Gesundheit, Therapie und Soziales

„AIDS ist immer noch eine ernstzunehmende und weit verbreitete Krankheit“

von Redaktion, am 04.04.2014

Dank entsprechender Medikamentenversorgung und einer verbesserten Zusammenarbeit im Gesundheitssektor ist der Verlauf der Krankheit AIDS heute deutlich abgemildert. Das weiß auch Prof. Dr. Andreas Beivers, Studiendekan Gesundheitsökonomie an der Hochschule Fresenius München. Als Referent war er vor kurzem auf den 15. Münchner AIDS- und Hepatitis-Tagen zu Gast. Im Interview spricht Beivers über die Inhalte seines Vortrags – und warnt trotz einer positiven Entwicklung davor, die Krankheit AIDS zu unterschätzen.

adhibeo: Herr Prof. Beivers, Sie haben Ende März einen Vortrag auf den Münchner AIDS- und Hepatitis-Tagen gehalten. Worum ging es?

Andreas Beivers: Ich habe dort über die gesundheitsökonomische Bedeutung der Krankheit AIDS referiert. Es ging also vor allem um die Versorgungsqualität von AIDS-Patienten in Deutschland und die damit verbundenen Behandlungskosten.

Wie ist es denn um die Versorgungsqualität bestellt?

In Deutschland befindet sie sich zum Glück auf einem hohen sehr Niveau. Mitte der 1990er Jahre, als AIDS sich auch in Europa immer stärker ausbreitete, gab es ja nur wenige spezialisierte Ärzte. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert. Außerdem funktioniert heute die intersektorale Zusammenarbeit viel besser. Das heißt, die Ärzte, die an der Behandlung eines AIDS-Patienten beteiligt sind, tauschen sich sehr stark aus – zum Vorteil des Patienten.

Natürlich besteht aber auch weiterhin Verbesserungspotential. Die ambulant-spezialfachärztliche Versorgung nach § 116b SGB V muss zum Beispiel weiter ausgebaut werden. Das hat sich die neue Regierung auch vorgenommen und den Gemeinsamen Bundesausschuss aufgefordert, Kriterien und Vergütungsmodi zu definieren. Mal sehen, wie schnell dieses Vorhaben umgesetzt wird.

Die Mehrzahl der HIV-Infizierten wird heute im Rahmen sogenannter antiretroviraler Therapien, kurz ART genannt, behandelt. Dabei werden unterschiedliche Medikamente kombiniert, was den Verlauf der Krankheit AIDS deutlich abmildert, auch wenn dadurch keine vollständige Heilung erreicht wird. Aus Sicht der Gesundheitsökonomie: Wie hoch sind die Behandlungskosten für eine ART?

Die Kosten sind in toto komplex abzuschätzen. HIV wird jedoch im Rahmen des sogenannten Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleiches zwischen den Krankenkassen als Morbiditätsgruppe berücksichtigt. Dadurch werden standardisierte Leistungsausgaben je Versicherten und Jahr vom Bundesversicherungsamt erfasst. Wenn man nun dessen Berechnungen zugrunde legt, kommt man auf durchschnittlich rund 18 000 Euro pro Patient mit ART. Ungefähr 50 000 der rund 78 000 HIV-Infizierten in Deutschland befinden sich derzeit in einer ART, womit sich Gesamtkosten von etwa 890 Millionen Euro abschätzen lassen.

Und was ist mit den übrigen 28 000 Infizierten?

Mehrheitlich handelt es sich dabei um sogenannte Long Term Non-Progressors, also um Personen, die auch ohne antiretrovirale Therapie eine niedrige oder sogar nicht nachweisbare Viruslast aufweisen. Auch ihre Behandlung kostet natürlich – allerdings nur rund ein Sechstel so viel wie bei ART-Patienten.

Nun sind in den letzten Jahren einige Patente für AIDS-Medikamente ausgelaufen. Deshalb sind heute zunehmend Generika, also wirkstoffgleiche Kopien der Medikamente, auf dem Markt verfügbar. Was bedeutet das mit Blick auf die Behandlungskosten?

Wenn Patente auf Medikamente auslaufen, bedeutet das immer, dass eine neue Wettbewerbssituation entsteht und in der Folge auch die Preise fallen. Die Behandlung von AIDS-Patienten wird also durch den Wechsel auf Generika günstiger und das ist auch gut so. Ob das allerdings auch für den Behandlungsverlauf günstiger ist, ist nicht in jedem Fall klar. Aus verschiedenen Studien wissen wir nämlich, dass einige Patienten einem Medikamentenwechsel mit Skepsis begegnen und ein neu verschriebenes Mittel vielleicht nicht mehr so regelmäßig einnehmen oder an seiner Wirkung zweifeln. Die Compliance des Patienten, wie es in der Fachsprache heißt, geht also zurück. Im Einzelfall muss man folglich abwägen, ob ein Wechsel Sinn macht. Das Wohl des Patienten steht hier an erster Stelle – nicht die Kosten.

Prof. Andreas Beivers hat sich in zahlreichenForschungsarbeiten mit dem privaten Kranken-haussektor beschäftigt.

Prof. Dr. Andreas Beivers

Minimiert man den Faktor „Compliance“, ist AIDS heute zu einer behandelbaren Erkrankung geworden. Noch vor zwanzig Jahren war ihr Verlauf dagegen absehbar tödlich – eine sehr positive Entwicklung!

Absolut. Allerdings darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass AIDS immer noch eine ernstzunehmende und weit verbreitete Krankheit ist. Ein gewisses Problembewusstsein sollte deswegen auch in der Öffentlichkeit weiterhin bestehen. Das zeigt auch ein Blick auf die Statistiken: Jährlich gibt es in Deutschland heute immer noch rund 3000 HIV-Neuinfektionen. Diese Zahl ist zwar seit 2004 nicht mehr angestiegen, aber eben auch nicht wesentlich gesunken.

ÜBER DEN AUTOR

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Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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