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Sport und Tourismus

Darts – aus der Nische ins Rampenlicht

von Redaktion, am 12.12.2017

Am Donnerstag beginnt die Darts-WM in London. Die Wettkämpfe werden auf Sport1 live im Fernsehen übertragen. Eine derartige TV-Präsenz ist außer dem Fußball nur wenigen Sportarten vergönnt. Warum Darts plötzlich so populär ist.

Darts: War das nicht dieser Sport, der immer nur in Kneipenecken gespielt wird? Nein, so ist es eben nicht mehr. In letzter Zeit wird diese Sportart in den Medien immer präsenter: Sport1 präsentiert die Weltmeisterschaft seit einigen Jahren mit stark wachsenden Quoten, ProSieben veranstaltete nur kurz nach der WM 2017 die Promi-Darts-WM und übertrug dieses Jahr die German Darts Masters als Station der World Series of Darts. Am 14. Dezember starte nun die Weltmeisterschaft der Professional Darts Corporation im Alexandra Palace in London, Sport1 überträgt erneut live. Woher kommt diese plötzliche Präsenz des ehemaligen Außenseitersports? Dr. Stephanie Heinecke, Hochschuldozentin für Sportmarketing, Sportjournalismus und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule Fresenius München, Fachbereich Wirtschaft & Medien, hat sich für adhibeo darüber Gedanken gemacht.

„Spitzensport ist auf externe Geldgeber wie Sponsoren angewiesen, um sich zu finanzieren. Die Sponsoren wiederum fordern für ihren Einsatz Medienpräsenz, damit sich das Engagement lohnt“, erklärt Heinecke. Insbesondere TV-Präsenz sei aber in Deutschland für Sportarten jenseits des Fußballs schwierig zu bekommen. Um medientauglicher zu werden, versuchten Randsportarten darum, sich durch neue Formate, mehr Action und Personalisierung an die Logik der Medien anzupassen. Heinecke hat zu diesem Thema ihre Doktorarbeit geschrieben. 

In einem Gastbeitrag für adhibeo zum Start der Darts-WM versucht sie sich an das Phänomen Darts anzunähern. Ihre wichtigste Frage: „Darts kommt aus der Nische, aus dem Kneipensport. Darts ist nicht olympisch. Darts hat keine deutschen Star-Athleten. Das widerspricht in vielen Punkten den Annahmen, die normalerweise für Medientauglichkeit von Sport gelten. Und trotzdem sehen wird diese Sportart seit einiger Zeit immer stärker in den deutschen Medien. Warum ist das so?“ Die Antworten lesen Sie in Heineckes Gastbeitrag:

Alle Jahre wieder… fliegen die Pfeile

… und es pilgern bunt kostümierte Menschen in der Weihnachtszeit nach London. Ihr Ziel: Ally Pally, der Alexandra Palace, Mekka der Anhänger einer Sportart, die auch hierzulande immer mehr Fans gewinnt: die Rede ist von Darts.

Der gemeine Sportfan mag aufzucken: Darts? Das erinnert doch eher an den heimischen Hobby-Keller oder verruchte Eckkneipen? Jedoch: Die Sportart hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Die Weltmeisterschaft wird live im Fernsehen übertragen, ein Wunschtraum selbst deutlich traditionellerer Sportarten. Nur eine Woche nach der letzten WM brachte ProSieben die Promi-Darts-WM mit Teams aus aktuellen Top-Spielern und Prominenten an den Start und öffnete in diesem Show-Format die Sportart für eine deutlich breitere Zielgruppe.

Aus Perspektive der Kommunikationswissenschaft stellt sich die Frage: wie schafft Darts das Kunststück, an dem sich andere Randsportarten seit Jahren die Zähne ausbeißen, nämlich eine Steigerung der eigenen TV-Präsenz im Kampf gegen den medialen Dauerbrenner „König Fußball“? Die Entwicklung ist insbesondere bemerkenswert, da Darts einige klassische Kriterien nicht erfüllt, die in der Literatur üblicherweise als Bedingungen für medialen Erfolg definiert werden: Darts ist nicht olympisch, kommt aus der Nische des Kneipensports und kann keinen einheimischer Top-Spieler in der Weltrangliste vorweisen.

