Tipps für Studierende

Wirtschaft und Management

Die Qual der Berufswahl

Jobsuche

von Barbara Debold, am 01.08.2019

Mach einfach, was Dir Spaß macht! Soll ich mich bei der Berufswahl auf diesen Tipp verlassen? Oder einen Job wählen, der zu meinen Fähigkeiten passt? Zahlreiche Absolventen verlassen in diesen Wochen mit ihren Bachelor- und Masterabschlüssen in der Tasche die Hochschulen – und stellen sich genau diese Fragen. Prof. Dr. Klaus Stulle ist Dozent an der Hochschule Fresenius. Sein Fachgebiet ist die Wirtschaftspsychologie. Im adhibeo-Interview berichtet er, welche Rollen Eignung und Neigung bei der Berufswahl spielen.

Wenn wir uns für einen Beruf entscheiden, wägen wir oft ab zwischen unserer Eignung – dem, was wir können – und unserer Neigung – dem, was wir gern machen möchten. Wie würden Sie die beiden Faktoren gewichten?

Ich möchte am liebsten auf eine solche Gewichtung verzichten, weil beide Faktoren im statistischen Sinne eng miteinander korrelieren. Einfacher ausgedrückt, was wir gut KÖNNEN und was wir WOLLEN, überlappt meist sehr stark. Dies ist meine Grundüberzeugung. Allerdings wird es komplizierter dadurch, dass wir das, was wir AM ENDE gerne machen würden, AM ANFANG noch nicht gut genug können. Soll heißen, ein gewisses Talent dürfte in aller Regel bereits vorhanden sein, sogenanntes „Potenzial“. Die vollständige Kompetenz dazu muss aber erst mühsam erarbeitet werden. Wenn ich zum Beispiel die Personalleitung in einem DAX-Konzern übernehmen möchte, kann dies nur das perspektivische Ziel sein, nach fundierter Ausbildung und etlichen Jahren Berufserfahrung. Selbst mit maximalem Talent werde ich eine solche Neigung nicht direkt nach dem Studium in die Praxis umsetzen können.

Ist die Berufswahl eine Entscheidung zwischen Herz und Verstand?

Herz und Verstand sprechen in vielen Fällen dieselbe Sprache und führen meist zu der gleichen Entscheidung. Schwieriger wird es nur in seltenen Fällen, beispielsweise wenn sich ein Leistungssportler zwischen Profi-Laufbahn oder Studium festlegen muss. Ich halte es aber für sehr wahrscheinlich, dass in diesem Dilemma keine Schwarz-Weiß-Entscheidung getroffen wird, sondern ein Kompromiss aus Herz und Verstand: Vielleicht einige Jahre bewusst Vorfahrt für den Sport, aber begleitend oder im Anschluss ein Studium. Oder aber recht früh die Einsicht, dass eine reine Sportkarriere zu riskant werden dürfte und die berufliche Qualifikation auf keinen Fall vernachlässigt werden sollte. Unter meinen Studierenden hatte ich hochkarätige Leistungssportler wie ein Mitglied der Olympia-Mannschaft im Fechten oder einen Spieler aus der Handball-Bundesliga, die sich neben ihrem Sport engagiert dem Studium der Wirtschaftspsychologie widmeten.

„Übung macht den Meister.“ Jeder hat diesen Spruch schon mal gehört oder sogar abbekommen. Können wir unserer Neigung folgen und Eignung erwerben?

Hier würde ich nicht von „können“, sondern von „müssen“ sprechen: Im beruflichen, sportlichen oder auch musikalischen Kontext hat die Wissenschaft immer wieder gezeigt, dass das (angeborene) Talent nur eine notwendige, aber nicht hinreichende Grundvoraussetzung darstellt. Echte Meisterschaft wird mit Sicherheit nur durch intensives Training und fortgesetztes Learning-on-the-Job erreicht bzw. beibehalten werden können.

Welchen Einfluss haben Kenntnisse, Fähigkeiten, Talent oder Begabung und Interessen auf unsere berufliche Zufriedenheit?

