Psychologie und Wirtschaftspsychologie

„Ich stehe neben mir“ – Über dissoziative Zustände bei Trauma-assoziierten psychischen Störungen

terovesalainen/Fotolia

von Juliane Mischer, am 22.01.2019

Prof. Dr. Petra Ludäscher hielt Ende vergangenen Jahres ihre Antrittsvorlesung an der Hochschule Fresenius in Köln. In ihrem Vortrag beschäftigte sie sich mit dissoziativen Zuständen bei Trauma-assoziierten psychischen Störungen. Im Interview mit adhibeo spricht die Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin darüber, warum manche Menschen in traumatischen Situationen „neben sich stehen“ und warum dissoziative Zustände in der Folge einer traumatischen Erfahrung die Betroffenen oft belasten.

Was genau ist ein dissoziativer Zustand?

Ein dissoziativer Zustand zeichnet sich beispielsweise durch Gedächtnisstörungen, ein verändertes Bewusstsein, eine veränderte Wahrnehmung der Umwelt oder der eigenen Person bzw. des eigenen Körpers aus. Betroffene erleben ihre Umwelt beispielsweise als unwirklich, verschwommen, „wie unter einer Glasglocke“ oder spüren Teile ihres Körpers nicht mehr. Das Ausmaß kann vom „neben sich stehen“ bis beispielsweise dazu führen, dass man nicht mehr weiß, wer oder wo man ist bzw. überhaupt nicht mehr ansprechbar ist.

Warum kommt es dazu, dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen dissoziative Zustände erleben?

Nicht alle, aber die meisten Menschen mit pathologisch dissoziativen Zuständen haben traumatische Ereignisse erlebt. Dabei muss man klar zwischen schweren dissoziativen Identitätsstörungen und Stress- bzw. Trauma-assoziierten und passageren dissoziativen Zuständen unterscheiden. Die Entwicklung letzterer kann man sich das so vorstellen, dass das Gehirn in einer traumatischen Situation, insbesondere bei wiederholt traumatischen Situationen, wie beispielsweise wiederholt körperlichem oder sexuellem Missbrauch, mit einer Schutzfunktion reagiert – die Betroffenen spüren den Schmerz und die extreme Belastung in der Situation nicht mehr so stark oder manchmal auch gar nicht mehr. Das ist kurzfristig hilfreich und entlastend, langfristig können die dissoziativen Zustände an sich zum Problem werden, wenn das Gehirn auf ähnliche, nicht bedrohliche Reize genauso reagiert.

Jeder von uns hat sicherlich schon einmal das Gefühl gehabt, „neben sich zu stehen“. Wann werden die dissoziativen Zustände zu einem Problem für die Betroffenen?

Wie gesagt können dissoziative Zustände, die während eines traumatischen Ereignisses auftreten, kurzfristig – während der Situation – entlasten. Das Problem in der Folge ist, dass diese Zustände unkontrolliert auftreten, ausgelöst beispielsweise durch eine Situation, die in irgendeiner Form an die traumatische Situation erinnert – das kann ein Geruch sein, eine bestimmte Lautstärke, körperliche Berührungen etc. – je nachdem, welche Art von traumatischer Erfahrung gemacht wurde. Häufig generalisieren diese auslösenden Situationen bei den Betroffenen, d.h. bei jedweder belastenden, stressigen Situation können diese Zustände plötzlich auftreten.

Abgesehen davon, dass die meisten Betroffenen diese Zustände an sich als äußerst aversiv erleben, kann ihr plötzliches Auftreten in manchen Situationen (beispielsweise im Straßenverkehr) natürlich riskant sein und verständlicherweise auch äußerst unangenehm, wenn sie unter Mitmenschen auftreten, die mit deren Umgang überfordert sind. Die Psychotherapieforschung der letzten Jahre zeigt außerdem, dass dissoziative Zustände den Erfolg einer Psychotherapie negativ beeinflussen, da sie das Erlernen neuer Erlebens- und Verhaltensweisen verhindern.

Wie können Menschen mit einer Trauma-assoziierten psychischen Störung lernen, mit den dissoziativen Zuständen umzugehen?

Hier muss man erneut deutlich zwischen dissoziativen Identitätsstörungen und eben beschriebenen dissoziativen Zuständen unterscheiden. Bezüglich letzterem gibt es sehr gute Erfahrungen und auch wissenschaftliche Daten aus der Psychotherapieforschung, dass es sehr hilfreich sein kann, wenn die Wahrnehmung dissoziativer Frühwarnzeichen im ersten Schritt trainiert wird. Das können beispielsweise kleinste Veränderungen der Wahrnehmung, der Körperempfindung sein, deren Intensität eingeschätzt wird. Im zweiten Schritt lernen die Betroffenen Fertigkeiten, um der Intensivierung dieser Zustände entgegen zu wirken. Das sind ganz häufig sehr starke Sinnesreize, intensive körperliche Bewegung, um sich wieder zu spüren und im „Hier und Jetzt“ bleiben zu können.

ÜBER DEN AUTOR

Juliane Mischer
Juliane Mischer ist Teil der adhibeo-Redaktion und arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation der Hochschule Fresenius.