Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Wirtschaft und Management

„Man bekommt etwas zurück, wenn man den Mitarbeitern eine gewisse Autonomie zugesteht“

von Redaktion, am 16.06.2015

Mehr Autonomie oder mehr Kontrolle? In vielen Unternehmen wird diese Frage kontrovers diskutiert, wenn es um den richtigen Umgang mit den Mitarbeitern geht. Auf die positiven Effekte von Autonomie weist nun eine an der Hochschule Fresenius Köln entstandene Bachelorarbeit hin. Im Doppelinterview mit ihrer Betreuerin Prof. Dr. Katja Mierke spricht die Absolventin Sabine Scheidtmann über die zentralen Ergebnisse ihrer Arbeit.

Sie haben in Ihrer Bachelorarbeit untersucht, wie sich der Faktor Autonomie auf das subjektive Empfinden bei der Bewältigung kognitiver Aufgaben auswirkt. Wie war die Untersuchung aufgebaut?

Wir haben uns ein fiktives Assessment-Center-Szenario ausgedacht. Unter dem Vorwand, den Leistungstest eines Unternehmens evaluieren zu wollen, haben wir Studierende der Hochschule Fresenius Köln – dort fand die Untersuchung auch statt – zum Mitmachen bewegt. Die 73 Teilnehmer sollten zunächst im Rahmen des fiktiven Assessment-Centers einige kognitive Testaufgaben lösen. Ganz entscheidend dabei: Ein Teil der Probanden durfte selbst festlegen, in welcher Reihenfolge die Aufgaben bearbeitet werden, der andere Teil musste sich strikt an eine vorgegebene Abfolge halten. Inhaltlich waren die Testaufgaben bei beiden Gruppen gleich.

Nun war die Frage, wie sich diese unterschiedlichen Versuchsbedingungen auf das Flow-Erleben und die Selbstwirksamkeits- erwartung der Teilnehmer auswirken.

Frau Prof. Mierke, können Sie diese Begriffe kurz erläutern?

Mit „Flow“ beschreibt man einen Zustand, in dem man den Eindruck hat, völlig in einer Aktivität aufzugehen: Alles fließt, alles gelingt, selbst komplexe Handlungen laufen wie selbstverständlich ab und man verliert das Gefühl für Raum und Zeit. Der Zustand ist häufig beim Sport- oder Musikmachen zu beobachten, ist aber der Forschung zufolge völlig unabhängig von der Art der Tätigkeit. Personen berichten, dass sie Flow ebenso bei einfachen Routinehandlungen oder beim Lösen komplexer Probleme,  z. B. bei der Softwareentwicklung, erleben. Flow kann sich also auch bei der Bewältigung kognitiver Aufgaben einstellen.

Bei der Selbstwirksamkeitserwartung geht es darum, wie sehr Menschen davon überzeugt sind, ein Ziel erreichen bzw. eine Aufgabe meistern zu können. Auch dieses Phänomen spielt im Sport eine wichtige Rolle, genauso aber natürlich wenn es um kognitive Leistungen geht.

Was zeigt die Studie, wie werden Flow-Erleben und Selbstwirksamkeitserwartung durch den Faktor Autonomie beeinflusst?

Sabine Scheidtmann: Die Teilnehmer, denen mehr Autonomie bei der Bearbeitung zugestanden wurde, erzielten signifikant höhere Flow- und Selbstwirksamkeitswerte. Das ergab eine Fragebogenuntersuchung, die im Anschluss an die Testaufgaben durchgeführt wurde. Außerdem schnitten die Teilnehmer, die die Bearbeitungsreihenfolge frei bestimmen konnten, bei dem Test besser ab und entschieden sich im weiteren Verlauf des Assessment-Center-Szenarios signifikant häufiger dafür, eine vergleichsweise schwierigere Folgeaufgabe zu bearbeiten.

Das heißt, nicht nur das Leistungszutrauen, auch die Leistungsfähigkeit ist größer, wenn die Autonomie größer ist?

Katja Mierke: So lässt sich das Ergebnis der Untersuchung interpretieren, ja. Das sollte auch Unternehmen aufhorchen lassen. Man bekommt eben etwas zurück, wenn man den Mitarbeitern eine gewisse Autonomie zugesteht. Sie bringen wirklich faktisch bessere Leistung und sind offenbar zudem motivierter, im Anschluss anspruchsvollere Aufgaben anzugehen. Das steht in Einklang mit klassischen Modellen der Arbeitsmotivation, in denen Autonomie eine starke Vorhersagegröße darstellt.

Dieser Effekt der Autonomie wurde übrigens auch schon in anderen Zusammenhängen aufgedeckt, z.B. bei der Ausbildungszufriedenheitsstudie, die wir im vergangenen Jahr durchgeführt haben. Und auch aus meinem privaten Umfeld ist mir das Phänomen bekannt: Meine Töchter können sich heute beim Hausaufgabenmachen an einem Wochenplan orientieren, sie können also selbst entscheiden, wann in der Woche sie welche Aufgabe erledigen. Ich habe den Eindruck, dass sie deswegen mit mehr Elan und Spaß an die Sache herangehen.

Nun stützt sich die Studie ja nur auf eine kleine, studentische Stichprobe. Wie verallgemeinerbar sind die Ergebnisse?

Sabine Scheidtmann: Natürlich handelt es sich hier um eine selektive und kleine Stichprobe. Außerdem war die Untersuchung als Szenariostudie designt, was ebenfalls zu Verzerrungen geführt haben dürfte.

Katja Mierke: Trotz dieser Mängel: Ich verstehe die Studie als wichtigen Impuls, um weitere Forschungen zur Wirkung von Autonomie anzustoßen.

Sabine Scheidtmann wird die Ergebnisse ihrer Arbeit Ende September 2015 auf der Fachgruppentagung Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vorstellen.

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Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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