Psychologie und Wirtschaftspsychologie

„Die Phase der Konfrontation ist bei einer Angsttherapie unumgänglich“

von Redaktion, am 09.05.2014

Menschen haben Ängste, das war schon immer so. Denn Ängste erfüllen durchaus wichtige Funktionen. Wenn sie allerdings den Lebensalltag erschweren, ist die Grenze zum Pathologischen überschritten – und eine Angsttherapie empfehlenswert. Das meint auch Dr. Kristin Härtl, Verhaltenstherapeutin und Dozentin an der Psychology School der Hochschule Fresenius München. Teil acht unserer Serie „Grundbegriffe der Psychologie“.

adhibeo: Frau Dr. Härtl, vor der Angst muss man keine Angst haben – sie ist ein gewöhnlicher menschlicher Gefühlszustand. Ab wann aber wird die Schwelle zum Pathologischen überschritten?

Kristin Härtl: Das ist nicht immer eindeutig zu sagen, da es fließende Übergänge zwischen „normaler“ und „krankhafter“ Angst gibt. Ängste sind, wie Sie schon richtig erwähnt haben, Teil unseres Lebens. Sie dienen häufig dem Selbstschutz und sichern unseren Lebenserhalt. Von Angststörungen, also von pathologischer Angst, kann man erst dann sprechen, wenn bestimmte Kriterien zutreffen.

Isaac Marks, der viel über Phobien geforscht hat, formulierte vier Kriterien für pathologische, also krankhafte, Ängste. So liegt eine Angststörung dann vor, wenn, erstens, die Angstreaktionen der Situation nicht angemessen sind, zweitens, die Angstreaktionen chronisch sind, drittens, wenn die Angst nicht erklärbar und auch nicht reduzierbar ist und viertens, wenn die Angst eine Beeinträchtigung des Lebensalltags zur Folge hat.

Welche unterschiedlichen Störungen lassen sich denn unterscheiden?

Als Klassifikationssystem, um Angststörungen diagnostizieren zu können, dient in Deutschland die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, kurz ICD. Grundsätzlich wird dort zwischen Angststörungen unterschieden, die sich auf Objekte oder Situationen beziehen und solchen, die ungerichtet sind.

Bei letzteren ist der konkrete Auslöser für den Angstzustand nicht auszumachen. Bei der sogenannten Panikstörung bricht die Angst „aus heiterem Himmel“ über die betroffene Person herein.

Angststörungen, die auf etwas gerichtet sind, werden unter dem Begriff „Phobien“ zusammengefasst. Sie können sich auf physische Objekte beziehen – wir alle kennen die Angst vor Spinnen, die sogenannte Arachnophobie – oder auch auf Situationen. Bei der sogenannten Agoraphobie tritt die Angst in verschiedenen Situationen auf, wie z.B. in Menschenmengen, auf öffentlichen Plätzen, bei Reisen.

Auf etwas gerichtet sind auch sogenannte soziale Phobien. Die betroffenen Personen haben Angst davor, in einer bestimmten sozialen oder Leistungssituation ein Verhalten zu zeigen, das peinlich sein könnte. In diesem Zusammenhang höre ich von Studierenden immer wieder: „Ich habe auch Angst vor Referaten – habe ich deshalb jetzt eine Angststörung?“ Diese Frage lässt sich mit den von Marks definierten Kriterien gut beantworten: Nur wenn diese Angst zum Beispiel den normalen Studienalltag nicht mehr zulässt, befindet man sich im Bereich des Pathologischen.[box headline=“Serie: Grundbegriffe der Psychologie“]Liebe, Angst, Kreativität, Stress – alltägliche Begriffe, deren psychologische Hintergründe oft nicht bekannt sind. Deshalb widmet sich adhibeo in den kommenden Wochen diesen Begriffen und lässt dazu Experten zu Wort kommen. Bisher erschienen:

  • Prof. Dr. Simon Hahnzog über die Liebe.
  • István Garda über den Begriff „Kreativität„.
  • Prof. Dr. Katja Mierke über den Begriff „Stress„.
  • Prof. Dr. Claudia Gerhardt über den Begriff „Glück„.
  • Dr. Fabian Christandl über den Begriff „Manipulation„.
  • Prof. Dr. Simon Hahnzog über die Funktionsweise von Vorurteilen.
  • Dr.  Yvonne Glock über den Begriff „Lernen„.[/box]

Aufgrund der Ukraine-Krise geht in Europa derzeit die Angst vor einem Krieg um. In welche Kategorie lässt sich diese Angst stecken?

