Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Der Bologna-Stress

von Redaktion, am 11.06.2013

Nicht nur in der Arbeitswelt steigt der Druck: seit der Bologna-Reform beklagen auch Studierende zunehmenden Stress. Sogar das Burnout-Gespenst wurde bereits auf den Fluren deutscher Hochschulen gesichtet. Zwei an der Psychology School der Hochschule Fresenius erschienene Studien dokumentieren, wie stressgeplagt deutsche Studierende sind und welche Ressourcen sie einsetzen, um Belastungen vorzubeugen.

„Zeitdruck und Stress nehmen offenbar zu“, kommentierte Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, kürzlich die Ergebnisse einer Studie. Mitarbeiter seines Instituts hatten die Krankmeldungen von mehr als 10 Millionen AOK-versicherten Arbeitnehmern ausgewertet. Die zentralen Befunde: Im Jahr 2010 war knapp jeder zehnte Ausfalltag in Deutschland auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen, zwischen 2004 und 2010 ist die Zahl der durch Burnout verursachten Krankheitstage um fast das Neunfache angestiegen.

Die Belastungen für die Psyche haben in den vergangenen Jahren zugenommen – nicht nur in der Arbeitswelt. Auch Studierende empfinden heute mehr Stress als noch vor der Bologna-Reform: In den Bachelor- und Masterstudiengängen hat jede Note Gewicht, die Stundenpläne sind oft sehr eng gestrickt. Viele Studierende fühlen sich daher überfordert. Wie eine an der HS Fresenius Hamburg durchgeführte Studie dokumentiert, leidet die Mehrheit der Bachelor- und Masterstudierenden regelmäßig unter emotionaler Erschöpfung: 57 Prozent der knapp 1400 Befragten gaben an, mindestens einmal im Monat von diesem Zustand, der als erste Stufe des Burnout-Prozesses gilt, heimgesucht zu werden. Diplomstudierende dagegen sind hier weitaus weniger betroffen und bewerten zudem die zeitlichen und inhaltlichen Anforderungen, die die Hochschule an sie stellt, positiver als Angehörige des neuen Studiensystems.

Ob diese Unterschiede nur auf die ungleichen Rahmenbedingungen der jeweiligen Studienmodelle zurückzuführen sind, lassen die Autoren der Studie, Simon Pfleging und Prof. Dr. Claudia Gerhardt, jedoch offen: Im Fazit ihrer Arbeit geben sie zu bedenken, dass die befragten Diplomstudierenden „durchschnittlich älter und akademisch erfahrener sind“ als die Kollegen aus dem Bachelormodell. Man müsse daher die subjektive Komponente des Stressempfindens berücksichtigen, „denn jeder erlebt Stress individuell“, so die Autoren weiter.

Nähe zu Freunden suchen, Lernpläne aufstellen – mit proaktivem Coping den Stress im Keim ersticken

An diesem Punkt knüpft eine Studie an, die an der HS Fresenius Köln durchgeführt wurde. In ihrer Bachelorarbeit hat Bettina Frost untersucht, wie Studierende den Stress im Unialltag individuell bewältigen. „Eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner Arbeit ist, dass Personen, die über eine hohe Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugung verfügen, besser mit Stress umgehen können“, berichtet Frost. Für ihre Bachelorarbeit, die von Prof. Dr. Katja Mierke betreut wurde, hatte die Wirtschaftspsychologie-Studentin rund 1000 Studierende verschiedener Universitäten befragt – eine stolze Zahl für eine Bachelorthesis. „Ich habe den Link in verschiedenen studiumsbezogenen Gruppen bei Facebook gepostet – und wohl Glück gehabt, dass noch nicht viele andere vor mir auf diese Idee gekommen sind“, erklärt Frost den Erfolg.

