Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Masturbation: Unterschiede zwischen Frauen und Männern kleiner als angenommen

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von Juliane Mischer, am 09.04.2019

Masturbation als psychologisches Konstrukt. Mit diesem Thema hat sich Neele Neunaber, Absolventin der Hochschule Fresenius Köln, in ihrer Abschlussarbeit im Studiengang Angewandte Psychologie (B.Sc.) beschäftigt. Dabei hat sie sich mit Stereotypen auseinandergesetzt, beleuchtet, wie Frauen und Männer im Studierendenalter tatsächlich masturbieren und welche Unterschiede – und Gemeinsamkeiten – es zwischen den Geschlechtern gibt. Im adhibeo-Interview berichtet sie von ihren Ergebnissen.

Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Abschlussarbeit gekommen?

Auf der Suche nach einem Thema für meine Bachelorarbeit recherchierte ich im Bereich der Sexualpsychologie. Dabei bin ich auf den Artikel von Silja Matthiesen (2013) „Jugendsexualität im Internetzeitalter – Eine qualitative Studie zu sozialen und sexuellen Beziehungen von Jugendlichen“ gestoßen. Beim Lesen des Forschungsartikels ist mir aufgefallen, dass die befragten männlichen Schüler wesentlicher häufiger masturbierten als ihre Mitschülerinnen. Ebenfalls zeigte sich, dass Frauen im jugendlichen Alter Problemen hatten, sich selbst durch die Masturbation zum Orgasmus zu bringen. Auch wurden sie wesentlich häufiger von Männern in die Sexualität eingeführt. Wohingegen fast alle männlichen Mitschüler angaben, dass die Masturbation ihre erste sexuelle Erfahrung war. Ebenfalls masturbierten die männlichen wesentlichen früher als die weiblichen Jugendlichen. Sowohl der Häufigkeitsunterschied als auch der Unterschied in der Orgasmusfrequenz zwischen den Geschlechtern hat in mir das Interesse geweckt, in meiner Bachelorarbeit zu überprüfen, ob sich die Geschlechterunterschiede in der Masturbationshäufigkeit, der Orgasmusfrequenz und der Zeit, die zum Masturbieren gebraucht wird, im Studierendenalter fortsetzten.

Sie kommen in Ihrer Arbeit zu dem Ergebnis, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Studierendenalter kleiner sind als angenommen. Hat Sie das überrascht? Und welche Gemeinsamkeiten konnten Sie feststellen?

Im Grunde genommen haben mich die Gemeinsamkeiten nicht verwundert, da Geschlechterunterschiede häufig übertrieben werden. Männer und Frauen sind sich meist ähnlicher als es in öffentlichen Diskussionen dargestellt wird.

Die von mir befragten Frauen und Männer im Alter von 18 bis 26 Jahren kommen beide im Durchschnitt „immer“ nach der Masturbation zum Orgasmus. Beide Geschlechter finden es „natürlich“ zu masturbieren. Mehr als die Hälfte der Frauen und Männer gibt an, „Aufregung“ beim Masturbieren zu verspüren. Die am häufigsten genannte Motivation ist mit 48 Prozent der Frauen und 39 Prozent der Männer die „direkte sexuelle Befriedigung“. Weitere 30 Prozent der Männer und Frauen nutzen die Masturbation als „Entspannungshilfe“, z. B. nachts zum Einschlafen. 67 Prozent der Frauen und 61 Prozent der Männer bevorzugen es, „abends“ zu masturbieren, danach folgen „mitten am Tag“ und „nachts“. Bevorzugt masturbieren Frauen und Männer im „Bett“ und „im Liegen“.

Gibt es Indikatoren dafür, warum die Geschlechterunterschiede mit steigendem Alter kleiner werden?

Leider gibt es keine konkreten Indikatoren, warum das Alter einen Einfluss auf die Geschlechterunterschiede haben könnte. Man kann im Vergleich zur Studie von Silja Matthiesen lediglich feststellen, dass die Frauen meiner Stichprobe wesentlich positiver gegenüber der Masturbation eingestellt sind. Auch empfinden sie fast durchgehend positivere Emotionen beim Masturbieren als die jugendlichen Frauen. Hier lässt sich also lediglich vermuten, dass mit dem Alter eine gelassenere Einstellung gegenüber der Masturbation eintritt, die das Ausleben und die Emotionen der Frauen positiv beeinflusst.

Auch wenn die Unterschiede zwischen Frauen und Männern kleiner sind als angenommen, könnten Sie in Ihrer Studie dennoch welche feststellen. Welche genau sind das?

Auch im Alter vom 18 bis 26 Jahren zeigt sich, dass Männer häufiger masturbieren: Nämlich durchschnittlich mehr als einmal die Woche. Die befragten Frauen dagegen masturbieren im Schnitt einmal in der Woche. Doch sollte auch erwähnt werden, dass mehrere Frauen angeben, mehrmals am Tag zu masturbieren, während keiner der befragten Männer diese Option wählt.

Ein signifikanter Unterschied zeigt sich in der Zeit, die sich Männer und Frauen zum masturbieren nehmen: Männer masturbieren im Schnitt ca. 24 Minuten, Frauen durchschnittlich ca. 15 Minuten. Auch im Alter, in dem mit dem Masturbieren begonnen wird, gibt es eine Differenz: Die befragten Männer beginnen ungefähr im Alter von 12,86 Jahren und damit wesentlich früher als die Frauen mit 14,1 Jahren.

