Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Tipps für Studierende

„Läuft ja alles“ – Interview mit Prof. Dr. Katja Mierke zu Zeitmanagement

von Annemarie Beer, am 19.06.2018

Hausarbeiten, Präsentationen, Klausuren – um während des Studiums den Überblick zu behalten, ist ein gutes Zeitmanagement nötig. Aber wie kann man sich selbst die Freiheit bewahren, zu lernen wie und wann man will und dabei trotzdem noch alle Fristen einhalten? Prof. Dr. Katja Mierke, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius, erklärt im Interview mit adhibeo, wie Zeit- und Selbstmanagement funktionieren.

Die To-Do-Liste wird immer länger und die Zeit, die zur Erledigung bleibt, wird weniger. Wieso kommen Menschen immer wieder in die Bredouille, wenn sie vor der Herausforderung stehen, sich selbst zu organisieren?

Das kann natürlich mehrere Gründe haben. Ein übergeordneter Aspekt scheint mir, dass wir in einer Zeit leben, die hohe Maßstäbe anlegt und Selbstoptimierung an allen Fronten fordert. Es geht nicht nur darum, im klassischen Sinne auf der Leistungsdimension Erfolg zu haben, also zum Beispiel gute Noten im Studium, sondern auch um angesagte Hobbys und einen großen Freundeskreis, darum gut auszusehen, sich ausgewogen zu ernähren und regelmäßig Sport zu treiben (was Zeit kostet), die neueste Technik zu haben (was Geld kostet), und so fort – dabei sollen wir aber bitte immer schön entspannt bleiben, läuft ja alles. Mit anderen Worten, schlechte Selbstorganisation ist nicht unbedingt ein weiteres Manko, das es zu beseitigen gilt, sondern manchmal auch das Ergebnis einer permanenten Selbstüberforderung angesichts einer beschleunigten und perfektionistischen Welt. Trotzdem gibt es natürlich Menschen, die über wenig effiziente Strategien oder Tools verfügen, es sich leichter zu machen. Hier hilft dann schon ein Zeitmanagement-Training.

2015 titelte die HuffPost „You have the Same 24 Hours as Beyoncé“, zu Deutsch „Beyoncés Tag hat auch nur 24 Stunden“. Woran liegt es, dass manche Menschen sich mühelos organisieren können und andere mit ihrer Zeit überhaupt nicht zurechtkommen?

Ja, Beyoncés Tag hat auch nur 24 Stunden. Aber Beyoncé muss nicht noch neben dem Studium oder nach einem normalen Arbeitstag zusätzlich jobben gehen, um sich Designer-Kleidung und teure Accessoires kaufen zu können. Sie bringt diese Kleidung vermutlich auch nicht selbst zur Reinigung und hat keinen Stress, weil die Bahn streikt oder das Auto in die Werkstatt muss. Es ist nicht sie selbst, die sich so gut organisiert, sondern sie hat diverse Menschen um sich, die ihr Leben managen. Der Vergleich scheint mir schlicht unfair, wenn nicht zynisch. Einmal ganz davon abgesehen, dass wir bekanntlich durch Filter in der Berichterstattung (ebenso wie generell bei Facebook, Instagram oder anderen sozialen Medien) nur einen stark selektiven Ausschnitt aus dem Leben der anderen präsentiert bekommen, der aber unser eigenes Leben im Vergleich meist traurig aussehen lässt.

