Chemie, Biologie und Pharmazie

Wirtschaft und Management

„Studierende sollten das Thema Gründung als ernsthafte Alternative für die eigene Karriere in Betracht ziehen“

von Redaktion, am 07.04.2016

Der chemischen Industrie mangelt es an Startups. Viele Absolventen chemiebezogener Studienfächer haben zwar innovative Ideen, scheuen aber das Risiko und die hohen Anfangsinvestitionen einer Unternehmensgründung. Dabei hätten sich die Voraussetzungen für Gründer in den vergangenen Jahren verbessert, berichtet Prof. Dr. Thorsten Daubenfeld, Studiendekan Wirtschaftschemie an der Hochschule Fresenius Idstein. Nun gelte es, die Studierenden auch darauf aufmerksam zu machen.

adhibeo: Herr Prof. Daubenfeld, Sie haben Anfang März als Moderator durch den Workshop „Innovationsmotor Chemie“ geführt, eine Veranstaltung, die von verschiedenen Chemie-Verbänden und -Organisationen ins Leben gerufen wurde. Um was ging es bei der Veranstaltung genau?

Thorsten Daubenfeld: Zum einen ging es darum, anhand von erfolgreichen Praxisbeispielen den Weg eines Startups von der Idee über die Gründung bis hin zur Reife nachzuzeichnen. Außerdem sollte mit dem Workshop auf die Bedeutung von Startups und deren Rolle in der Innovationspipeline der chemischen Industrie aufmerksam gemacht werden.

An der Veranstaltung, die in den Räumlichkeiten der Frankfurter Goethe-Universität abgehalten wurde, haben nicht nur Startups, etablierte Unternehmen und Risikokapitalgeber teilgenommen, sondern – und das hat mich und auch die Organisatoren sehr gefreut – auch viele potenziell gründungswillige Studierende.

Die deutsche Chemieindustrie gilt eigentlich nicht als die innovationsstärkste – auch, weil es dort eben wenig Gründungswillige gibt. Was ist da dran?

Zunächst muss man hier einmal festhalten: Die Innovationsstärke der deutschen Chemieindustrie hängt von der Perspektive des Betrachters ab. In einer aktuellen Studie von IW Consult und Santiago, die vom Verband der Chemischen Industrie in Auftrag gegeben wurde, wird die chemischen Industrie sowohl als forschungsstark als auch als Innovationsmotor bezeichnet. Gleichzeitig sehen die Autoren aber Anlass zur Sorge, dass diese Top-Position gefährdet ist. Als Gründe nennen sie beispielsweise den international stärker werdenden Wettbewerb oder auch die Innovationshemmnisse, die zum Beispiel von bürokratischen Strukturen in Großkonzernen ausgehen.

Zu einem etwas negativeren Ergebnis kommt die Studie „The Most Innovative Companies 2015“ der Boston Consulting Group. In der Auflistung werden nur drei echte Chemieunternehmen geführt – und das nicht in den Top 20. Apple und Google werden als Top-Unternehmen hier deutlich besser eingeschätzt. Allerdings sollte man hier im Hinterkopf haben, dass das moderne Smartphone – und damit unsere digitale Welt – ohne moderne Chemie nicht existieren würde: Denken Sie an den Lithium-Ionen-Akku, das Display, das aus Flüssigkristallen besteht, oder das Gehäuse aus eloxiertem Aluminium.

Leider wird diesen Leistungen in der Öffentlichkeit zu wenig Beachtung geschenkt. Könnte es sein, dass die Chemieindustrie auch aufgrund ihrer geringen Sichtbarkeit für viele Gründungswillige unattraktiv ist?

Ja, durchaus. Aber man darf auch nicht vergessen: Gründen in der chemischen Industrie ist vergleichsweise kostspielig. Die hohen Kapitalinvestitionen in Laborequipment schrecken viele ab.

Muss man sich hier stärker an den USA orientieren? Im Silicon Valley, dem Mekka der weltweiten Gründerszene, gibt es zahlreiche Inkubatoren und risikobereite Investoren, die in dieser Phase helfen.

Die chemische Industrie ist schon dabei, sich an den dortigen Verhältnissen zu orientieren. In den letzten Jahren hat sich zum Beispiel eine solide Landschaft für Risikofinanzierung entwickelt, hier ist unter anderem der High-Tech Gründerfonds zu nennen.

Auch Inkubatoren, wie beispielsweise das von Bayer in Berlin ins Leben gerufene CoLaborator-Modell, sind gute Ansätze, um die hohen Kapitalinvestitionen für Startups zu minimieren. Davon bräuchten wir aber noch mehr, um die Gründerszene weiter anzukurbeln.

Auch was die so wichtigen Netzwerke angeht, bewegt sich etwas. Nicht nur Veranstaltungen wie der Innovationsmotor oder informelle Netzwerke wie beispielsweise die Vereinigung für Chemie und Wirtschaft sind hier gute Anlaufstellen. Professionelle Unterstützung finden potenzielle Gründer auch vermehrt durch Business Angels oder Unternehmen wie idea meets market.

Entscheidend ist es meiner Ansicht nach, die Unternehmer in spe auf diese Möglichkeiten aufmerksam zu machen – und dann geht es doch wieder um eine bessere Sichtbarkeit!