Ich habe auch das Material, das beim Masturbieren genutzt wird, abgefragt. Männer bevorzugen eindeutig pornographische Inhalte: Diese zu verwenden, geben 64 Prozent der Befragten an. Jedoch ist es auch wichtig zu sehen, dass 25 Prozent regelmäßig an ihre Partner denken, wenn sie masturbieren. 45 Prozent Frauen rufen sich beim Masturbieren ein sexuelles Erlebnis in Erinnerung. Spannend war aus meiner Sicht besonders, dass auch 21 Prozent der Frauen vorwiegend Pornographie zum masturbieren nutzen. Ebenso viele Frauen masturbieren zu Phantasien ihrer Partner.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt auf der weiblichen Masturbation. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

In einigen Studien, die ich für meine Arbeit gelesen habe, wird deutlich, dass Frauen sich beim Thema Masturbation gesellschaftlich nicht berücksichtigt oder sogar eher tabuisiert fühlen (Erb & Klinger, 2004). Das hat mein Interesse geweckt. Bücher wie „Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht“ von Brochmann & Stokken Dahl führen uns vor Augen, dass wir im Bereich der weiblichen Geschlechtsorgane im Allgemeinen schlecht aufgeklärt sind. Ergebnisse einer Studie des gynäkologischen Krebsverein „The eve appeal“ zur Anatomie des weiblichen Geschlechts zeigen sogar, dass 44 Prozent der Frauen Schwierigkeiten haben, die Vagina zu lokalisieren. 60 Prozent sind unsicher, wo sich die Vulva genau befindet (Hinde, 2016). Die weibliche Sexualität ist geschichtlich gesehen zudem immer an die Sexualität des Mannes und dessen Befriedigung gebunden worden (Shulman & Horne, 2003). Die weibliche Masturbation spielte da keine Rolle. Mich hat daher interessiert, ob das das Ausleben der Masturbation weiterhin beeinflusst.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie beim Fokus auf die weibliche Masturbation gekommen?

Meine Studie stieß tatsächlich gerade bei Frauen auf Interesse: 100 von 136 Probanden sind Frauen. Die befragten Frauen sind der Masturbation gegenüber positiv eingestellt: Sie masturbieren nicht nur regelmäßig, sondern kennen ihren auch Körper sehr gut, da sie im Durschnitt „immer“ zum Orgasmus gelangen. Sie masturbieren zu Phantasien des eigenen Partners genauso wie zu Pornographie. Mit dem Masturbieren bringen sie angenehme Emotionen in Verbindung und nutzen diese, um sexuelle Vorlieben zu entdecken. Man kann also sagen, dass meine Arbeit zeigt, dass die Masturbation bei Frauen positiv besetzt ist. Im Bereich der weiblichen Masturbation kann sich die Sexualität der Frau also als eindeutig unabhängig vom der männlichen Sexualität zeigen.

Im Rahmen einer Bachelorarbeit besteht natürlich nur begrenzt Raum, das Thema zu beleuchten. Welche Anschlussfragen ergeben sich daher aus Ihrer Sicht?

Mich würde eine Studie interessieren, die in einem Längsschnittdesign, das heißt im Verlauf von mehreren Jahren, Jugendliche und somit die Entwicklung ihres Masturbierens begleitet und dabei ein besonderes Augenmerk auf die weiblichen Jugendliche legt, um zu ergründen, warum Mädchen nicht masturbieren. Ebenfalls würde sich eine Erhebung des Masturbationsverhaltens von älteren Kohorten anbieten, um zu untersuchen, ob sich die Unterschiede weiter angleichen oder ob sogar vielleicht wieder größere Unterschiede entstehen.

Eine Studie, die sich mit kulturellen Unterschiede beschäftigt, wäre aus meiner Sicht auch sehr spannend: Wie erleben Menschen aus anderen Kulturen die Masturbation? Genauso wäre eine qualitative Untersuchung aufklärend, die sich intensiver mit der Motivation zur Masturbation beschäftigt.

Quellen:

Brochmann, N. & Stokken Dahl, E. (2018). Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.

Erb, C. & Klingler, D. (2004). Mysterium Masturbation: Wenn sich Frauen selber lieben. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH.

Hinde, N. (2016). Nearly Half Of Women Can’t Identify The Vagina, So How Can They Spot Cancer? Verfügbar unter: https://www.huffingtonpost.co.uk/entry/half-of-women-cannot-identify-vagina-eve-appeal-survey_uk_57c6e0f7e4b085cf1ecccea5?guccounter=1&guce_refer-rer_us=aHR0cHM6Ly93d3cuZ29vZ2xlLmRlLw&guce_referrer_cs=-Q9DnEx-tt8qVhBX9FQNnQ (04.01.2019)

Matthiesen S. (2013). Jugendsexualität im Internetzeitalter – Eine qualitative Studie zu sozialen und sexuellen Beziehungen von Jugendlichen. Köln: BzgA.

Shulman, J. L., & Horne, S. G. (2003). The use of self-pleasure: Masturbation and body image among African American and European American women. Psychology of Women Quarterly, 27, S.262–269.

ÜBER DEN AUTOR

Juliane Mischer
Juliane Mischer ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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