Und ja, natürlich unterscheiden sich Menschen in ihrer Fähigkeit zur Selbstorganisation. Aus psychologischer Sicht kann man das aus verschiedenen Richtungen erklären, über Unterschiede in kognitiven Fähigkeiten, Erziehung, Leistungsmotivation und ähnlichem. Das ist wenig hilfreich, wenn sich jemand verändern möchte. Als Sozialpsychologin würde ich sagen: Menschen stehen unterschiedliche Strategien zur Verfügung, um mit den Herausforderungen des Alltags umzugehen. Die Wahl der Strategie ist ein Teil Gewohnheit, hängt aber auch von der konkreten Situation ab. Vor allem kann man zielführende Strategien auch als Erwachsener noch erlernen und üben. Wer in einer Situation das Gefühl hat, wenig beeinflussen zu können und die Anforderungen von vorneherein als kaum machbar erlebt, wird vor allem dafür sorgen, dass es ihm oder ihr dennoch emotional wenigstens halbwegs gut gehen kann. Solche emotionsorientierten Bewältigungsstrategien wären z. B., den sozialen Kontakt mit Freunden oder Familie zu suchen, um seinem Frust Luft zu machen und sich trösten zu lassen, oder sich abzulenken. Man fühlt sich kurzfristig besser, aber es ändert langfristig wenig. Wer dagegen eher das Gefühl hat, etwas an der Situation tun zu können, wird seine Energie stärker darauf konzentrieren, das Problem anzugehen. Problemorientierte Bewältigungsstrategien wären: eine rechtzeitige konkrete Planung, z. B. feste Tage und Uhrzeiten für verschiedene Klausurfächer vorzusehen, die Nutzung instrumenteller Unterstützung, z. B. verfügbare Skripte, Websites, Bücher zusammenzutragen, Lerngruppen zu bilden etc., und gegebenenfalls das Anpassen der Ziele, z. B. eine Klausur isoliert zum zweiten Prüfungstermin zu schreiben, um sich dann darauf und jetzt auf die übrigen konzentrieren zu können. Insofern wäre die scheinbare Mühelosigkeit eher ein Ergebnis einer inneren Haltung, der Überzeugung durch das eigene Verhalten etwas bewirken zu können, und daraufhin erworbenen Kompetenzen.

Manche Menschen behaupten von sich selbst, sie würden nur unter Druck arbeiten können. Stimmt das wirklich oder ist das eher ein Vorwand, um Aufgaben auf die lange Bank zu schieben?

Das kann man pauschal nicht sagen. Bekannt und viel zitiert ist der umgekehrt u-förmige Zusammenhang zwischen Stresserleben und der Lern- bzw. Leistungsfähigkeit: Ein bisschen Lampenfieber oder Druck aktiviert, auch körperlich, und damit steigt die Leistung zunächst. Nimmt der Stress aber überhand, verändert sich nachweislich die Informationsverarbeitung und die Leistungsfähigkeit kippt. Für rationale Funktionen wie für Gedächtnisabruf zuständige Gehirnstrukturen können dann regelrecht blockieren, wie z. B. im Fall von Blackout bei extremer Prüfungsangst. Ein weiterer Effekt von Druck ist sicher, dass man sich mehr diszipliniert und dann auch mal auf einen freien Samstagabend verzichtet, was durchaus zielführend sein kann. Echte Prokrastination, also die chronische „Aufschieberitis“, ist etwas, worunter die Betroffenen meist sehr leiden. Das wird dann allenfalls nach außen noch als angebliche Strategie dargestellt, um einen Rest Selbstwertgefühl zu wahren; die Ergebnisse sprechen aber selten dafür. Hier wäre professionelle Unterstützung, z. B. durch kognitiv-verhaltenstherapeutische Maßnahmen, zu empfehlen.

Der Google-Kalender erinnert uns an unsere Termine, Alexa erledigt für uns Anrufe und unser Smart-Kühlschrank schickt uns die Einkaufsliste – wie funktioniert Zeitmanagement in unserer digitalisierten Welt?

Persönlich kenne ich niemanden, dessen Kühlschrank wirklich schon die Milch nachbestellt, aber klar, es geht. Ob das dann wirklich immer entlastet oder neuen Aufwand mit sich bringt, wird sich zeigen. Die Frage ist immer: Will man das? Ich selbst nutze die Kalenderfunktionen viel und finde sie bei der Alltagsorganisation mit Beruf und Familie enorm hilfreich. Ich nutze auch dankbar Navigationssysteme, um Wegzeiten bei Stau zuverlässiger zu planen bzw. durch Alternativstrecken effektiv Zeit zu sparen. Trotzdem laufe ich gern ohne Handy in der Hand durch eine fremde Stadt und freue mich, dass ich mich dabei halbwegs auf meinen Orientierungssinn verlassen kann. Unsere menschlichen Fähigkeiten zur Planung und Selbstorganisation, zur raumzeitlichen Orientierung und zur sozialen Kontaktpflege sind ziemlich gut ausgeprägt, sonst hätte unsere Spezies evolutionär kaum überlebt. Fähigkeiten, die nicht regelmäßig gefordert und trainiert werden, degenerieren schnell. Wenn wir anfangen, alles an Geräte zu delegieren, verlernen wir wichtige Kompetenzen und machen uns außerdem arg abhängig. Wenn es gelingt, diese Tools wirklich zielgerichtet zu nutzen, statt als reine Spielerei, wird Kapazität frei für Wesentliches, z. B. echten zwischenmenschlichen Kontakt. Natürlich können digitale Geräte aber auch Menschen unterstützen, besonders diejenigen, die unter Einschränkungen leiden.

