Gesundheit, Therapie und Soziales

Ein Gewinn für das Leben – wie eine intensive Sprachtherapie bei chronischer Aphasie helfen kann

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von Andreas Müller, am 11.02.2020

Jedes Jahr erleiden in Deutschland rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Etwa 30 % derer, die ihn überleben, sind anschließend von einer Aphasie betroffen. Sie können nicht richtig sprechen oder sich mit ihrem Umfeld austauschen, nicht richtig schreiben und lesen. Dabei sind sie, wenn die Sprachstörung dauerhaft ist, oft auf sich selbst gestellt. Die international beachtete Studie FCET2EC zeigt nun aber erstmals auf eine wissenschaftlich gesicherte Weise, dass eine intensive Sprachtherapie das Sprachvermögen von Menschen mit einer chronischen Aphasie noch Monate und Jahre nach dem Schlaganfall signifikant verbessern kann.

Wir haben mit der Co-Autorin der Studie und Studiendekanin für Logopädie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius in Idstein Prof. Dr. Tanja Grewe gesprochen. Im ersten Teil des Interviews erläutert sie, welche Hürden die Sprachstörung für Betroffene bereithalten kann, spricht über die Studie und erklärt, auf welche Weise eine intensive Sprachtherapie helfen kann.

Eine Aphasie ist eine Sprachstörung, die sich auf viele Bereiche des Sprachvermögens auswirken kann. Wie kann man sich dies bei Betroffenen vorstellen?

Die Sprachstörung kann sich sowohl auf die Lautebene der Sprache als auch auf die Wort- und Satzebene auswirken. Die Betroffenen können beim Sprechen Laute weglassen, sie ändern oder neue hinzufügen. Sie sagen zum Beispiel „Teleton“ statt „Telefon“. Es können Wortfindungsstörungen auftreten, sodass sie bestimmte Dinge vielleicht noch umschreiben, aber nicht mehr benennen können.

Auf der Satzebene kann es zu einem Agrammatismus kommen. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten bei der Satzbildung und sprechen im Telegrammstil. Sie sagen beispielsweise „Ich Hunger“ statt „Ich habe Hunger“ oder „Ich Lehrer“, wenn sie nach ihrem Beruf gefragt werden. Doch auch ein Paragrammatismus ist möglich. Bei diesem bilden Betroffene lange und verschachtelte Sätze, um relativ einfache Aussagen zu machen. Während das Sprachverständnis bei Menschen mit Agrammatismus zumeist gut erhalten ist, haben Menschen mit Paragrammatismus oft größere Einschränkungen. Die konkrete Ausprägung der Aphasie unterscheidet sich aber bei jedem Betroffenen.

Wie begegnen diese Menschen den Hürden und Einschränkungen, die sich im Alltag für sie ergeben?

Die Aphasie tritt nach einem Schlaganfall von jetzt auf gleich auf. Für die Pflegekräfte und Therapeuten in der Stroke Unit, der Schlaganfallstation, ist dies nichts Neues. Für die Betroffenen und ihr Umfeld kann die Situation dagegen sehr befremdlich sein. Menschen mit einer Aphasie merken deutlich, dass sie nicht mehr richtig verstanden werden und verstehen ihr Umfeld möglicherweise selbst nicht richtig. Dieses muss sich auch erst einmal darauf einstellen, dass der Mensch, den man ganz anders kannte, nicht mehr so spricht wie früher. Manche Betroffene ziehen sich daraufhin zurück und beginnen, Vermeidungsstrategien zu entwickeln, damit sie so wenig wie möglich sprechen müssen.

Gleichzeitig gibt es aber viele Möglichkeiten, die helfen, sich im Alltag zurechtzufinden: Die Betroffenen können mit Notizen arbeiten und sich im Voraus aufschreiben, was sie sagen möchten, wenn sie zum Beispiel in eine Bäckerei gehen möchten. Sie können in Gesprächssituationen gegebenenfalls Wörter, die sie nicht aussprechen können, aufschreiben und ihre Mimik sowie Gestik aktiv nutzen, um sich auszudrücken. Diese Möglichkeiten setzen jedoch einen Lernprozess voraus – die Betroffenen müssen lernen, unterschiedliche Strategien einzusetzen.

Wie geht das Umfeld der Betroffenen – ihre Familie, Freunde und Bekannte – mit der Sprachstörung um?

Nach einem Schlaganfall können die Betroffenen nicht nur an einer Aphasie, sondern auch an anderen kognitiven Einschränkungen, wie zum Beispiel Beeinträchtigungen der Konzentration und Aufmerksamkeit, leiden. Sie können Schwierigkeiten bei der Sprachverarbeitung haben und zudem motorisch eingeschränkt sein. Auf alle diese Dinge muss sich das Umfeld zunächst einstellen. Alle Beteiligten müssen lernen, mit der Situation umzugehen. Zum Teil sind die Betroffenen auf Hilfe angewiesen. Ihr Umfeld sollte aber nicht zu viel übernehmen, damit Menschen mit einer Aphasie zugleich auch die Möglichkeit haben, in ihrem Alltag so selbstständig wie möglich zu sein.

