IT, Mobilität und Technologie

Dolmetscher zwischen Informatik und Technik

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von Juliane Mischer, am 02.05.2019

Kaum eine Branche kommt heute noch ohne Informatiker aus. Ihre Fachkenntnisse sind an wichtigen Schnittstellen gefragt, zum Beispiel zur Biologie oder zur Betriebswirtschaft. Auch das verarbeitende Gewerbe setzt zunehmend digitale Technologien ein. Welche Herausforderungen sich dadurch für Unternehmen ergeben und welche Fachkräfte hierbei zum Einsatz kommen, erklärt Benedict Kamps, Leiter des Bachelorstudiengangs Angewandte Informatik (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius in Idstein, im adhibeo-Interview.

Herr Kamps, Technik wird seit jeher weiterentwickelt, Ingenieure überlegen sich innovative, effizientere Lösungen für Produktionsprozesse. Was ist neu an der aktuellen Situation?

Kurz gesagt: die Digitalisierung. Auch wenn diese natürlich kein neues Phänomen ist, schreitet sie in rasantem Tempo weiter voran und durchdringt immer mehr Branchen und Prozesse. Konkret heißt das: Neue Maschinen, die heute in der Produktion zum Einsatz kommen, sind voll von hochmoderner digitaler Technik. So können Produktionsprozesse wesentlich smarter und effizienter gestaltet werden. Es werden in Zukunft auch immer mehr intelligente Maschinen Einzug in unser alltägliches Leben halten, ein prominentes Beispiel ist das autonome Fahren.

Können Sie einen smarten Produktionsprozess an einem Beispiel verdeutlichen?

Denken Sie an einen Autozulieferer. Zulieferer stehen unter dem Druck, dass sie in sehr kurzer Zeit, kostengünstig individuell angefertigte Produkte an ihre Kunden liefern müssen. Gerade im Bereich der Fertigung ist es immer eine Herausforderung, eine Maschine „mal so eben“ auf ein neues Bauteil umzustellen. Wenn wir uns als Beispiel die Herstellung von Mikrochips für Autosensoren angucken, ist es wichtig, dass die Größe der Platine oder die Zusammensetzung der verwendeten Legierung mit all ihren physikalischen Eigenschaften stimmt. Wenn nun der Kunde ein neues Produkt entwickelt, müssen entsprechend neue Chips hergestellt werden. Für das zuliefernde Unternehmen ist es daher essenziell, dass sie über „intelligente“ Maschinen verfügen. In unserem Beispiel bedeutet das, dass die Maschine mit einer modernen Messtechnik ausgestattet ist. Diese Messtechnik muss in die Maschine integriert sein und mit Hilfe mathematischer Algorithmen kann die Maschine selbstständig das neu anzufertigen Bauteil sowie den zur Verfügung stehenden Arbeitsraum analysieren und eine automatische Einrichtung bzw. Neujustierung vornehmen. Mithilfe eines automatisierten Datenabgleichs des neuen Bauteils mit den geforderten Vorgaben des neuen Chips kann diese Maschine zudem idealerweise selbstständig eine Qualitätsüberprüfung und weitere Einstellungen vornehmen. Diese Selbsteinstellung mit Hilfe der Maschinenintelligenz ist wesentlich zeit- und kosteneffizienter als die frühere Anpassung per Hand.

Das klingt nach einer großen Chance für Industrieunternehmen. Welche Herausforderungen gibt es dennoch?

Gerade bei Mittelständlern ergibt sich häufig folgende Situation: Wird eine neue Maschine in die Produktion integriert, wird diese geliefert und von der Fachkraft des Lieferanten in Betrieb genommen. Im Unternehmen selbst gibt es dann einen Elektriker, der sich einige Informatikkenntnisse angeeignet hat, oder anders herum: einen Informatiker, der auch etwas von der Mechanik versteht. Entscheidender wäre es aber, einen Experten zu haben, der die Hardware und die Software wirklich versteht; idealerweise, weil schon im Studium praktische Erfahrung gesammelt wurde. Diese Fachkräfte sind Dolmetscher zwischen beiden Welten.

Warum sind diese Fachkräfte wichtig?

Die Technik muss kontinuierlich gewartet, überprüft und optimiert werden. Auch um die strikten Anforderungen an die Qualität und Sicherheit im Produktionsprozess zu gewährleisten. Überlegt sich der Ingenieur eine Lösung und der Informatiker kann diese nicht übersetzen, ist das natürlich ein Problem. Je komplexer die Technologie, desto wichtiger ist daher ein ganzheitlicher Blick auf Hard- und Software.

Diesen vermitteln wir auch unseren Studierenden im Studiengang Angewandte Informatik. Ingenieurswissenschaften und Informatik stehen hier gleichberechtigt nebeneinander und sind eng miteinander verzahnt. Zudem dürfen sich die Studierenden von Beginn an auch praktisch ausleben – sowohl in den Laboren der Hochschule als auch in Projekten bei Unternehmen in der Industrie. Das schafft gute Voraussetzungen für den späteren Einstieg ins Arbeitsleben, wo die Absolventen mit sehr komplexen Themen konfrontiert werden.

Sie haben bereits ein Beispiel skizziert, in welchem Bereich Experten für Angewandte Informatik aktiv werden können. Welche weiteren möglichen Einsatzgebiete gibt es?

Um noch einmal auf die Automobilbranche zurückzukommen: Das aktuelle Thema autonomes Fahren liefert zahlreiche spannende Anwendungsgebiete. Denn hier müssen Sensortechnik und Software fehlerfrei interagieren, um auf alle Gefahrensituationen reagieren zu können. Im Entwicklungsprozess des autonomen Fahrens sind „Dolmetscher“ daher besonders hilfreich, die nicht nur die Produktionsaspekte verstehen, sondern auch wissen, wie Sensoren in der Software eingebettet sind und welche Prozesse ablaufen, damit das Auto die Entscheidungen zum Fahren treffen kann. Durch Mitarbeit solcher Fachkräfte an diesen Projekten können Probleme an wichtigen Schnittstellen früh erkannt und entsprechend korrigiert werden.

Spannende Möglichkeiten gibt es zudem im Bereich „Internet of Things“. Dabei geht es um eine schnellere Abstimmung von verschiedenen Geräten untereinander, sodass Kennzahlen wie Fehlerquote, Geräteauslastung oder produzierte Stückzahl optimiert werden.

Über den Autor

Juliane Mischer
Juliane Mischer ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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