Welche konkreten Tipps würden Sie Menschen geben, die schnell in Zeitnot geraten?

Ähnlich wie bei guten Vorsätzen gilt: Weniger ist mehr. Sinnvoll ist, sich zunächst für einen konkreten Zeitraum eine Liste zu machen und dann in Ruhe Prioritäten zu setzen. Was ist wirklich wichtig, was weniger, was ist dringend oder an eine bestimmte Frist gekoppelt, was zeitlich flexibel, solange es gemacht wird? Was davon muss ich unbedingt selbst machen, was kann ich delegieren, an wen und um welchen Preis, bzw. wer kann mich wobei unterstützen? Sind die Aufgaben gelistet, schätzt man hier im nächsten Schritt den Bearbeitungsaufwand ein. Für die Klausuren-Phase unserer Studierenden heißt das: Ich nehme mir einen Kalender, überlege realistisch, wie viel Zeit ich pro Fach benötige, am besten bereits heruntergebrochen auf überschaubare Teile des Lernstoffes wie Themen und Kapitel, oder Teile der Aktivitäten, wie z. B. Unterlagen vervollständigen, Inhalte entlang von Kontrollfragen zusammenfassen, Lernen im engeren Sinne und so weiter. Eine gute Idee ist, dabei Abwechslung zwischen geliebten und weniger geliebten Fächern, zwischen leichtem und schwerem Stoff herzustellen. Pausen sind ebenso wichtiger Teil des Plans wie Pufferzeiten für unvorhersehbare Ereignisse. Man kann sich weiterhin nach erfolgreich erledigten Aufgaben oder Etappenzielen kleine Belohnungen setzen. Eine gute Idee ist es generell, regelmäßige Checks vorzunehmen. Damit sieht man, was man schon geschafft hat, was sich gut anfühlt, deckt aber auch rechtzeitig Abweichungen zum Plan auf und kann gegebenenfalls nochmal nachbessern. Wenn sich zeigt, dass man sich zu viel vorgenommen hat, beginnt der Prozess von vorne: Man nimmt sich die Aufgabenliste noch einmal vor und schaut, was man weglassen kann oder welche Prioritäten man neu setzen muss. Das verhindert rechtzeitig, in totalen Stress zu geraten, und erhält die Lern- und Leistungsfähigkeit. Unbedingt sollte man sich zwischendurch regelmäßig Zeit für Schönes und echte Erholung freihalten, sonst klappt nämlich irgendwann gar nichts mehr.

Was kann man noch tun, wenn das alles nicht funktioniert?

Es ist immer möglich, sich auf das Wesentliche zu besinnen und den Rest Rest sein zu lassen. Die Freiheit, eigene und erst recht fremde Ansprüche zu hinterfragen, finde ich sehr wichtig. Bei drohender Überlastung auch mal Nein zu sagen, ist dabei keineswegs egoistisch, sondern in höchstem Maße sozial wertvoll, wie wir auch in unserem in Kürze erscheinenden Buch* ausführen. Das Paradox ist, dass man nur angemessen planen, gute Leistung oder Ideen liefern und für andere da sein kann, wenn man eben nicht schon total gestresst ist. Sich unter akuter Zeitnot immer noch mehr abzufordern, geht nach hinten los. Gutes Zeitmanagement funktioniert also in erster Linie präventiv: durch klare, realistische Ziele und den Mut, eigene Grenzen und die anderer anzuerkennen. Das wiederum gelingt leichter, wenn man sich bewusstmacht, dass Stress gute Leistung und ein gutes Miteinander behindert. Nur wo auch Grenzen erlaubt sind, können Räume entstehen, in denen man – allein oder gemeinsam mit anderen –in positiver Grundstimmung produktiv, kreativ und mit Spaß lernen und arbeiten kann.

*Mierke, K. & van Amern, E. (im Druck). Klare Ziele, klare Grenzen. Teamorientiert Nein sagen und delegieren in der Arbeitswelt 4.0. Heidelberg, Berlin: Springer.

ÜBER DEN AUTOR

Annemarie Beer
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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