Eine Antwort liefern Erkenntnisse aus der Medialisierungsforschung, also der Frage, wie sich Sportarten an die Logik der Medien anpassen. Treiber ist das Streben nach möglichst großer Reichweite, die von zentraler Bedeutung für die Finanzierung durch Sponsoren und andere Förderer ist. Als Gegenleistung für ihr Engagement fordern sie öffentliche Aufmerksamkeit, um vom Sport als Kommunikationsplattform zu profitieren. „Telegenität“, also „Fernsehtauglichkeit“, ist somit zu einem entscheidenden Produktionsfaktor im Sport-Medien-Wirtschafts-Komplex geworden. Nur eine Sportart, die sich im Bewegtbild attraktiv aufbereiten lässt und dort die Zielgruppe erreicht, lässt sich gut vermarkten. Dafür ist Darts quasi ein Paradebeispie

Darts hat sich stark professionalisiert

Darts mag in Deutschland wenig sportliche Tradition besitzen, in Großbritannien hingegen schon. Bereits in den 1970er und 1980er Jahren war Darts ein populäres Fernsehereignis, getrieben von charakterstarken Spielern, jedoch überschattet von einem schlechten Image, Provokationen und Alkohol- und Zigarettenkonsum auf der Bühne. Die Profi-Spieler spalteten sich 1992 in einen eigenen Verband ab, aus der die heutige PDC (Professional Darts Corporation) hervorgegangen ist. Dieser Verband vermarktet die Sportart sehr gezielt, so besteht etwa seit 1993 eine Kooperation mit Sky Sports, online gibt es eine strategische Partnerschaft mit der Perform Group. In Deutschland gibt es bei der Vermarktung einige „Überzeugungstäter“, die den Sport nach Kräften promoten, etwa Werner Moltke, Präsident der PDC Europe oder Moderator Elmar Paulke.

In sportlicher Hinsicht hat sich Darts stark professionalisiert. Die Zahl der Wettbewerbe nahm über die Jahre deutlich zu, ebenso die Summen an Preisgeld. Der neue Boom in Großbritannien schwappte Ende der 1990er Jahre auch über die Ländergrenzen hinweg in die Niederlande mit Raymond van Barnefeld als höchst populärem Star. 2004/05 begann in Deutschland das DSF, Vorgänger des Senders Sport1, die Weltmeisterschaft live zu übertragen. Die WM gilt in der Szene als Kult-Event, strategisch klug ist auch der Zeitpunkt in der Weihnachtszeit: viele Fans haben Urlaub, Darts produziert zudem den ersten Weltmeister im neuen Jahr – für die Medien ein willkommener Anlass zur Berichterstattung.

Neben der Weltmeisterschaft gibt es verschiedene serielle Wettbewerbe, etwa die „European Tour“ oder die „World Series of Darts“. Fast jede Sportart besitzt heute solche Veranstaltungsreihen, sei es in Form von Ligen oder Weltcups. In der Medienarbeit wird so über den Saisonverlauf immer wieder Anlass zur Berichterstattung gegeben, es können Geschichten vom Aufstieg und Fall der Sporthelden erzählt werden mit den Sportlern als Protagonisten – ganz wie im klassischen Drama. Idealerweise steigert sich die  Spannung von Station zu Station und endet in einem emotionalen und packenden Saisonfinale.

Was macht eine Sportart attraktiv fürs Fernsehen? 