Was können Hochschulen tun, um die Gründungsquote im Bereich Chemie zu erhöhen?

In Zukunft wird das ganzheitliche Verständnis komplexer Systeme und Wertschöpfungsketten immer  wichtiger werden. Chemiefakultäten sollten meiner Meinung nach stärker darauf fokussieren, neben der soliden fachlichen Grundausbildung die interdisziplinäre Breite in Chemie-Studiengängen zu erhöhen. Beispielsweise durch Vertiefungsrichtungen in Betriebswirtschaft, Verfahrenstechnik oder Biowissenschaften. Für die Chemieindustrie der Zukunft werden all diese Felder eine wesentliche Rolle spielen. Momentan kommen sie in der Lehre in Summe noch zu kurz.

Außerdem brauchen wir mehr unternehmerische Professoren; Personen, die Unternehmerpersönlichkeiten an den Hochschulen sofort entdecken, sie fördern und auf dem Weg zur Gründung unterstützen. Selbstverständlich darf die Grundlagenforschung dabei nicht zu kurz kommen. Aber sie allein reicht nicht aus, um den Innovationsmotor Chemie auf Hochtouren zu bringen – Interdisziplinarität ist gefragt!

Sie fordern also unter anderem, an Hochschulen ein besseres Verständnis komplexer Wertschöpfungsketten zu vermitteln. Im Bereich Chemie gilt der Weg vom Labor bis zum Endprodukt beim Kunden als vergleichsweise weit. Warum?

Die Unternehmen der chemischen Industrie stellen in der Regel keine Endprodukte her. Vielmehr sind die Chemikalien Vorstufen oder Bestandteile der späteren Endprodukte. Es handelt sich also um einen klassischen B2B-Markt (Business-to-Business, Industriekundengeschäft, Anm. d. Red.).

Ein Beispiel dafür ist Acrylsäure, aus der Superabsorber hergestellt werden. Diese werden dann in Babywindeln oder Binden eingesetzt – der Markterfolg der Chemikalie hängt also immer vom Markterfolg des Endproduktes ab.

Produktentwicklungen für Chemie-Unternehmen, erst recht für Startups, benötigen hier einen langen Atem. Für Chemikalien, die in der Automobil- oder Luftfahrtindustrie zum Einsatz kommen, zum Beispiel Kunststoffe für die Dämmung von Flugzeugkabinen, sind Entwicklungszeiten von mehr als zehn Jahren keine Seltenheit.

Die von Ihnen genannten Beispiele sind nur bedingt Belege dafür, dass die Chemie ständig – ich zitiere – „an Lösungen für aktuelle gesellschaftliche Probleme arbeitet“, wie es einer der Workshop-Teilnehmer ausdrückte. Können Sie ein Beispiel dafür geben? Welches Chemie-Startup hat in diesem Zusammenhang in den letzten Jahren positiv auf sich aufmerksam gemacht?

Gerne. Denken Sie an die dezentrale Energieversorgung durch regenerative Quellen – eine der Herausforderungen unserer Zeit. Elektrizität, Wärme und Mobilität sind in unserer Gesellschaft zu Grundbedürfnissen avanciert, was natürlich mit einer entsprechenden Versorgungsnachfrage nach Energie verbunden ist. In diesem Zusammenhang wird seit langem Wasserstoff als Energiespeicher diskutiert. Aufgrund seiner chemischen Eigenschaften – Wasserstoff kann im Gemisch mit Sauerstoff ein explosionsfähiges Gemisch bilden – gibt es hier aber einige technische Hürden.

Das Unternehmen Hydrogenious Technologies, das sich beim Innovationsmotor vorstellte, hat eine sichere und saubere Lösung entwickelt, um den Wasserstoff chemisch zu „inaktivieren“, zu speichern und dann bei Bedarf wieder freizusetzen. Gleichzeitig bietet das Unternehmen seinen Kunden die Prozesstechnik mit an. Dadurch geht es einen wichtigen Schritt in Richtung Innovation: es verharrt nicht auf der Ebene des Moleküls, sondern bietet eine Komplettlösung an. Für sein Konzept ist das Unternehmen in den vergangenen Jahren mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem ersten Preis im „Science4Life Venture Cup 2014“.

Führt zusammen mit Studierenden bereits eine Folgeuntersuchung zum Projekt durch: Prof. Dr. Thorsten Daubenfeld.

Prof. Dr. Thorsten Daubenfeld

Ähnliche Beispiele ließen sich auch für die übrigen Startups aufführen, die beim Innovationsmotor Chemie vor Ort waren und stellvertretend für viele andere eine sehr lebendige und dynamische Startup-Branche stehen.

Wollen wir hoffen, dass diese dynamischen Unternehmensbeispiele die Teilnehmer des Workshops dazu animiert haben, das Thema Gründung als ernsthafte Alternative für die eigene professionelle Karriere aufzunehmen. Es würde dem Innovationsmotor Chemie am Standort Deutschland sehr gut tun!

[quellen]Ein weiterführendes Interview mit Prof. Daubenfeld zum Thema „Innovationen in der Chemie“ finden Sie hier.[/quellen]

ÜBER DEN AUTOR

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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