Wirtschaft und Management

Scheitern als Chance? Lernkurve und Erfolgsfaktoren bei Neugründungen

von Alexander Pradka, am 15.01.2019

Prof. Dr. Stephan Haubold ist seit September 2017 Dozent für Wirtschaftschemie und MINTrepreneurship an der Hochschule Fresenius. Daneben agiert er als freier Unternehmens- und Organisationsberater in Bonn. In beiden Berufen steht das Thema „Gründen“ im Mittelpunkt. Worauf es ankommt, um mit einem Start-up erfolgreich zu sein, weiß er daher genau. Er hat selbst alle Höhen und Tiefen erlebt. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen und darüber, wie er diese heute in Erfolgsmodelle in Lehre und Praxis überträgt.   

Prof. Haubold – „Gründen“, was bedeutet das eigentlich?

Gründen ist für mich der ultimative Kreativmoment. Aus einer Idee, einer Vorstellung entsteht ein Produkt oder eine Dienstleistung, im Idealfall also etwas, das anderen Menschen weiterhilft. Sie können damit ein anderes Problem lösen.

Sie haben selbst viele Erfahrungen mit dem Thema gesammelt. Wie wurde aus Ihnen ein Gründer?

Bei mir war es tatsächlich der berühmte Schlüsselmoment. Ich wusste nicht so recht, was ich nach meiner Promotion machen sollte. Ich spürte allerdings immer ein Verlangen nach Freiheit und Autonomie. Etwas flapsig formuliert wollte ich die Welt verändern und alles anders und besser machen. Entsprechend habe ich mit meinen Promotionskollegen im physikalisch-chemischen Institut geflachst. Davon hat mein Doktorvater Wind bekommen und mich mit einer konkreten Idee konfrontiert. Ich hatte damals 48 Stunden Zeit, mich zu entscheiden. Innerhalb weniger Monate stand unsere Nanosolutions GmbH.

Gibt es typische Eigenschaften, die man zum Gründen mitbringen muss?

Meiner Meinung nach wird man nicht als Unternehmer geboren. Trotzdem gibt es diese Eigenschaften: Dazu gehören vor allem Idealismus, ein entspanntes Verhältnis zu Risiko und Sicherheit sowie Durchhaltevermögen. Ein Schuss Naivität und Zuversicht schaden übrigens nicht. Wer eher ängstlich in die Zukunft blickt und ein hohes Sicherheitsbedürfnis hat, sollte lieber die Finger davon lassen.

Sie waren selbst an drei Neugründungen beteiligt. Zwei davon sind gescheitert und mussten nach jeweils fünf Jahren Insolvenz anmelden. Woran lag das? Gibt es ein „Muster“ des Scheiterns?

Das ist eine wirklich spannende Frage. Wenn ich darauf eine fundierte Antwort hätte, also ein Rezept des Scheiterns und damit auch eine Chance auf ein Rezept dagegen, wäre ich längst Millionär. Ich habe Fehler gemacht. Interessanterweise werden Entscheidungen immer erst retrospektiv zu Fehlern. Niemand steht auf mit dem Vorsatz zu scheitern oder einen Fehler zu machen. Ich habe auch rückblickend das Beste gegeben, das mir zum damaligen Zeitpunkt möglich gewesen ist. Wie es mit Entscheidungen nun einmal so ist: Man entscheidet sich gleichzeitig gegen viele andere Optionen. Wer kann in der betreffenden Situation sagen, was besser gewesen wäre? Es gibt in einem Unternehmen so viele verschiedene Puzzleteile, die zusammenpassen müssen. Scheitern kann ebenso viele Ursachen haben.  

Was bedeutet der Ausdruck „Scheitern als Chance“ für Sie?

Der Satz wird häufig als Trostversuch verwendet. Er ist aber überhaupt nicht tröstlich. Wenn man gerade sein Vermögen, Freunde und Karriere verloren hat, macht es eher aggressiv, wenn jemand mit diesem Satz kommt. Wenn ich später mal auf mein Leben zurückschaue, kann ich vielleicht eher sagen, ob sich mein Scheitern als Chance herausgestellt hat oder nicht. Tatsache ist, dass Momente des Scheiterns große Lernmomente in meinem Leben sind und waren. Trotzdem kann ich keinem empfehlen, das unbedingt selbst zu erleben.

Was verleiht einem den Mut, immer wieder neu zu gründen?

Mir geht es nicht so sehr um das Gründen an sich. Das war nur lange der einzige Weg für mich, um mein Bedürfnis nach Freiheit und Kreativität zu befriedigen. Ich habe festgestellt, dass eine Strategie scheitern kann, dass aber damit das Bedürfnis und die Sehnsucht nicht verloren gehen. Dann muss ich nur einen anderen Weg finden. Als ich das erkannt habe, konnte ich aufstehen, mir den Staub abklopfen und wieder von vorne anfangen.

Wir sehen also, dass eine gute Idee nicht immer zum Erfolg führt. Was sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren?

Zum Erfolg eines Start-ups gehören neben einer guten Produktidee ein tolles Team, das richtige Timing und Glück. Beim Team zählt vor allem Vertrauen, bei allen einzelnen Mitstreitern vor allem Biss und Durchhaltevermögen, Flexibilität, Kreativität und der unbändige Glauben an den eigenen Erfolg. Das Glück kann man nicht erzwingen, aber man kann es verpassen. Man sollte also immer hellwach sein und seine Chancen suchen. Gerade zu Beginn erleben wir außerdem ein permanentes Ausprobieren. Was funktioniert, was nicht?

Kann man „Gründen“ lernen?

Auf einer abstrakten und handwerklichen Ebene kann man vieles lernen, was später zum Gründen befähigt. Man kann lernen, wie man einen Markt analysiert, wie man eine Gewinn- und Verlustrechnung erstellt, was die richtige Rechtsform sein könnte und was Earnings before Interest and Taxes sind. Was man nicht lernen kann, ist der Adrenalinkick, den die Freiheit der Entscheidung mit sich bringt. Als Gründer bist du der derjenige, der entscheidet. Keiner nimmt dir das ab. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Und gleichzeitig spürt man, dass mit der Freiheit die Verantwortung kommt.

Sie haben diverse Projekte aufgelegt, mit denen Sie Studierenden das Thema Gründen näherbringen möchten. Was zeichnet diese aus?

Die eben genannte Freiheit, den Adrenalinkick kann man nur praktisch erleben. Deshalb haben wir eine Art Experiment entwickelt. Hier dürfen die Studierenden ausprobieren und testen, tragen aber eben auch die Verantwortung für das Ergebnis. Das Programm nennen wir „Idee sucht Gründer“.  Echte Firmen geben Produktideen in ein studentisches Team, das die Idee entwickelt und daraus innerhalb von neun Monaten einen Businessplan erstellt. Dieser wird mehrfach von externen Gutachtern begutachtet und bewertet. Dazu kommt, dass die Idee in vielen Gesprächen mit potenziellen Kunden getestet und evaluiert wird. Nicht selten verändert sich dabei die Idee und es entsteht etwas Neues. Das sind magische Momente. Das Besondere ist, dass man hier als Studierender mit den Partnern aus der Industrie auf Augenhöhe spricht. Wir geben mit diesen Ideen Studierenden die Chance, eine experimentelle Gründungserfahrung zu machen, die, wenn es gut läuft, tatsächlich eine Gründung werden kann. Allerdings entsteht auch kein Schaden, wenn es nichts wird. Die Firma hat dann aber ein klareres Bild auf die Idee und die Studierenden haben eine sehr spannende Erfahrung.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.