Vermarktung ist jedoch nicht alles. Ein telegenes Grundprinzip ist die Grundlage, auf der jede Optimierung einer Sportart für die Berichterstattung erst ansetzen kann. Die Telegenität speist sich aus verschiedenen Faktoren:

  • Nachvollziehbarkeit: fast jeder Mensch hat schon einmal einen Darts-Pfeil geworfen, das Ziel der Sportart ist klar. Auch wenn es im Profi-Sport diverse Regelungen zur Zählweise gibt, kann sich jeder Zuschauer in die sportliche Handlung hineinversetzen. Dieser Faktor ist bei Sportarten wie etwa dem Modernem Fünfkampf oder Dressurreiten deutlich weniger gegeben.
  • Spannung und Überraschung:  für den Zuschauer bemisst sich der Unterhaltungswert von Sport vor allem am Spannungsgrad, im Idealfall gepaart mit überraschenden Wendungen im Verlauf. Im Darts ist jeder Wurf neu und mit jedem Pfeil kann alles anders kommen, als man denkt. Viele Mediensportarten profitieren von genau solch einer Grundkonstellation, etwa Biathlon mit dem einfach nachvollziehbaren Rennen und dem Überraschungsmoment beim Schießen.
  • Fans und Inszenierung vor Ort: ein besonderer Faktor bei Darts ist die Inszenierung der Wettbewerbe. Die Fans sind oftmals bunt kostümiert und sorgen für feucht-fröhliche Party-Stimmung, sogenannte Walk on girls begleiten die Spieler auf die Bühne. In den Proben dürfen Fans den Platz der Spieler einnehmen, dieser Einbezug und Rituale verstärken die Bindung. Darts ist Kult. Für die Medien sind Bilder von emotionalen, begeisterten Fans ein nahezu idealer Rahmen für den Sport.
  • Charakterstarke Protagonisten: auch wenn die Spieler oft nicht den klassischen Vorstellungen von Athleten entsprechen, bieten sie als Charaktere ein enormes Identifikationspotenzial. Darts ist keine abgehobene Sportart, die Protagonisten  sind volksnahe Helden. Und die Fans wissen trotz aller Party um die Schwierigkeit der Sportart: Präzision, Nervenstärke und Konzentration in der aufgeheizten Stimmung abzurufen ist eine Höchstleistung.
    Die Inszenierung der Events und der Fan-Kult mag skurril wirken, mediengerecht ist es jedoch allemal. Aus historischer Erfahrung weiß man zudem, welche Folgen ein negativer Imagewandel haben kann, wenn die Stimmung kippt.

 

Wie geht es weiter?

Problematischer könnte die Darstellung durch die Medien sein. Wird Darts als ernst zu nehmende Sportart präsentiert oder als Show? Gerade für eine aufstrebende Sportart ist dieses Bild entscheidend. So hatte beispielsweise Beach-Volleyball lange Jahre das Problem, dass sich die Berichterstattung vor allem um die Optik insbesondere der weiblichen Spielerinnen drehte. Aufmerksamkeit – ja. Aber der sportliche Aspekt blieb auf der Strecke.

Bei der Promi-Darts-WM auf ProSieben wurde die Sportart bereits in ein komplettes Show-Format überführt. Der Sender hat zudem auch in Übertragungsrechte investiert und zeigte im Oktober die German Darts Masters zur besten Sendezeit. Trotz Pech im sportlichen Bereich (alle deutschen Spieler schieden sehr früh aus) fiel den Kritikern eine zielgruppengerechte Aufbereitung auf, die der Sportart neue Fans eingebracht hat.

Viele Kenner der Szene gehen davon aus, dass es hierzulande zu einem Darts-Boom kommt, wenn sich ein deutscher Spieler in den Top-10 der Weltrangliste etabliert. Jedoch brechen auch feste Konstanten aus dem Gefüge der Stars weg:  Phil „The Power“ Taylor wird seine Karriere nach der Weltmeisterschaft beenden. Bleibt Darts auch ohne solche starken Charaktere ein Kult-Event, insbesondere wenn junge Spieler nachkommen, optisch und im Verhalten eher dem Bild „normaler“ Athleten entsprechen? Wie sehen die internationalen Expansionspläne des Verbandes aus? Liegt in Asien möglicherweise ein noch viel größerer Markt, den es zu erschließen gilt? Wie verträgt sich das mit den etablierten Riten?  Viele Fragen, denen die Wissenschaft noch nachgehen kann.

ÜBER DEN AUTOR

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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