Gesundheit, Therapie und Soziales

Interprofessionelles Lernen in den Gesundheitsberufen

Jacob Lund/Fotolia

von Barbara Debold, am 17.10.2019

Mit dem Programm „Operation Team – Interprofessionelles Lernen in den Gesundheitsberufen“ fördert die Robert Bosch Stiftung die Entwicklung, Umsetzung und strukturelle Verankerung interprofessioneller Lehrangebote für die Gesundheitsberufe. Interprofessionelle Lerneinheiten sollen so zu einem regulären Bestandteil der Ausbildung in allen Gesundheitsberufen werden. Das Förderprogramm wurde an der Hochschule Fresenius unter der Leitung von Prof. Dr. Lukas Nock evaluiert. Bei adhibeo berichtet er uns über seine Arbeit.

Herr Prof. Dr. Nock, Sie haben dieses Förderprogramm nun sechs Jahre lang als Evaluator begleitet. Warum benötigen wir Interprofessionalität in Gesundheitsberufen?

Weder die Bedarfslagen der Patientinnen und Patienten, noch die komplexen Behandlungsoptionen moderner Versorgungsprozesse halten sich an Berufsgrenzen. Zugleich steigen seit Jahren die Patientenzahlen, während sich die durchschnittlichen Liegezeiten im stationären Sektor immer weiter verkürzen. Bei der Bewältigung dieser Anforderungen rückte in den letzten Jahren mehr und mehr eine neue Perspektive in den Vordergrund: die Interprofessionalität. Hierbei sind Versorgungsqualität und Ressourceneffizienz vor allem auch eine Frage der gelingenden berufsgruppenübergreifenden Zusammenarbeit.

Was bedeutet interprofessionelles Lernen?

Unser Gesundheitswesen ist ein funktional hochgradig ausdifferenziertes System, dessen Leistungsfähigkeit entscheidend vom engen Ineinandergreifen der beteiligten Akteure abhängt. Vor diesem Hintergrund hebt das Konzept der Interprofessionalität darauf ab, dass die beteiligten Berufsgruppen gemeinsame Ziele verfolgen und eng zusammenarbeiten.

Allerdings ist die berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit im Gesundheitswesen nur marginal entwickelt. Stattdessen bildet eine segmentierte Multiprofessionalität die vorherrschende Praxis. Diese Koexistenz ermöglicht jedoch keine regelrechte Kooperation der verschiedenen am Versorgungsprozess beteiligten Gesundheitsberufe.

Auch im Ausbildungs- und Studienkontext spielte das Thema Interprofessionalität bisher noch keine herausgehobene Rolle.

Was ist das wesentliche Ziel des Förderprogramms „Operation Team“?

Die Robert Bosch Stiftung setzt sich mit ihrem Förderprogramm dafür ein, dass die zukünftigen Fachkräfte bereits in der Ausbildungsphase an die Kooperation in einem berufsübergreifenden Team herangeführt werden und die hierfür erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernen. Denn eine gute Kooperation hat deutlich größere Aussichten auf Erfolg, wenn sie bereits in der Ausbildung gelernt und im späteren Berufsleben stetig durch Weiter- und Fortbildungen aktiv eingeübt wird.

Durch die Initiierung, Finanzierung, systematische Vernetzung und ideelle Begleitung von Kooperationsprojekten zwischen medizinischen Fakultäten, Fachhochschulen und Berufsfachschulen für Pflege, Physio- und Ergotherapie, Logopädie und Hebammenkunde sowie Maßnahmen der strategischen Kommunikation verfolgt die Stiftung das langfristige Wirkungsziel, interprofessionelles Lernen als festen Bestandteil der Curricula im bundesweiten Ausbildungssystem der Gesundheitsberufe zu verankern.

Mit dem „Masterplan Medizinstudium 2020“ strebt die Bundesregierung eine Neustrukturierung des Medizinstudiums an. Welche Auswirkungen hat der Masterplan auf die interprofessionelle Ausbildung im Gesundheitswesen?

Der „Masterplan Medizinstudium 2020“ wurde zur Modernisierung der Medizinerausbildung ins Leben gerufen. Dadurch soll es zu Veränderungen der Studienstruktur und der Ausbildungsinhalte kommen.

Eine der geplanten Maßnahmen des Masterplans ist die Aufforderung an Hochschulen, gemeinsame Lehrveranstaltungen mit Auszubildenden bzw. Studierenden anderer Gesundheitsfachberufe verstärkt in ihre Curricula aufzunehmen. Das Förderprogramm „Operation Team“ hat hierfür wichtige Grundlagen geliefert. Der Ausbau und die Etablierung der einzelnen Projekte sowie die Förderung von Grundlagenforschung sind nun der nächste Schritt zur Sicherung des Projekterfolges.

Ist interprofessionelle Zusammenarbeit ein Thema in der Forschung?

Manchmal finden Themen, die in der Praxis längst angekommen sind, erst relativ spät Anklang in der Forschung. So ist es wohl auch hier. Ausnahmen sind vielleicht die Forschungsarbeiten einiger Kolleginnen aus den Pflegewissenschaften und den Bildungswissenschaften, die sich schon vor über zehn Jahren dem Thema gewidmet haben. Von einer systematischen und flächendeckenden, vor allem auch öffentlich geförderten Erforschung von Interprofessionalität können wir in Deutschland allerdings noch nicht sprechen. Auch international ist das Thema relativ unterbelichtet.

Dass das Thema jetzt langsam auch wissenschaftlich Fahrt aufnimmt, steht unmittelbar im Zusammenhang mit den Förderaktivitäten der Robert Bosch Stiftung im Rahmen von „Operation Team“, den daraus hervorgegangenen Netzwerken und nicht zuletzt dem Engagement der einzelnen Akteure. So haben sich in den letzten fünf Jahren im deutschsprachigen Raum doch schon einige Publikationen angesammelt und vieles ist noch in der Pipeline.

Ich denke, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für ein öffentliches Förderprogramm etwa durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung oder die Deutsche Forschungsgesellschaft. Interprofessionalität sollte dabei gezielt in interprofessionell besetzten Forschungsverbünden untersucht werden.

Weitere Informationen zum Förderprogramm „Operation Team“  gibt es hier: https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/operation-team-interprofessionelles-lernen

ÜBER DEN AUTOR

Barbara Debold
Barbara Debold ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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