Gesundheit, Therapie und Soziales

Von der Hand in den Mund – wie Gesten den Spracherwerb beeinflussen

von Mareike Hochschild, am 05.02.2019

Wir alle tun es, sobald wir reden, unbewusst und auch dann, wenn unser Gesprächspartner uns nicht sehen kann: Wir gestikulieren. Gesten sind mehr als bloßes Beiwerk beim Sprechen, wie lange Zeit angenommen. Vielmehr sind sie wesentlicher Bestandteil unserer Sprache. Prof. Dr. Susanne Vogt weiß das und berichtete in ihrer in Idstein gehaltenen Antrittsvorlesung  „Von der Hand in den Mund“ über den Einfluss von Gesten auf den Spracherwerb.

Sie haben in einer Studie untersucht, wie Gesten den Spracherwerb beeinflussen. Was hat Sie zu dieser Fragestellung geführt?

Die Kinder, die ich behandelt habe. Wenn ihnen die Worte fehlten, haben sie oft Gesten benutzt. Ich konnte beobachten, wie Gesten den Spracherwerb stimulieren. Der Einfluss von Gebärden bei Kindern mit Down-Syndrom wurde bereits hinreichend untersucht und hat sich als besonders positiv erwiesen. Es gibt aber nur sehr wenige Untersuchungen zum Einfluss von Gesten auf den Spracherwerb von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen (SES), dabei betrifft das etwa acht Prozent aller Kinder. Ich habe Gesten in der Therapie immer wieder erfolgreich eingesetzt und wollte deren Einfluss nun auch wissenschaftlich untersuchen und belegen.

Das spannende dabei: Gesten müssen nicht erlernt werden, sie erfolgen unbewusst und sind Teil unserer Kultur. Zeigegesten lenken die Aufmerksamkeit auf etwas, Kinder äußern so Bedürfnisse. Sie kommen in allen Kulturen vor, selbst Primaten nutzen sie. Auch ikonische Gesten werden in allen Kulturen verwendet und sind universell verständlich, sie zeigen z. B. Größe und Formen an und repräsentieren Objekte, Ereignisse und Zustände. Konventionelle Gesten können hingegen sehr unterschiedlich sein. Ich habe mich auf ikonische Gesten und ihre Wirkung auf das Wortlernen konzentriert.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Sprachentwicklungsstörungen sind sehr variabel und können sowohl das Sprachverständnis als auch den Wortschatz sowie die Laut-, Wort- und Satzbildung betreffen. Ich habe zunächst Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen gesucht, die Schwierigkeiten damit hatten sich Worte zu merken. Meine Fragestellung lautete: Können ikonische Gesten helfen, neue Worte zu lernen? Bei dieser Untersuchung zum Wortlernen habe ich mich auf Kinder im Alter von drei bis vier Jahren konzentriert. Die Kinder sollten monolingual, also mit nur einer Sprache aufgewachsen sein. Ich konnte 20 Kinder mit einer ähnlichen sprachlichen Problematik finden, zehn Mädchen und zehn Jungen. Es gab zudem zwei Kontrollgruppen, ebenfalls jeweils zehn Mädchen und zehn Jungen: Eine Gruppe mit gleichaltrigen Kindern, deren Spracherwerb typisch verlief und eine Gruppe mit jüngeren Kindern, aber mit vergleichbaren sprachlichen Fähigkeiten.

In drei Trainingseinheiten, jeweils im Einzelsetting im Kindergarten, habe ich den Kindern neue Wörter präsentiert. Bei der Hälfte der Wörter habe ich zusätzlich zum gesprochenen Wort eine aufmerksamkeitslenkende Geste benutzt und bei der anderen Hälfte der Wörter eine ikonische, also bildhafte Geste. Nach der ersten Trainingseinheit wurde untersucht, ob die Kinder die Worte verstehen und benennen können. Nach der dritten Trainingseinheit sollten die Kinder zusätzlich die Wortbedeutung erklären, also was sie alles über das Wort wissen.

Was haben Sie herausgefunden?

Alle Kinder konnten die neuen Worte mit einer ikonischen Geste besser erlernen. Sie nahmen die Gesten wahr und nutzten sie auch als Abrufhilfe, wenn ihnen das Wort nicht gleich einfiel. Ganz besonders aber profitierten die Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung davon. Die ikonischen Gesten halfen ihnen dabei, ein tiefes Wortbedeutungswissen aufzubauen. Dabei haben sich ikonische Gesten als wirksamer als andere Gestenarten erwiesen. Sie wirken auf zwei Weisen: Zum einen erleichtern sie die langfristige Speicherung von Wörtern und sie stimulieren den Sprecher das gesuchte Wort zu produzieren.

Wie erklären Sie, dass besonders Kinder mit Sprachentwicklungsstörung vom Einsatz der ikonischen Gesten profitieren?

Noch ist das Bild von Sprachentwicklungsstörungen sehr diffus, wir wissen nicht mit Gewissheit, wie Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung neue Worte genau verarbeiten, welche Hirnregionen dabei mehr oder weniger beteiligt sind. Die neuronalen Zusammenhänge gilt es zu untersuchen. Was wir aber nun wissen und auf Basis des kindlichen Verhaltens gezeigt haben: Die ikonischen Gesten haben positiven Einfluss auf das Wortlernen, sie bieten neben der auditiven Information eine zusätzliche Hilfe, die diese Kinder dankend annehmen. Allerdings nicht alle. Auch das muss in Zukunft genau untersucht werden: Welche Kinder reagieren nicht auf den Einsatz von Gesten und warum.

Wie lassen sich die Ergebnisse in der Praxis anwenden?

Ikonische Gesten kommen in der Therapie vereinzelt schon zum Einsatz, allerdings bisher ohne Standards oder Regelwerk. Das wäre nun der nächste Schritt, den Einsatz von Gesten in der Therapie auf wissenschaftliche Beine zu stellen.

Sie haben bereits dargelegt, dass Gesten nicht erlernt werden müssen, sondern unbewusst erfolgen und Teil unserer Kultur sind. Wie ist das zu erklären?

Mit Sprache, und dazu zähle ich Gesten, passen wir Menschen uns kulturell an. Wir wollen etwas erreichen und vor allem wollen wir Gemeinsamkeiten mit unserer Umwelt schaffen und agieren daher gleich. In den letzten Jahrzehnten wurde die verbale Sprache als das Kommunikationsmittel angesehen, das ändert sich aber langsam. Inzwischen setzt sich zunehmend die Perspektive des Embodiment durch, d. h. die Berücksichtigung der Rolle des Körpers in der Kommunikation. Ganz neu ist das nicht: schon Aristoteles wusste um die enge Verbindung von Körper und Geist.

Gesten sind also Sprache?

Auf jeden Fall, wir kommunizieren mit dem ganzen Körper.

Ihre Studie ist zwar abgeschlossen, scheint aber zugleich erst der Anfang zu sein. Wie geht es weiter?

Tatsächlich steht die Gestenforschung noch ziemlich am Anfang. Zu untersuchen gibt es noch viel. So untersuchen wir z. B. in einem kleineren Projekt ob beispielsweise die Imitation der Gesten einen zusätzlichen Einfluss auf das Wortlernen hat. Und an der Universität Paderborn wird untersucht, wie ikonische Gesten in inklusiv arbeitenden Gruppen im Kindergarten Kinder mit Erschwernissen im Spracherwerb unterstützen. Ich freue mich sehr, dass meine Forschung zu weiteren Forschungsvorhaben anregt, aber auch zugleich praktische Anwendung findet.

ÜBER DEN AUTOR

Mareike Hochschild
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.