Unter dem Link mussten die Teilnehmer nicht nur Fragen zur Stressbewältigung sondern auch zu ihrer Persönlichkeit beantworten: „Ich wollte wissen, wie stark die Befragten von der eigenen Problemlösekompetenz überzeugt sind und ob sie daran glauben, das Leben selbst steuern zu können“, erläutert Frost. So wurden die wissenschaftlichen Konstrukte „Selbstwirksamkeit“ und „Kontrollüberzeugung“ erhoben. Es zeigte sich, dass Personen, die sich selbst eine hohe Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugung zuschreiben, eher zu präventiven Stressvermeidungsstrategien greifen: „Hier werden soziale, finanzielle und zeitliche Ressourcen bewusst eingesetzt, um Belastungen vorzubeugen“, weiß die 25-Jährige. In der psychologischen Forschung ist in diesem Zusammenhang von „Proaktivem Coping“ die Rede. „Studierende, die proaktives Coping betreiben, suchen vor anstehenden Stresssituationen zum Beispiel nach emotionaler Unterstützung bei Freunden und der Familie“, erklärt Frost. Auch das Aufstellen eines Zeitplans oder die ergonomisch sinnvolle Gestaltung der Lernumgebung können als Coping-Strategien begriffen werden.

Wie und ob der Umgang mit dem Uni-Stress gelingt, hängt also stark von der Persönlichkeit ab. Misst ein Studierender, der über geringe Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugung verfügt, dem Studium auch noch große Bedeutung bei, so kann sich der Stress sogar gesundheitsschädlich auswirken. Immerhin 36 Prozent der Befragten fallen laut Frosts Bachelorarbeit in diese Risikogruppe. Wer ehrgeizig, aber nur wenig von sich überzeugt ist, der ist in Sachen Burnout also besonders gefährdet – hier dürfte sich der Studierende nicht vom Arbeitnehmer unterscheiden.

Der Aufsatz „Ausgebrannte Studierende – Burnout-Gefährdung nach dem Bologna-Prozess“ von Simon Pfleging und Prof. Dr. Claudia Gerhardt wie auch die Studie „Stressbewältigung bei Studierenden – Funktionale und dysfunktionale Strategien und Einflussvariablen“ von Bettina Frost und Prof. Dr. Katja Mierke werden in der ersten Ausgabe 2013 der Fachzeitschrift Journal of Business & Media Psychology veröffentlicht, die im Juni unter www.journal-bmp.de abrufbar sein wird. Bettina Frost wird ihre Arbeit zudem auf der Tagung der Fachgruppe Sozialpsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie im September in Hagen vorstellen.

Über den Autor

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

2 Kommentare
  1. Jan Zeil sagte:

    „Coping“ … interessanter Artikel, aber dass sich diese Probleme auf einer psychologischen Ebene lösen lassen bezweifle ich enorm, wie die Forschung das scheinbar andeuten. Wie soll das aussehen? Wird man jetzt noch zusätzlich zur ohnehin knappen Zeit „Coping-Kurse“ anbieten? Menschen sind unterschiedlich und einer ist weniger stressresistent als der andere – wenn man das auf individuelle Defizite zurück führt ist es um so problematischer wenn diese als „behebbar“ erscheinen. Es bedeutet schließlich nichts anderes als wieder: „Wer es nicht schafft hat sich nicht genug angestrengt“, und das Versagen verdient.

    Gerade beim Bachelor-System ist doch ziemlich offensichtlich, dass die Problematik etwas mit dem „System“ zu tun hat – wenn man möchte das möglichst viele Menschen eine hohe Bildung erhalten, dann muss man auch dort etwas ändern. Allein der im Diplom deutlich weniger vorhandene Bürokratiedruck mag eine deutliche Erleichterung gewesen sein. Beim Bachelor: Jede Anmeldung zu jedem Kurs und zu jeder Prüfung muss zeitgerecht gemacht werden, sonst gibt es —> Stress. Das mag trivial und machbar erscheinen es ist aber klar, das genau DAS Dinge sind, die junge Menschen -Studenten- gerne verpassen. Es gruselt mich wenn ich darüber nachdenke, wie viele intelligente Menschen ausgesiebt werden, weil sie etwas anderes im Kopf hatten als die Daten eines Anmeldungszeitraumes.

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