Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Das nächtliche Gruseln: Alpträume, Schlafwandeln und Zombie-Kämpfe aus psychologischer Sicht

nächtliche Parasomnien - Schlafstörungenfizkes/Fotolia

von Dipl.-Psych. Beate Klofat, am 05.08.2019

Jeder von uns hat schon mal eine Parasomnie selbst erlebt, miterlebt oder zu mindestens davon gehört. Doch was ist das genau? Ein spannendes Thema aus der Psychologie, über das Dipl.-Psych. Beate Klofat, Dozentin an der Hochschule Fresenius Hamburg und Psychologische Psychotherapeutin, während der Langen Nacht der Wissenschaften 2019 in Berlin sprach. Im Gastbeitrag für adhibeo erklärt sie, was im Schlaf mit uns passieren kann.

Wenn wir schlafen, durchlaufen wir fünf Schlafstadien. Dabei träumen wir in jedem dieser Stadien mehr oder weniger lang und intensiv, teils eher geschichtenartig, bildhaft, bizarr oder gedankenartig. Doch nicht jede Nacht verläuft gleich. Während wir an einem Morgen entspannt und erholt aufwachen, sind wir an einem anderen Tag wie gerädert, haben uns im Schlaf nicht erholt. Dies kann viele Ursachen haben.

Eine mögliche Ursache kann im Bereich der Parasomnien liegen. Parasomnien sind Varianten von nichtorganischen Schlafstörungen, wie zum Beispiel Alpträume, Hochschrecken aus dem Schlaf, Schlafwandeln oder auch Tätigkeiten im Schlaf.

Leider ist hier vieles noch unzureichend wissenschaftlich erforscht. Wir wissen, dass viele Parasomnie-Phänomene vorübergehend sind, vor allem im Kindesalter. Sollten sie jedoch gehäuft auftreten und zu psychosozialen Einschränkungen führen, so ist eine Abklärung und gegebenenfalls eine Behandlung erforderlich.

Der sich gruselnde Träumer – Alpträume und Alptraumstörung

Alpträume sind Träume, die so stark negative Gefühle (meist Angst) auslösen, dass man davon erwacht. Betroffene sind in der Regel rasch orientiert. Alpträume treten vermehrt in der zweiten Nachthälfte während der REM-Schlafphase auf. Leidet ein Patient häufig unter Alpträumen, so spricht man von einer Alptraumstörung.

Auslöser für Alpträume können Stress, Medikamente, Substanzen oder auch belastende bzw. traumatische Lebensereignisse ein. Dazu kommen Faktoren wie Alter, Geschlecht, genetische Faktoren oder Persönlichkeit.

Bei der Therapie der Alptraumstörung haben sich Antidepressiva nicht als wirksam erwiesen. Hier wird vor allem auf Entspannungsverfahren, Stressreduktion, Schlaf- und Traumhygiene zurückgegriffen (siehe Infobox).

In der Psychotherapie erweisen sich Methoden wie Traumkonfrontation unter Entspannung, luzides Träumen oder die Imagery Rehearsal Therapy (IRT) als wirksam.

Die sich gruselnden Eltern – der Nachtschreck (Pavor nocturnus)

Der Pavor nocturnus ist eine Schlafstörung, die vorrangig bei Kindern bis zum 7. Lebensjahr auftritt. Ca. 20 Prozent aller Kinder machen einmal diese Erfahrung, jedoch nur ein Prozent regelmäßig. Diese Störung ist an den Tiefschlaf in der ersten Nachthälfte gekoppelt. Beginnend mit einem lauten Aufschrei zeigen sich massive körperliche Angstreaktionen; die Betroffenen sind dabei nicht ansprechbar oder orientiert. Nach einer Phase der (Selbst-)Beruhigung wird in der Regel weitergeschlafen, manchmal folgt auch Schlafwandeln. Betroffene erinnern sich am nächsten Morgen meist nicht an diesen Vorfall – die Eltern umso mehr.

Der Pavor nocturnus ist eher als Aufwachstörung, denn als Schlafstörung zu verstehen, da sich das Gehirn in einem Zwischenzustand zwischen Wachsein und Schlaf befindet. Experten vermuten einen Zusammenhang mit Hirnreifungsprozessen sowie einer Mischung aus Veranlagung und Stressauslösern.

Schreckt das Kind auf, sollten keine massiven Weckversuche unternommen werden. Besser ist es, das Kind zu beruhigen, ihm gut zuzureden und es sanft ins Bett zurückzuführen. Vor dem Zubettgehen sollte auf Stressreduktion geachtet werden, außerdem helfen (kindgerechte) Entspannungsverfahren.

Häufen sich allerdings die Vorfälle oder führen zu einer psychischen Belastung, so sollte eine Psychotherapie in Erwägung gezogen werden.

Der wandelnde Schläfer – Schlafwandeln

Auch beim Somnambulismus, dem Schlafwandeln, ist das Gehirn unvollständig erwacht, die Betroffenen sind nicht bei vollem Bewusstsein. Sie verlassen das Bett, wandeln umher und können zum Teil einfache Handlungen ausführen. Leider kann es dabei durchaus zu Verletzungen kommen. Der Begriff der „schlafwandlerischen Sicherheit“ ist ein Mythos.