Berufliche Zufriedenheit hängt maßgeblich davon ab, in welchem Umfang ich meine Fähigkeiten und Kompetenzen zur Anwendung bringen kann. Eine Herausforderung für das berufliche Wohlergehen kann sich beispielsweise stellen, wenn ein begnadeter Forscher im Unternehmen zum Leiter der Forschungsabteilung befördert wird. Im Zuge dessen verschieben sich seine Tätigkeitsschwerpunkte von rein wissenschaftlichen Fragestellungen hin zu betriebswirtschaftlichen Themen wie Budgetplanung, Antragserstellung, Kundenakquise oder Personalführung. Schwierig wird das für denjenigen, der sich so von seinen eigenen Fähigkeiten und auch Ambitionen wegentwickelt und am Ende für Themen zuständig ist, die ihn im Grunde gar nicht interessieren.

Sollen wir bei der Berufswahl auf unsere Eltern und Freunde hören?

Auf sie hören sollten wir mit Sicherheit. Nur die Entscheidung kann und sollte uns andere auf keinen Fall abnehmen. Mir war beispielsweise klar, dass mein Vater sich für mich ein Jura-Studium wünschen würde. Damit war für mich in der damaligen Lebensphase wiederum klar, diesen Studiengang von vorneherein auszuschließen – auch wenn ich heute gestehen muss, dass die Juristerei neben der Psychologie eine Art „stille Liebe“ für mich geworden ist.

Welche Rolle hat unsere eigene Persönlichkeit, wenn wir Entscheidungen über unsere berufliche Zukunft treffen?

Unsere Eignung samt Neigungen ergibt sich aus unserer Persönlichkeit oder macht diese aus. Insofern ist die Persönlichkeit immer maßgeblich an beruflichen Weichenstellungen beteiligt. Andererseits zeigen sich aus der psychologischen Persönlichkeitsforschung noch zwei weitere Erkenntnisse: Zum einen ist das Konstrukt einer „Persönlichkeit“ nach aktuellem Wissensstand nicht so stabil, wie man es viele Jahre angenommen hat. So verändern und entwickeln sich bestimmte Eigenschaften wie zum Beispiel „Gewissenhaftigkeit“ über die Jahre oft in eine positive Richtung. Zum anderen gibt es neben der Persönlichkeit immer auch einen situativen Einfluss zu berücksichtigen. Dieser zieht sich durch jede Berufsbiographie hindurch: Mal ist eine bestimmte Position zu haben, die kurze Zeit vorher oder danach schon wieder vergeben ist, mal kommen andere zu Zuge.

Die Suche nach unserem Traumberuf ist ein Prozess, keine Momentaufnahme. Welche Phasen hat dieser Prozess?

Dauer und Inhalt dieser Phasen verlaufen interindividuell sehr unterschiedlich und lassen sich schwer verallgemeinern. Gleichwohl möchte ich im mathematischen Sinne eine Veranschaulichung verwenden: die Linie von links unten nach rechts oben. Sie symbolisiert, dass die Klarheit über den möglichen Traumberuf am Anfang noch sehr niedrig ausgeprägt ist. Mit zunehmender Erfahrung steigt diese immer weiter an und jeder Berufstätige lernt hinzu. Doch diese Linie ist nicht mit dem Lineal gezogen, sondern eher wie eine schwankende Sinus-Funktion: An einem Tag ist man sich sehr sicher, wie nahe man dem möglichen Traumberuf gerade ist, vielleicht wurde dieser Zustand auch aktuell schon erreicht. An anderen Tagen kommen Zweifel auf und man grämt sich über das, was einem fehlt. Wunschlos-dauerhafte Glückseligkeit im beruflichen Kontext wird wohl kaum erreicht werden können und selbst der traumhafteste Traumberuf bringt regelmäßig ernsthafte Belastungen mit sich.

Sowohl der chinesische Philosoph Konfuzius („Wähle einen Beruf, den Du liebst und Du brauchst keinen Tag mehr im Leben zu arbeiten“) als auch der US-amerikanische Großinvestor und Unternehmer Warren Buffett („Follow your passion and take the job that you would take if you were independently wealthy“) raten uns, in der Berufswahl nach unserer Neigung zu gehen. Dennoch fragen Personalverantwortliche in Vorstellungsgesprächen meist nur nach Eignungen. Ist das ein Zeichen unserer Zeit, unserer Gesellschaft? Und welche Rolle spielt dies für die eigene Berufswahl?

