Gesundheit, Therapie und Soziales

Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Resilienz durch gesundheitsorientierte Führung in der Gesundheitsbranche – utopisch oder schon Realität?

Robert Kneschke/Fotolia

von Susanne Kullmann, am 14.08.2018

Wenn es um das Thema Arbeitsbedingungen geht, steht kaum eine Branche so sehr in der Kritik wie das Gesundheitswesen: Erst kürzlich polarisierte dies in Großbritannien, wo der Nationale Gesundheitsdienst vor Gefährdung von Patienten aufgrund starker Unterbesetzung warnte. Der Spagat zwischen Ökonomie und humaner Pflege ist hier Standard. Was braucht es, um in solch einer Situation Abhilfe zu schaffen? Im Gastbeitrag stellt Susanne Kullmann Ergebnisse ihrer Bachelorarbeit im Studiengang Angewandte Psychologie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius Hamburg vor.

Arbeitgeber Gesundheitswesen – eine immer unbeliebtere Karriereoption

Auch in Deutschland ist die angespannte Situation im Gesundheitswesen seit Jahren eine große Problematik in Politik und Gesellschaft. Der Fachkräftemangel ist hier ebenfalls angekommen, gleichzeitig steigt der Patientenstand und die physischen und psychischen Arbeitsbelastungen sind enorm. Zusätzlich soll aber eine humane, menschengerechte Pflege der Patienten gewährleistet sein. Vor diesem Hintergrund wurde untersucht, inwieweit vor allem die gesundheitsorientierte Führung Abhilfe bei den Beschäftigten schaffen kann. Konkret stand dabei die Resilienz der Arbeitnehmer im Fokus.

Resilienz – Modewort und wissenschaftliches Konstrukt zugleich

Bei der Resilienz – ein Begriff, der mittlerweile nicht mehr nur in der Wissenschaft diskutiert wird – handelt es sich nicht nur um einen Trend in der Positiven Psychologie: Konkret geht es um die psychische Widerstandskraft eines jeden Menschen, die dafür sorgt, dass man sich von belastenden Ereignissen schnell erholt und diesen gegenüber besser gewappnet ist. Dazu gehören auch Optimismus, Lösungsorientierung, Verantwortungsübernahme und das Verlassen der Opferrolle. Resiliente Menschen orientieren sich darüber hinaus stark an ihren zwischenmenschlichen Netzwerken und sehen der Zukunft tendenziell positiv entgegen. Die Resilienz wird somit als ein wichtiger Bestandteil von psychischer Gesundheit betrachtet und ist in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus psychologischer Forschungen, aber auch gesellschaftlicher Diskussionen gerückt.

Welche Rolle könnte hier die Führungsarbeit des Vorgesetzten spielen?

Nicht nur Konstrukte wie die Resilienz oder das menschliche Wohlbefinden allgemein wurden in den letzten Jahrzehnten stark beleuchtet. Im Rahmen vieler verschiedener wirtschaftspsychologischer Studien bildeten sich auch immer mehr Arten der Mitarbeiterführung, sogenannte Führungsstile heraus. Das Spektrum reicht von Klassikern wie autoritärer und Laissez-faire-Führung über außergewöhnlichere Stile wie den charismatischen oder partizipativen Führungsstil bis hin zu neuen Modellen wie „digital leadership“ oder „distance leadership“. Für fast jede Persönlichkeit ist in der Literatur also auch ein entsprechender Führungsstil zu finden – allesamt durch verschiedene Wirkweisen und Anwendungen gekennzeichnet. Ein Führungsstil, dem immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist der gesundheitsorientierte Führungsstil. Eng orientiert am Konzept der „Positive Leadership“, ist dieser durch Attribute wie Wertschätzung, Anerkennung, soziale Unterstützung, ein positives Betriebsklima sowie das Einräumen on Entscheidungs- und Handlungsspielräumen geprägt. Gesundheitsorientierte Führung zielt, wie der Name schon vermuten lässt, auf die Erhaltung und Förderung der Mitarbeitergesundheit ab – und wenn Resilienz doch als Bestandteil dieser gehandelt wird, warum sollte eine gesundheitsorientierte Führung dann nicht auch positive Auswirkungen auf die Resilienz haben?

Die tatsächliche Wirkung von gesundheitsorientierter Führung auf die Resilienz

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, wurde eine Studie mit 77 Beschäftigten aus dem Gesundheitswesen durchgeführt, die aus verschiedensten Bereichen, Ebenen und Altersgruppen der Branche stammten. Von medizinischen Fachangestellten über Physiotherapeuten bis hin zu pharmazeutisch-technischen Assistenzen und Ärzten war eine große Bandbreite von Berufsbildern in der Untersuchung vertreten. Die Teilnehmer wurden mittels eines Online-Fragebogens zu ihrer Arbeitssituation und den Verhaltensweisen ihres Vorgesetzten sowie zu ihrer eigenen Resilienz befragt. Dabei kamen schon existierende, validierte Messinstrumente wie die Resilienzskala RS-13 zum Einsatz, aber auch neue, passgenau für die Studie konstruierte Items wurden für die Erhebung verwendet. Letztendlich bestätigte die Untersuchung bereits die ersten Vermutungen: Ein gesundheitsorientierter Führungsstil hat tatsächlich einen positiven Einfluss auf die Resilienz der Mitarbeiter – wenn auch nur mittelmäßig hoch, dennoch ist er vorhanden (Varianzaufklärung von ca. 6 %). Interessant ist auch, dass das Alter der Befragten hier eine zusätzliche Rolle spielt oder als Moderator fungiert: Der Einfluss der Führung auf die Resilienz ist zwar in allen Altersgruppen vorhanden, bei älteren Mitarbeitern (ab ca. 40 Jahren) jedoch nicht so stark ausgeprägt wie bei den jüngeren zwischen 20 und 30 Jahren. Dies könnte sich durch eine stärkere Gelassenheit mit steigendem Alter erklären lassen – der Effekt ist hier immer noch vorhanden, nur eben in abgeschwächter Form.

Auch wenn der untersuchte Effekt sich als nicht sehr stark ausgeprägt erwiesen hat, wird dennoch deutlich: Ein gesundheitsorientiertes Führungsverhalten hat durchaus einen positiven Einfluss auf die Resilienz der Arbeitskräfte. Auch wenn in einigen moderneren Unternehmen der Branche, wie z. B. in einigen Arztpraxen und Apotheken, bereits ein solcher Führungsstil gelebt wird, ist dies an vielen Stellen, wie in Krankenhäusern und Pflegediensten, noch stark ausbaufähig.

Gesundheitsorientierte Führung stellt somit einen Aspekt dar, der die Mitarbeiter gegenüber den Belastungen des Arbeitslebens im Gesundheitswesen stärken kann und der einen kleinen Beitrag dazu leisten könnte, eine Karriere im Gesundheitswesen attraktiver und erstrebenswerter zu machen.

ÜBER DEN AUTOR

Susanne Kullmann
Susanne Kullmann hat Angewandte Psychologie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius in Hamburg studiert.

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