Hierbei handelt es sich um eine nicht pathologische, weil realistische Angst. Sie rührt ja von tatsächlichen Ereignissen her, äußert sich nicht extrem – die meisten Menschen leben ihr Leben trotz Ukraine-Krise weiter – und ist auch nicht von Dauer. Das hoffen wir zumindest.

Wir werden in unserem Leben, wie eingangs schon einmal angeschnitten, immer wieder von Ängsten heimgesucht. Das ist ganz normal. Meistens können wir von ihnen aber wieder Abstand nehmen, uns ablenken und sie schließlich vergessen.

Viele Ängste stehen mit angeborenen psychologischen Mechanismen in Zusammenhang, die aus einer längst vergangenen Zeit stammen – das behauptet zumindest die Evolutionspsychologie. So stammt unsere Angst vor Spinnen daher, weil deren Bisse zu Urzeiten häufig lebensgefährlich waren und unsere Angst vor der Dunkelheit daher, weil wir in Urzeiten unter dieser Bedingung viel angreifbarer waren. In den meisten deutschen Städten dagegen sind heute sowohl Spinnen als auch die Dunkelheit keine ernsthaften Bedrohungen mehr. Müssen wir also einige unserer Ängste „wegrationalisieren“?

Tatsächlich hat uns die Angst zu Urzeiten geholfen, besser auf Angriffe oder sonstige Bedrohungen zu reagieren. Ein erhöhter Puls, eine schnellere Atmung, eine gesteigerte Muskelspannung – der ganze Körper wird durch unsere Angst in Alarmbereitschaft gesetzt.

Dieses evolutionär getriggerte Verhalten kann man nicht einfach abstellen oder wegerklären. Spezifische Phobien, zum Beispiel wenn die Angst eben von Spinnen hervorgerufen wird, kann man jedoch durch sogenannte Konfrontationstechniken und professionelle Hilfe behandeln.

Wie sieht diese professionelle Hilfe dann aus?

Zunächst einmal leistet man als Therapeut hier Psychoedukation. Das heißt, man erklärt dem Patienten, wie Angst überhaupt funktioniert und welche Erklärungsmodelle es hier gibt. Beispielsweise gibt es das sogenannte „Teufelskreislauf-Modell“ der Angst, das man Betroffenen gut näher bringen kann. Dann folgt schon langsam der Teil, der bei einer Angsttherapie unumgänglich ist: der Phase der Konfrontation.

Am besten erfolgt die Konfrontation in vivo, also in der Realität. Zu Beginn werden die Patienten dabei noch von einem Therapeuten begleitet und man sucht gemeinsam die gefürchtete und bislang vermiedene Situation auf. Das wird dann von den Betroffenen mehrfach alleine geübt.

In Situationen, die schwierig aufzusuchen sind, kann auch eine Konfrontation in sensu, also in der Vorstellung, hilfreich sein. Das zugrundeliegende Prinzip bei beiden Strategien ist das der Habituation: der Betroffene merkt, dass seine Angst nicht „ins Unermessliche“ steigt, sondern langsam abnimmt.

Therapiert Patienten mit Angststörungen: Dr. Kristin Härtl.

Dr. Kristin Härtl.

Kommen während einer solchen Therapie auch Medikamente zum Einsatz?

Medikamente können unterstützend eingesetzt werden. Allerdings ist es sehr wichtig, die Medikamente langsam wieder zu reduzieren, so dass der Patient die Bewältigung seiner Angst auf sich selbst zurückführt und nicht auf die Medikamente.

ÜBER DEN AUTOR

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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