Sie waren an der Studie FCET2EC beteiligt. Diese untersuchte, inwieweit eine intensive Sprachtherapie das Sprachvermögen von Menschen, die dauerhaft an einer Aphasie leiden, verbessern kann. Was ist eine intensive Sprachtherapie?

Die Menschen, die an der am Universitätsklinikum Münster angesiedelten Studie teilnahmen, litten an einer chronischen Aphasie. Das bedeutet, dass sie mindestens sechs Monate mit der Sprachstörung lebten, manche von ihnen sogar schon mehrere Jahre. Sie erhielten eine intensive Sprachtherapie, wobei das Wort „intensiv“ zwei wesentliche Bedeutungsaspekte hat.

Die Therapie ist zum einen hochfrequent: Die Studienteilnehmer erhielten über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen an jedem Werktag eine zweistündige Therapie mit einem Therapeuten und machten zudem eine Stunde lang auf sie abgestimmte Übungen im Eigentraining. Zum anderen hatte die Therapie eine starke inhaltliche Struktur: Dabei wurden mithilfe von zwei speziellen Diagnostikverfahren die individuellen sprachlichen Schwierigkeiten der Betroffenen erhoben und die genauen Therapieschwerpunkte auf diese angepasst. In einem täglichen Monitoring wurden die individuellen Fortschritte geprüft, sodass der Therapeut in jeder Sitzung entscheiden konnte, ob innerhalb des bereits bekannten Schwerpunkts weitergearbeitet oder zum nächsten individuellen Schwerpunkt übergegangen werden sollte. Die Aufgaben wurden mit unterschiedlichen sprachlichen Inhalten regelmäßig wiederholt, sodass eine gute Festigung der gelernten Inhalte im Gedächtnis möglich war.

Die Studie fand internationale Beachtung, obwohl es bereits einige Studien gibt, die sich mit der Sprachtherapie bei Menschen mit Aphasie nach einem Schlaganfall beschäftigen. Was ist das Besondere an ihr?

Die meisten Betroffenen verbringen die erste Zeit nach einem Schlaganfall in einer Stroke Unit, einer Schlaganfallstation, und erhalten anschließend eine Frührehabilitations- oder Rehabilitationsmaßnahme. Ein halbes oder sogar ganzes Jahr später ist es für sie zunehmend schwer, eine zweite Rehabilitationsmaßnahme zu erhalten – auch wenn sie weiter an der Sprachstörung leiden. Ein Grund hierfür ist, dass es bisher keinen evidenten, also wissenschaftlich gesicherten, Wirksamkeitsnachweis für die Sprachtherapie in der chronischen Phase der Aphasie gab.

Die Studie FCET2EC ist die erste multizentrische, randomisierte und kontrollierte Studie, die diesen Wirksamkeitsnachweis für Menschen mit einer chronischen Aphasie mit einem hohen Evidenzgrad erbringt: Sie umfasste 156 Patienten, die in 19 Behandlungszentren in ganz Deutschland eine intensive Sprachtherapie erhielten. Dabei erhielt eine Hälfte der Studienteilnehmer diese sofort und die andere Hälfte nach einer Wartezeit von drei Wochen. So konnten wir die Fortschritte vergleichen und eine signifikante Wirksamkeit der intensiven Sprachtherapie in der chronischen Phase der Aphasie mit hoher Evidenz nachweisen.

In der Studie verbesserte sich das Sprachvermögen um durchschnittlich 10 %. Was bedeutet dies für das Leben der Patienten?

Das Sprachvermögen wurde mit einem Testverfahren erhoben, das die kommunikative Leistung der Betroffenen misst. Es wurden also nicht nur sprachsystematische Faktoren, wie das Benennen von Dingen oder Nachsprechen von Wörtern, gemessen, sondern auch das kommunikativ-pragmatische Sprachvermögen. Die Betroffenen wurden dabei in Rollenspielen in alltägliche Situationen versetzt. Sie erhielten beispielsweise ein Hemd mit einem Brandloch, mussten sich in einer fiktiven Reinigung beschweren und ihre Sprache einsetzen, um sich durchzusetzen.

Gerade in solchen Situationen kann die Verbesserung des Sprachvermögens darüber entscheiden, ob sich ein Mensch im Alltag behaupten kann. Sie ist also ein großer Gewinn für sein Leben. Und sie zeigt, dass die Sprachtherapie auch ein halbes Jahr oder länger nach einem Schlaganfall signifikante kommunikative Verbesserungen erzielen kann. Es lohnt sich, in sprachtherapeutische Maßnahmen für Menschen mit chronischer Aphasie zu investieren.

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Wie können die Ergebnisse der Studie FCET2EC Eingang in die logopädische Praxis finden? Und kann die intensive Sprachtherapie mit einer Gleichstromstimulationen die kommunikativen Fähigkeiten der Betroffenen noch mehr verbessern? Dies beantwortet Prof. Dr. Tanja Grewe im zweiten Teil des Interviews.

Über den Autor

Andreas Müller
Andreas Müller ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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