Eine sehr berechtigte Frage. Ein vielbemühtes Zitat von Human Resources Managern lautet: „We hire them for their skills, and fire them for their personality.“ Dies unterstreicht die Beobachtung, dass für den Berufserfolg die Persönlichkeit samt Neigungen relevanter ist als die Qualifikation samt Eignung. Darüber hinaus ist der allgemeine gesellschaftliche Trend – auch im Rahmen der Digitalisierung – zu beachten, dass viele der erforderlichen Fähigkeiten von morgen heute noch gar nicht beschrieben sind, geschweige denn erlernt werden können. Dies bedeutet mehr denn je, dass Lernfähigkeit und Aufgeschlossenheit wichtiger sind und werden als die aktuelle Formalqualifikation und Handlungskompetenz. So werden reihenweise Berufe verschwinden und dafür neue Berufsbilder entstehen.

Können Sie unseren Lesern Tipps für die Berufswahl geben?

Es fällt mir schwer, allgemein sinnvolle Tipps für die Berufswahl zu geben. Schließlich werden die meisten heutigen Studierenden nicht mehr den einen Beruf bis zu Rente ausüben, sondern sich häufiger bewegen müssen. Dabei wird es wünschenswerte Stationen geben, aber auch berufliche Durststrecken, die unvermeidlich, aber besonders lehrreich sind. Früher oder später kommt es zur Frage: „Should I stay or should I go?“. Meist gibt es für beide Antworten gute Gründe, die jeder für sich selbst abwägen muss. Keine leichte Aufgabe.

Was würden Sie in einer solchen Situation empfehlen?

Gezielt nach Vorbildern im persönlichen Umfeld Ausschau zu halten: Wen halte ich in beruflicher Hinsicht für besonders erfolgreich? Was macht er oder sie richtig? Was besser als andere? Was davon kann ich heute schon? Was kann ich mir abgucken und dazulernen? Gleichzeitig sollte die Perspektive erweitert werden, denn diejenigen, die beruflich besonders erfolgreich sind, leben ihr Leben nicht unbedingt so, wie ich es für mich für richtig betrachte. Also gilt es auch hier nach Vorbildern Ausschau zu halten, die eine gute Balance zwischen beruflichen, familiären und persönlichen Themen halten. Vermutlich stellt sich bei näherer Betrachtung rasch heraus, dass es viele sind, die diesen – höchst subjektiven – Anforderungen gerecht werden.

Was können Sie denjenigen mitgeben, die sich bei der heutigen Vielzahl an Optionen schwer tun, sich für einen beruflichen Weg zu entscheiden?

Ich kann mich noch gut an die ersten beruflichen Weichenstellungen erinnern, die sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild zusammengefügt haben. Jeder Entscheidung schließt dabei andere attraktive Möglichkeiten aus, angefangen bei der Schwerpunktwahl im Bachelor. Dabei hat sich in den letzten Jahren die Anzahl an Optionen in Form von Studiengängen und Berufsbildern deutlich erhöht. Dies bietet natürlich vorher nicht gekannte Chancen, die etliche bereitwillig und mitunter sehr erfolgreich nutzen. Andere hingegen tun sich schwer damit, ihre eigene Handschrift zu entwickeln. Sie ersticken regelrecht in der Fülle an Auswahlmöglichkeiten und vermissen genau das, wogegen sie sich gerade entschieden haben. Hierfür habe ich meinerseits viel Verständnis, wünsche aber gleichzeitig, sich der „Trust-the-river!“-Haltung annähern zu können: Auf lange Sicht kommt es in beruflicher und zwischenmenschlicher Hinsicht oft genauso, wie es für den einzelnen den meisten Sinn macht, auch wenn dies nicht zu jedem Zeitpunkt klar gewesen ist. Allemal wünsche ich gutes Gelingen!

Portrait Prof. Dr. Klaus Stulle

Prof. Dr. Klaus Stulle ist Dozent an der Hochschule Fresenius im Fachbereich Wirtschaft und Medien. Mit dem Talent-Klima-Index erhebt er außerdem regelmäßig Informationen über die Entwicklungen der Arbeitsmärkte sowie über zentrale Trends im Talent Management international agierender Unternehmen.

ÜBER DEN AUTOR

Barbara Debold
Barbara Debold ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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