Daher sollte die Schlafumgebung von Menschen, die unter dieser Schlafstörung leiden, unbedingt sicher gestaltet werden: Fenster und Türen abschließen; spitze, gefährliche oder kippanfällige Gegenstände aus der unmittelbaren Schlafumgebung entfernen.

Der mit Zombies kämpfende Schläfer – REM-Schlaf-Verhaltensstörung

Bei einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung ist die normale Lähmung der Muskulatur während der REM-Schlafphase durch eine Fehlfunktion in den zuständigen Gehirnzentren (teilweise) außer Kraft gesetzt. So werden Träume ausagiert. Bei intensiven Träumen führt dies zu starken Bewegungen, die auch zu Verletzungen des Betroffenen oder seines Bettpartners führen können. Die Betroffenen beschreiben später zum Teil alptraumartige Verfolgungs- oder Angriffsträume.

Diese Krankheit ist allerdings relativ selten. Sie wird vermehrt bei Männern über 50 Jahren diagnostiziert. Es wird ein Zusammenhang mit neurodegenerativen Erkrankungen vermutet, sie ist allerdings auch als Medikamentennebenwirkung möglich.

Das Auftreten einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung bedarf unbedingt einer medizinischen Abklärung durch Neurologen und ein Schlaflabor. Inzwischen gibt es zur Symptomminderung medikamentöse Behandlungsmethoden. Auch hier gilt es wieder, die Schlafumgebung zu sichern, um die Verletzungsgefahr zu minimieren.

Weiteres nächtliches Gruseln – Schlaflähmung, Schlafessen und Sexsomnia

Nach dem Aufwachen aus einer REM-Schlafphase, meist am Morgen, kann es zu einer Schlafparalyse, einer Schlaflähmung, kommen. Dabei sind alle willkürlich bewegbaren Muskeln gelähmt, außer den Augen. Manchmal sind auch Halluzinationen damit verbunden. Diese Phase kann einige Sekunden oder Minuten andauern.

Bei den meisten Betroffenen tritt dieses Phänomen nur einmalig auf. Es kann helfen, wenn man versucht, sich nur auf einen Körperteil zu konzentrieren. Dies kann die Lähmung eventuell schneller beenden. Sollte die Schlafparalyse allerdings häufiger auftreten, empfiehlt sich eine Untersuchung im Schlaflabor.

Eine weitere Variante der Aufwachstörung ist die schlafbezogene Essstörung. Sie findet – wie auch das Schlafwandeln – in der NonREM-Phase statt. Die Patienten sind unvollständig wach, stehen auf und haben Essattacken, an die sie am nächsten Morgen keine Erinnerung mehr haben.

Bei einer weiteren seltenen Schlafstörung, der Sexsomnia, kommt es zu erotischen oder sexuellen Handlungen wie Stöhnen, Streicheln, Masturbieren bis im Extremfall zum Geschlechtsakt im Schlaf. Es gibt dabei Varianten aus dem REM- oder NonREM-Schlaf heraus. Die Betroffenen können sich am nächsten Morgen nicht mehr an ihre Handlungen erinnern. Von Sexsomnia sind häufiger jüngere Männer mit weiteren Parasomnien betroffen. Auch diese Erkrankung kann Medikamenten-induziert auftreten.

Gegen das Gruseln – für einen guten Schlaf

Für einen guten Schlaf ist eine ausgewogene Schlaf-und Traumhygiene empfehlenswert. Mit einfachen Tipps können Sie sich selbst Gutes tun:

  • Pflegen Sie regelmäßige Schlaf- und Aufstehzeiten für einen optimalen Schlaf-Wach-Rhythmus.
  • Trinken Sie mindestens drei Stunden vor dem Schlafengehen keinen Alkohol und keine koffeinhaltigen Getränke.
  • Essen Sie drei Stunden vor dem Schlafengehen keine größeren Mengen, gehen Sie aber auch nicht hungrig zu Bett.
  • Schlafen Sie tagsüber, wenn überhaupt, nicht mehr als 30 Minuten.
  • Gestalten Sie Ihre Schlafumgebung angenehm und schlaffördernd.
  • Achten Sie auf eine Entspannungszeit zwischen Alltag und Bettruhe, möglichst frei von Medienkonsum.
  • Gehen Sie Ihre Probleme an, teilen Sie Ihre Sorgen anderen mit, suchen Sie sich gegebenenfalls Unterstützung.
  • Lernen Sie ein Entspannungsverfahren (zum Beispiel PMR, AT, Achtsamkeit).
  • Vermeiden Sie helles Licht, wenn Sie nachts aufwachen.
  • Sorgen Sie insgesamt für Stressreduktion und ein ausgeglichenes Leben.

ÜBER DEN AUTOR

Dipl.-Psych. Beate Klofat
Die Autorin ist Dozentin an der Hochschule Fresenius Hamburg und Psychologische Psychotherapeutin.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.