Psychologie und Wirtschaftspsychologie

„Es kommt vor, dass Betroffene 40 Jahre und länger depressiv sind“

von Redaktion, am 20.08.2015

Wie viele Menschen in Deutschland aktuell an einer Depression leiden, ist unklar. Sicher ist jedoch: Die Zahl bewegt sich im einstelligen Millionenbereich, man spricht nicht umsonst von einer „Volkskrankheit“. Die unsichere Datenlage ist zum einen darauf zurückzuführen, dass sich nicht jeder Betroffene in eine Behandlung begibt. Zum anderen werden bei statistischen Berechnungen bisweilen unterschiedliche Ausprägungen der Krankheit in einen Topf geworfen. Prof. Dr. Ingo Zobel, Studiendekan des Master-Studiengangs Psychologie an der Hochschule Fresenius Berlin, versucht im Interview, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und erklärt, wann eine Depression als chronisch einzustufen ist.

adhibeo: Herr Prof. Zobel, Sie erforschen seit Langem das Krankheitsbild der Depression. Mittlerweile ist dieses Wort in der Alltagssprache der Deutschen angekommen, auch wenn ihm dabei kein einheitliches Verständnis zugrunde liegt. Können Sie eine Definition geben?

Ingo Zobel: Nach dem ICD 10 (Das Akronym steht im Deutschen für die aktuell gültige „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“, Anm. d. Red.) setzt sich eine depressive Episode aus verschiedenen Einzelsymptomen zusammen. So leiden betroffene Personen an gedrückter Stimmung, Interessenlosigkeit und/oder merklich gemindertem Antrieb selbst bei den einfachsten Alltagsaktivitäten. Gesellen sich zu diesen Krankheitszeichen auch noch Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Appetitlosigkeit, Schuldgefühle oder Suizidgedanken hinzu und besteht dieser Zustand wenigstens zwei Wochen, sprechen wir von einer „Depressiven Störung“. Hier wird es dann auch in vielen Fällen notwendig, dass sich die Betroffenen professionelle Hilfe suchen.

Zwei Wochen schlechte Stimmung, Schuldgefühle und Schlaf- und Konzentrationsstörungen – an einer Depression haben dann schon mehr Menschen in Deutschland gelitten als gedacht, oder?

Zumindest an einer einzelnen depressiven Episode, ja. Dieses Phänomen tritt häufiger auf, als es offizielle Statistiken besagen. Hier gibt es eine hohe Dunkelziffer, da sich viele der Betroffenen nicht an einen Arzt oder Psychologen wenden. In einigen Fällen hilft die Familie oder das soziale Umfeld so gut, dass die Depression wieder abklingt.

Und wenn sie nicht abklingt?

Selbst wenn sie abklingt, ist das keine Garantie dafür, dass die Krankheit vorüber ist. In einigen Fällen folgt nach einer gewissen Zeit eine weitere depressive Episode. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer rezidivierenden, also wiederkehrenden Depression. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wenn die Depression sich nicht binnen weniger Wochen in den Bereich der normalen Stimmungsschwankung zurückentwickelt, kann es sein, dass der Betroffene chronisch darunter leidet. Genau mit dieser Ausprägung der Krankheit habe ich mich in den vergangenen Jahren sehr intensiv beschäftigt.

Wie lässt sich eine chronische Depression beschreiben?

Es gibt hier verschiedene Verlaufsformen. Beispielsweise kann es eine Aneinanderreihung von depressiven Episoden geben, zwischen denen die Patienten nie ganz genesen. Oder der Patient befindet sich über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren hinweg in einer depressiven Episode. Es kommt vor, dass Betroffene 40 Jahre und länger depressiv sind. Bei diesen chronisch depressiven Patienten, die schon seit ihrer Kindheit oder frühen Jugend unter der Krankheit leiden, stellt man häufig fest, dass sie sich feindselig verhalten, bei Stress wenig emotionale Kontrolle zeigen, sehr selbstbezogen auftreten und nur begrenzt zur Empathie fähig sind.

Das heißt, die Ursachen für eine chronische Depression liegen in der Kinder- bzw. Jugendzeit?

Richtig. Häufig steht am Anfang eine frühe traumatisierende Beziehungserfahrung. Die Betroffenen wurden als Kind oder sehr junger Erwachsener von Bezugspersonen emotional oder körperlich misshandelt, sind vielleicht sogar Opfer sexueller Gewalt geworden. In Folge dieser Erfahrung ziehen die Betroffenen eine Mauer um sich herum hoch, sie lassen andere kaum noch an sich heran. In dieser Phase wird der Grundstein für zukünftige Denkmuster gelegt. Die Betroffenen entwickeln über die Zeit ein gewisses Misstrauen gegenüber ihren Mitmenschen und gelangen zu der Überzeugung, selbst keinen Einfluss auf ihre Umwelt zu haben. Schließlich führt genau das zu den eben erwähnten Charakterzügen.

Wie kann ein chronisch depressiver Patient behandelt werden und wie groß sind dabei die Erfolgschancen?

Unsere Studien haben gezeigt, dass sich mit CBASP, einem speziell für chronisch depressive Patienten entwickelten Psychotherapieverfahren, hier durchaus Erfolge erzielen lassen. In einer aktuellen Untersuchung beispielsweise konnten wir feststellen, dass eine Behandlung mit CBASP genauso erfolgreich war wie die Behandlung mit einem Medikament. Wir hatten hier allerdings gehofft, dass CBASP sogar besser abschneiden würde. Vielleicht war die Behandlungszeit von 28 Wochen bei Patienten, die sehr lange depressiv sind, einfach zu kurz, um Unterschiede feststellen zu können.

Prof. Dr. Ingo Zobel

Prof. Dr. Ingo Zobel

Unsere und andere Studien zeigen aber auch, dass einige chronisch depressive Patienten nur wenig auf die Behandlung mit Medikamenten oder einer Psychotherapie ansprechen und von einer vollständigen Heilung weit entfernt sind. Es ist also seitens der Universitäten, Fachhochschulen und Kliniken noch viel Forschung nötig, um auch nur kleine Behandlungserfolge über die Zeit zu stabilisieren und für die Patienten wenigstens die Lebensqualität zu erhöhen.

Auch wenn die Forschungslage dürftig ist, kann ich betroffenen Patienten doch eines mitgeben: Eine Behandlung ist auf jeden Fall besser als keine Behandlung! Eine Linderung der Krankheit, vielleicht eine Erhöhung der Lebensqualität, sollte auf jeden Fall möglich sein.

[quellen]Ingo Zobel wurde erst vor wenigen Wochen zum Professor an der Hochschule Fresenius berufen. Das Thema Depression war auch Gegenstand seiner Antrittsvorlesung.[/quellen]

ÜBER DEN AUTOR

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

2 Kommentare
  1. David sagte:

    Es kommt wohl auch vor, dass Leute ihr ganzes Leben lang depressiv sind. Oft gibt es auch körperliche Ursachen wie z.B. Entzündungen im Gehirn oder eine Schilddrüsenunterfunktion dafür verantwortlich. Viele Ärzte wissen das nicht mal und hauen den Patienten einfach mit Antidepressiva azu.

  2. Stefan sagte:

    Wow, 40 Jahre lang Depressionen, das muss ja die Hölle sein. Meine erste Depression hat zwei Jahre gedauert und ich fand das schon mehr als lange genug.

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