Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Sport und Tourismus

Ist Reiten eine Sportart für Frauen und Mädchen? Ja, finden Nicht-Reiter

von Juliane Mischer, am 07.03.2019

Reitsport gilt besonders im Freizeitbereich – dem hierzulande mehr als zwei Drittel der Reiter angehören – als frauendominiert und unmännlich. Auch Reitvereine beklagen sich zunehmend über fehlenden männlichen Nachwuchs. Doch wodurch entstehen diese Vorurteile und Tendenzen? Was sind Motive für Mädchen und Frauen sowie Jungen und Männer, den Reitsport aufzunehmen?

Diese Fragen stellt sich auch Prof. Dr. Kathrin Schütz, die an der Hochschule Fresenius in Düsseldorf und Köln lehrt und forscht. In den vergangenen Jahren hat die Professorin für Wirtschaftspsychologie die deutsche Reitszene bereits in verschiedenen Studien beleuchtet.

In einer aktuellen Untersuchung geht es nun um die Frage, ob Reiten wirklich als weibliche Sportart angesehen wird und welches Bild von einer reitenden Person unsere Gesellschaft hat. Dafür wurden insgesamt 903 Personen online befragt, unter anderem im Rahmen einer studentischen Projektarbeit. Ein erstes Indiz für das Interesse der Geschlechter am Freizeit-Reitsport liefert schon die Stichprobe: 94,5 der Befragten sind weiblich und 5,5 Prozent männlich. 78 Prozent der Befragten sind selbst Reiterinnen und knapp zwei Prozent der Befragten Reiter. Die meisten haben bereits in der Kindheit damit angefangen.

„Die Zahlen zeigen deutlich, dass Frauen im Reitsport dominieren. Laut Verbrauchs- und Medienanalyse 20181 gab es in Deutschland im vergangenen Jahr ca. 580.000 Personen ab 14 Jahren, die mehrmals wöchentlich dem Reitsport nachgingen. Hiervon waren 510.000 Personen Reiterinnen. Das spielt sich auch in den Stichproben wider und erklärt, warum hier kein ausgewogenes Geschlechterverhältnis vorhanden ist“, erklärt Prof. Schütz.

Vor allem Reiterinnen empfinden ihren Sport nicht als explizit weiblich

Was sagen die Reiterinnen und Reiter zu der Annahme, Reiten werde als weibliche Sportart angesehen? Insgesamt lehnen sowohl die weiblichen als auch die männlichen Befragten die Aussage ab – und zwar Frauen deutlicher als Männer. Gleiches gilt für die Aussagen, dass Reiten nur etwas für Mädchen sei oder im Gegenteil nur Jungen anspräche.

Warum also sind in Reitställen eher Mädchen und Frauen zu finden? „Eine Erklärung liefert die Gegenüberstellung von Befragten, die selbst reiten, und jenen, die in ihrer Freizeit keinen Reitsport betreiben“, sagt Kathrin Schütz. Denn hier zeigen sich signifikante Unterschiede: Die Nicht-Reiterinnen und -Reiter (58%) finden eher, dass Reiten ein weiblicher Sport bzw. nur etwas für Mädchen sei, als die reitenden Befragten (3%). Die Nicht-Reitenden geben außerdem häufiger an, dass Reitbekleidung für sie eher weiblich sei. Sie lehnen zudem die Aussage, dass der Reitsport nur etwas für Jungen sei, deutlicher ab als die reitenden Personen. „Offensichtlich hat der Reitsport auch in diesem Bereich mit Vorurteilen zu kämpfen, die vielleicht einige Jungen und Männer vom Reitstall fernhalten. Die Stereotype werden auch durch bekannte Pferdezeitschriften wie Wendy und Lissy gestützt, die sich explizit an Mädchen richten. Vergleichbares ist für Jungen nicht zu finden“, so Schütz weiter.

Frauen gehen eher eine emotionale Bindung mit ihrem Pferd ein

Schütz‘ aktuelle Studie befasst sich zudem mit den Motiven der Reitsportler. Eine Vermutung, die sie unter die Lupe nimmt, ist: Das Pferd stellt für Frauen eher ein Bindungsobjekt dar als für Männer. Dies wird durch die Befragung bestätigt: So sagen die befragten Reiterinnen deutlich öfter als die Reiter, sie könnten ihrem Pferd alles anvertrauen. Zudem geben die reitenden Frauen häufiger an, dass sie eher auf das Reiten verzichten würden, wenn ihr Pferd krank wäre, als es zu verkaufen, und dass ihr Pferd merke, wenn es ihnen schlecht gehe.

„Reiten ist ein zeitintensiver Sport. So haben frühere Studien gezeigt, dass fast jeder zweite Freizeitreiter mehr als 13 Stunden pro Woche im Stall ist. Die Sportler verbringen also viel Zeit mit den Tieren. Acht von zehn Reitern haben sogar ein eigenes Pferd. Die jetzige Studie zeigt, dass Frauen in dieser Zeit eher als Männer dazu neigen, eine enge Bindung mit dem Pferd einzugehen. Das kann damit zusammenhängen, dass das Reiten und das dazugehörige Pflegen und Versorgen des Pferdes bei Frauen mit ihrem Fürsorgebedürfnis einhergeht“, interpretiert Kathrin Schütz die Studienergebnisse.

Warum reiten so wenige Männer in ihrer Freizeit?

Um mehr über die Motive der männlichen Reiter und die konkreten Gründe, warum Männer in ihrer Freizeit eben nicht reiten, zu erfahren, regt Prof. Schütz Folgestudien, die sich um eine größere männliche Stichprobe bemühen, an. „Zudem wäre es interessant, eine weitere Datenerhebung im Bereich Leistungssport zu erfassen, um so die Motivationslage von Leistungssportlern und Freizeitreitern vergleichen zu können“, schließt sie an.

ÜBER DEN AUTOR

Juliane Mischer
Juliane Mischer ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.

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