Psychologie und Wirtschaftspsychologie

Verzicht macht zufrieden

von Redaktion, am 15.12.2017

Rund um Weihnachten klingt Verzicht wie ein Fremdwort für uns. Essen, Trinken, Feiern, Geschenke: von all dem gibt es in dieser Zeit meist zu viel. Doch macht uns dieser Überfluss auch glücklich? Prof. Claudia Gerhardt, Leiterin der Psychology School der Hochschule Fresenius Hamburg, Diplom-Psychologin und Studiendekanin Wirtschaftspsychologie (B.Sc.), glaubt: „Wir sind zufriedener und glücklicher, wenn wir auf einige Dinge verzichten. Selbstdisziplin löst positive Gefühle aus.“

An Heiligabend kann man in vielen Familien beobachten, wie ein Geschenk nach dem anderen ausgepackt und wieder zur Seite gelegt wird. Vor allem Kinder bekommen viel zu viel und können die einzelnen Dinge nicht mehr richtig würdigen. Wir haben zwar viel bekommen, sind dadurch aber nicht unbedingt glücklicher. „Ziel sollte sein, einzelne Dinge bewusster wahrzunehmen. Durch diese Achtsamkeit finden wir wieder zu uns selbst zurück“, empfiehlt Claudia Gerhardt. Damit Kinder nicht im Geschenkeberg versinken, müssten Eltern die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Bei Geschenken unter Erwachsenen sollte eine sogenannte Austauschfairness entstehen. Schenken selbst sei eine zentrale Kulturtechnik, um Beziehungen zwischen Menschen herzustellen. Gleichzeitig löse ein Geschenk auch einen Druck aus, sich revanchieren zu müssen. „Geben und Nehmen müssen in einem fairen Ausmaß stehen, sonst entsteht eine Spirale an Erwartungshaltungen, die zu Stress führt“, glaubt Claudia Gerhardt. Es sei also besser, auf zu viele Geschenke zu verzichten und sich stattdessen auf wenige Dinge zu konzentrieren.

Wir erreichen ein Plateau an Zufriedenheit, das Gefühl lässt sich nicht mehr steigern

Dass  „mehr von etwas“ nicht unbedingt besser ist, lasse sich auch abseits von Weihnachten auf fast alle Lebensbereiche übertragen. Ab einem gewissen Punkt an Wohlstand in einer Gesellschaft entstehe durch mehr Geld keine zusätzliche Zufriedenheit mehr. „Wir erreichen sozusagen ein Plateau an Zufriedenheit, das Gefühl lässt sich dann nicht mehr steigern. Das gilt für den exzessiven Shoppingtrip genauso wie für die Marmeladenauswahl im Supermarkt“, erklärt Gerhardt. Zu viele Wahlmöglichkeiten wirkten sogar demotivierend: Vor einem meterlagen Regal mit 60 verschiedenen Marmeladen kaufen wir am Ende oft gar keine, weil die Angst, sich falsch zu entscheiden, zu groß ist.

Der Hang zu Minimalismus und Purismus der vergangenen Jahre zeige, dass uns die wachsenden Optionen in allen Bereichen überfordern. Gerhardt glaubt, dass die Menschen mit dem Wunsch nach Simple Living ihre Welt weniger stressig und komplex gestalten wollen.  Hierzu hat Laura Roschewitz, Absolventin der Hochschule Fresenius, eine Arbeit verfasst. „Dieser Stress entsteht aus verschiedenen Quellen. Wir können zum einen all die Eindrücke und Möglichkeiten nicht mehr mental verarbeiten und haben andererseits immer Angst, etwas zu verpassen“, erklärt sie. Die Angst beziehe sich sowohl auf das analoge Leben (etwa die Sorge, eine gute Party zu verpassen) als auch auf das digitale Leben (etwa die Sorge, nicht alle Trends und Entwicklungen in den Sozialen Medien mitzubekommen). Diese Angst wird Fear of missing out, abgekürzt FOMO, genannt und ist keinesfalls ein reiner Modebegriff.

Bewusster Verzicht wirkt einem drohenden Kontrollverlust entgegen

Bewusster Verzicht könnte uns dabei helfen, aus dieser Schleife auszusteigen. Wenn wir bewusst und gewollt – nicht gezwungen – auf etwas verzichten, mache uns das zufrieden.
„Wenn wir etwas, das in unserem Leben zu wichtig geworden ist, eine Zeitlang weglassen, wirken wir einem drohenden Kontrollverlust entgegen, der auf Dauer zu Depressionen führen kann. Selbstdisziplin lässt uns wieder Herr der Lage sein, ganz nach dem Motto: Ich bestimme selbst und werde nicht bestimmt“, erklärt Gerhardt. Das Problem: Wir lernen heute – in einer Wohlstandsgesellschaft – nicht mehr, auf etwas zu verzichten. Zudem sei Selbstdisziplin ein Persönlichkeitsmerkmal, das bereits in der Kindheit ausgebildet werde,  wie der berühmte Marshmallow-Test von Walter Mischel zeige. In diesem Test bekamen mehrere Kinder einen Marshmallow vorgesetzt. Ihnen wurde ein zweiter versprochen, wenn sie es schafften, den ersten nicht direkt aufzuessen. Es zeigte sich, dass die Kinder, denen ein Belohnungsaufschub gelang, auch im späteren Leben erfolgreicher waren.

Wenn wir üben, zu verzichten, sollten wir uns dafür am besten einen festen Rahmen schaffen, empfiehlt die Psychologin. Außerdem seien realistische Ziele und ein klares Zeitfenster wichtig. „Wenn wir uns diffuse Ziele nach dem Motto ‚Probier mal, ob und wie lange es geht‘ setzen, wissen wir nie, wann wir unser Ziel erreicht haben. Das ist demotivierend. Besser ist ein klarer Zeitplan mit einem gut zu erreichenden Ziel“, sagt Gerhardt.

Zum Weiterlesen

  • Belohnungsaufschub:
    Mischel, W., & Schmidt, T. (2015). Der Marshmallow-Test: Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit. München: Siedler.
  • „Simple Living“/Minimalismus/Konsumverzicht:
    Förster, J. (2015). Was das Haben mit dem Sein macht. Die neue Psychologie von Konsum und Verzicht. München: Pattloch.
  • Selbstdisziplin und Zufriedenheit
  • Erwähnter Marmeladentest: Demotivation durch zu viele Wahlmöglichkeiten:
    Iyengar, S. S., & Lepper, M. R. (2000). When choice is demotivating: Can one desire too much of a good thing?. Journal of personality and social psychology, 79(6), 995-1006.
  • Wohlstand in einer Gesellschaft und Zufriedenheit (sprich: ab einem gewissen Wohlstandsgrad steigt die Zufriedenheit nicht weiter):
    Kahneman, D., & Deaton, A. (2010). High income improves evaluation of life but not emotional well-being. Proceedings of the national academy of sciences, 107(38), 16489-16493.

ÜBER DEN AUTOR

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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