Gesundheit, Therapie und Soziales

Aktive Beteiligung am gesellschaftlichen Leben fördern

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von Alexander Pradka, am 26.06.2019

In der Kinder- und Jugendhilfe kommt den Adressaten nicht mehr die ihnen zustehende Bedeutung zu. Rahmenbedingungen kommen in der Betrachtung zu kurz, jeder ist alleine verantwortlich für Erfolg und Misserfolg im Leben. Die Frage der Nützlichkeit für das ökonomische System ist wichtiger als die Entfaltung und Entwicklung von Kindern, Jugendlichen oder allgemein Hilfesuchenden. Das sagt Professor Frank Gusinde in seiner Antrittsvorlesung. Warum ist das so? Und wie können wir es ändern?

Herr Gusinde, vor welchen Herausforderungen steht die Kinder- und Jugendarbeit heute? Was ist anders als vor 20 Jahren?

Prof. Dr. Frank Gusinde: Es gibt vielfältige Veränderungen und auch Herausforderungen. Ich möchte dennoch einmal drei Schwerpunkte hervorheben: Zum einen ist da die Frage, inwiefern die Kinder- und Jugendarbeit einen Bildungsauftrag hat – quasi neben der Schule. Nach dem PISA-Schock vor knapp zwanzig Jahren steht das ganze Bildungssystem unter einem hohen Erwartungsdruck. Punkt zwei sind die Kitaplätze für Kinder unter drei Jahren: Durch frühzeitige Betreuungsangebote sollen soziale Ungerechtigkeiten minimiert werden. Drittens: Die Digitalisierung.

Welche Rolle nimmt die Digitalisierung ein?

Es handelt sich natürlich um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das überall eine Rolle spielt. Im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe gibt es aber zwei spezifische Aspekte: Wie vermitteln wir pädagogischen Fachkräften und den Eltern Medienkompetenz? Der zweite Punkt ist vielleicht nicht sofort erkennbar, deshalb aber nicht weniger wichtig: Welche ethische Grundhaltung benötigen wir, wenn Applikationen und Software nicht mehr nur die Fälle dokumentieren, sondern auch die Gefährdungseinschätzung vornehmen? Das wird aktuell heiß diskutiert.

Hat die Kinder- und Jugendarbeit einen Bildungsauftrag?

Es gibt keine offiziellen Vereinbarungen dazu. Für mich steht das außer Zweifel: Ich sehe für das Aufwachsen eines Menschen und damit auch für dessen Bildung immer die Allianz verschiedener Institutionen in der Pflicht. Das sind neben der Familie und der Schule die Kita, die Vereine, die unmittelbare Umgebung in der Nachbarschaft – und eben die Kinder- und Jugendhilfe. Da geht es nicht primär um schulische Angebote. Die Kinder- und Jugendarbeit schafft durch ihre Grundprinzipien der Freiwilligkeit, der Partizipation, der Offenheit und der Selbstbestimmung ein außerschulisches Bildungsfeld, das ein informelles Lernen ermöglicht. In diesem Bereich haben wir gerade in den letzten Jahren eine spannende Entwicklung erlebt.

Wo sehen Sie denn bei den Kitaplätzen die besondere Herausforderung?

Meiner Meinung nach haben wir beim Personal noch große Bedarfe. Einerseits sind die Ausgaben der öffentlichen Hand für Leistungen der Kindertagesbetreuung in den letzten Jahren stets gestiegen. Im Vergleich zwischen 2006 und 2016/17 haben sich diese mehr als verdoppelt und liegen momentan bei 28,8 Milliarden €. Auch was die Personaldecke angeht, haben wir einen Zuwachs in diesem Zeitraum von nahezu 278.000 Fachkräften (2007 = 458.683; 2017 = 736.598) (vgl. Autorengruppe Kinder- und Jugendhilfereport 2018, S. 53) . Das Thema heißt aber nach wie vor Qualität in der Kindertagesbetreuung. Zwar hat sich seit der Veröffentlichung der NUBBEK-Studie aus dem Jahr 2012 schon einiges verbessert, aber das Thema Aufqualifizierung in Richtung Kindheitspädagogik ist meines Erachtens nie so richtig umgesetzt worden.

Sie haben in Ihrer Antrittsvorlesung gesagt, dass in der Kinder- und Jugendbetreuung den Adressaten nicht mehr die angemessene Bedeutung zukommt. Was meinen Sie damit?

Grundsätzlich ist es nicht so, dass die Angebote und Maßnahmen in der Kinder- und Jugendhilfe an den Adressaten vorbeikonzipiert werden. Es fällt aber auf, dass die Adressaten auf eine unmittelbare Empfängerrolle reduziert sind. Das heißt, man ist auch alleine verantwortlich für Erfolg und Misserfolg. Scheitern ist immer in der Person selbst zu suchen, die Struktur, die Rahmenbedingungen kommen in der Betrachtung zu kurz. Sozialpädagogische Angebote verlieren damit ihren originären Inhalt – und vielleicht sogar ihren Auftrag, weil ein neues Menschenbild in den Köpfen erzeugt wird. Staatliche Unterstützung tritt zurück, die Menschen werden auf eigene Anstrengungen und auf Unterstützung aus dem privaten Umfeld verwiesen. In der Konsequenz sind Fragen der Nützlichkeit für das ökonomische System wichtiger als die Entfaltung und Entwicklung von Kindern, Jugendlichen oder allgemein Hilfesuchenden. Der Mensch selbst und die Wiederherstellung seiner Handlungsfähigkeit stehen nicht mehr so sehr im Mittelpunkt. Wenn wir die Rahmenbedingungen und Ursachen aber immer weiter vernachlässigen, verlieren wir irgendwann den ursprünglichen Sinn Sozialer Arbeit aus den Augen und richten alles am „Homo Oeconomicus“ aus.

