.

Schaffen es die Sprachassistenten allerdings, hohen Komfort und Funktionalität zu bieten und die Interaktion menschlicher zu gestalten, attestieren die Forscher den Systemen immenses Wachstumspotenzial. „Die Adoptionskurve könnte alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Denn schon heute könnten 85 Prozent der Konsumenten in Deutschland einen Sprachassistenten nutzen, ohne dafür Geld ausgeben oder eine App installieren zu müssen. Würden alle potenziellen Nutzer zu tatsächlichen Nutzern, wäre eine Marktsättigung quasi über Nacht möglich“, erklärt Anna Schneider abschließend.

Weitere Ergebnisse der Kurzstudie finden Sie auf der Website der Hochschule Fresenius zum Download.

ÜBER DEN AUTOR

Juliane Mischer
Juliane Mischer ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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