In diesen Zusammenhang passt Ihre Kritik an der Standardisierung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.

Standardisierung wird immer dann problematisch, wenn wir uns vom technischen Blick zu sehr leiten lassen. Das kann zur Ausblendung nicht-technischer Aspekte führen und die Qualität der Beziehung zwischen Klient und Sozialarbeiter beeinflussen. Das kann dazu führen, dass wir Menschen nur noch in Teilaspekten wahrnehmen. Wir brauchen aber Empathie und die Fähigkeit, Kongruenz herzustellen. Soziale Prozesse sind außerdem vielschichtig. Wenn wir also hergehen und „auffällige“ Merkmale einfach zählen und linear quantifizierbar machen, verfehlen wir die entscheidenden Kernelemente des Hilfeprozesses. Es kommt dann zu dem, was ich „Entprofessionalisierung der sozialen Arbeit“ nenne. In der Praxis habe ich schon erlebt, wie eine Einschätzung via Checkliste zustande gekommen ist und in Fallbesprechungen dieser – vermeintlich – richtigen Einschätzung unbeirrt und verschlossen für weitere Argumente gefolgt wurde. Gerade wenn es um die Gefährdungsbeurteilung geht, ist das eine fatale Vorgehensweise.

Wie können wir das Problem lösen – wie schaffen wir den „Turnaround“ zu einer „sozialen“ Adressatenorientierung?

Wir müssen Subjekt und Struktur zusammendenken. Beides bildet ein System wechselseitiger Beeinflussung und Abhängigkeiten. Ich will auch keine alleinige Rückkehr zur Adressatenorientierung.
Ein versöhnlicher Ansatz ist der Capability Approach von Nussbaum und Sen. Dieser analysiert gleichermaßen strukturelle Verwirklichungsgelegenheiten, so genannte „chances“, und individuelle Fähigkeiten, also „abilities“. Damit bleibt der ‚sozialpädagogischen Blick’ gewahrt, der zwischen Subjekt und Struktur hin- und herpendelt. Unter sozialer Gerechtigkeit versteht der Capability Approach nicht allein die materielle Verteilung, sondern gleich verteilte Gelegenheiten, um ein Leben zu führen, dass die Grundlagen von Selbstachtung nicht in Frage stellt und für das man sich mit guten Gründen entscheiden kann.

Wenn Sie einmal den Blick in die Glaskugel wagen: Wie sollte sich Ihrer Meinung nach die Kinder- und Jugendhilfe weiterentwickeln?

Zunächst noch ein Satz zum Status quo: Ich finde es schön, dass die Kinder- und Jugendhilfe in der „Mitte der Gesellschaft“ angekommen ist. Das ursprüngliche negative Image der Kinder- und Jugendhilfe ist nicht mehr vorhanden. Ich selbst kenne noch Begriffe wie „Kinderklaubehörde“ oder „Verlotterungsanstalt“. Heute finden wir Angebote der Kinder- und Jugendhilfe in fast allen Lebensphasen des Aufwachsens wieder. Was wir zukünftig brauchen, ist eine Weiterentwicklung der offensiven Jugendhilfe, die sich noch stärker für die Interessen von Kindern, Jugendlichen und Familien einsetzt. Für mich sind Themen wie Partizipation und auch Einmischung die logische Konsequenz, mit dem Ziel der aktiven Beteiligung am gesellschaftlichen Leben. Themen der Bildung und der Digitalisierung werden uns noch stärker beschäftigen. Wir werden einen erhöhten Bedarf an Krippenplätzen haben und auch generell wird das Betreuungsangebot durch die Kinder- und Jugendhilfe zunehmen. Ich wünsche mir auch, dass das Gerechtigkeitsthema viel stärker diskutiert wird.

Ist ein Fachkräftemangel auch in dieser Branche künftig ein Thema?

Die Belastung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe wächst. Wir wissen, dass wir bis 2030 ca. 350.000 Fachkräfte mehr im Sozialwesen brauchen. Damit wird dieser Branche die zweithöchste Wachstumsrate prognostiziert . Viele dieser Fachkräfte werden in der Kinder- und Jugendhilfe gebraucht. Auch das Thema (Teil-)Akademisierung des Erzieherberufs wird uns beschäftigen müssen. Wir haben keine verlässlichen neuen Zahlen, aber sicher ist: Nur in jeder fünften Einrichtung ist mindestens eine Person mit Hochschulabschluss beschäftigt.

Über den Autor

Alexander Pradka
Alexander Pradka ist Teil der adhibeo-Redaktion. Er ist Pressesprecher der Hochschule Fresenius gem. GmbH und in dieser Funktion zuständig für die Bereiche Gesundheit & Soziales, Chemie & Biologie sowie Wirtschaft & Medien am Standort Wiesbaden.

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