Gesundheit, Therapie und Soziales

Wirtschaft und Management

Der neue Koalitionsvertrag: Eine gesundheitsökonomische Betrachtung

von Redaktion, am 02.12.2013

Am 27.11.2013 veröffentlichten CDU, CSU und SPD ihren Koalitionsvertrag „Deutschlands Zukunft gestalten“. Er lässt in der 18. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages eine Reihe von anstehenden Reformen im Gesundheitsbereich erwarten. Was kommt hier auf das deutsche Gesundheitswesen zu? Eine Bewertung zentraler Punkte aus gesundheitsökonomischer Perspektive. Von Andreas Beivers und Volker Penter

Erläuterung: Im Folgenden werden fünf Themenkomplexe bewertet. Zu jedem Themenkomplex finden sich Zitate aus dem aktuellen Koaltionsvertrag.

 

1. Themenkomplex „Ambulante Gesundheitsversorgung“

Aus dem Koalitionsvertrag: „Die gesetzlichen Vorgaben zum Abbau von Überversorgung durch den Aufkauf von Arztsitzen werden von einer „Kann“ in eine „Soll“-Regelung überführt.“

Bewertung: Das Vorhaben scheint im ersten Moment begrüßenswert zu sein, doch bedenkt man die Umsetzungsaussichten, so könnte es sich eher um eine Floskel als um eine realisierbare Initiative handeln. Es ist kaum zu erwarten, dass sich die jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) derartig gegen ihre eigenen, vor allem jungen Mitglieder stellen werden – besonders, da diese Gruppe bekanntermaßen Ballungsräume präferiert.“. Auch ist nur schwer nachvollziehbar, wie die KVen genügend Finanzmittel aufbringen sollen, um in Frage kommende Arztsitze in überversorgten Gebieten selbst abzulösen und dann zu schließen.

Aus dem Koalitionsvertrag:Für gesetzlich Versicherte wollen wir die Wartezeit auf einen Arzttermin deutlich reduzieren.“

Bewertung: Gemäß einer aktuellen Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vom Frühjahr 2013 warteten nur zehn Prozent der Befragten länger als drei Wochen auf einen Arzttermin und nur neun Prozent hat es zu lange gedauert, bis sie einen Arzttermin bekommen haben (vgl. KBV 2013). Man kann also nicht davon sprechen, dass das Thema “Lange Wartezeiten auf Arzttermine“ ein generelles Problem des deutschen Gesundheitswesens ist. Angesichts eines Spitzenplatzes hinsichtlich der Arztdichte (Ärzte pro 1.000 Einwohner) im internationalen OECD Ranking ist das auch nicht verwunderlich (vgl. OECD 2013). Der Koalitionsvertrag sieht vor, dass der gesetzlich Versicherte bei einer Wartezeit von mehr als vier Wochen auch einen Termin zur ambulanten Behandlung im Krankenhaus angeboten bekommt. Die Fristüberschreitung von vier Wochen ist eher die Ausnahme. Die Erfüllung des Anspruchs einer deutlichen Reduzierung der Wartezeiten ist schon aus diesem Grunde kritisch zu sehen. Darüber hinaus ist der Weg zu einem solchen vermittelten Termin über eine neu einzurichtende zentrale Terminservicestelle bei der jeweiligen KV sehr kompliziert, viel zu bürokratisch und letztendlich mit hohem Verwaltungsaufwand verbunden.

2. Themenkomplex „Krankenhausversorgung“

Aus dem Koalitionsvertrag: „In einer Qualitätsoffensive werden wir die Qualität der stationären Versorgung verbessern.“

Bewertung: Der OECD Gesundheitsbericht 2013 setzt Deutschland insbesondere in Bezug auf Indikatoren zur Ergebnis- und Versorgungsqualität nur auf mittlere Plätze (vgl. OECD 2013). In der Studie „Qualität und Wirtschaftlichkeit im deutschen Gesundheitssystem“ hat die KPMG Anfang dieses Jahres festgestellt, dass die Qualität in deutschen Krankenhäusern weder verlässlich ermittelt noch ausreichend vergütet wird (vgl. KPMG 2013). Daher ist eine Qualitätsoffensive sehr zu begrüßen. Zu wünschen ist, dass in der konkreten Ausgestaltung gründlich vorgegangen wird. Zunächst müssen Grundlagen geschaffen werden, um die richtige Qualität mit den richtigen Indikatoren zu messen. Gelingt das nicht, könnten schnell die derzeitigen Fehlanreize durch andere ersetzt werden. Überprüft werden sollte, ob man tatsächlich noch ein neues Qualitätsinstitut benötigt und ob es richtig ist, den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) mit der Überprüfung der Einhaltung von Qualitätsvorgaben zu beauftragen.

Aus dem Koalitionsvertrag: „Wir wollen die Länder bei der Weiterentwicklung der Krankenhausplanung von einer standortbasierten hin zu einer erreichbarkeitsorientierten Versorgungsplanung unterstützen. Dazu sollen die Möglichkeiten, Sicherstellungszuschläge zu vereinbaren, gesetzlich konkretisiert werden.“

Bewertung: Gerade für die Gesundheitsinfrastruktur ist die Erreichbarkeit der Standorte ein zentrales Kriterium für die Einschätzung des Versorgungsgrads der Bevölkerung. Aus diesem Grund ist es sehr begrüßenswert, dass die Krankenhausplanung in dieser Form weiterentwickelt werden soll, insbesondere vor dem Hintergrund des geo-demografischen Wandels und der Frage der Sicherstellung der ländlichen (Krankenhaus-)Versorgung. Es wäre jedoch darüber nachzudenken, in wie fern Erreichbarkeitsvorgaben nach solchen Kriterien wie „Notfall“ oder „elektive Behandlung“ zu spezifizieren wären. Wenn man zukünftig Erreichbarkeitszeiten von Krankenhäusern im Sinne einer datenbasierten Marktraumanalyse (auf Basis von Geocoding) berücksichtigt, kann dies helfen, versorgungsrelevante Krankenhäuser gerade im ländlichen Bereich (sogenannte „Sole Provider“) zu identifizieren und bei Bedarf gezielt zu unterstützen (vgl. Beivers 2010). Hierzu müssen jedoch die vorgesehenen Sicherstellungszuschläge nach § 17 b KHG konkretisiert werden, um deren Vergabe anhand messbarer Kriterien zu ermöglichen.

Aus dem Koalitionsvertrag: „Wir streben […] eine regelhafte Kooperation der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Krankenhäuser zur Sicherstellung der ambulanten Notfallversorgung an. […] Für Hochkostenfälle, die nicht durch Fallpauschalen sachgerecht abgebildet werden können, hat das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus bis Ende 2014 eine geeignete gesonderte Vergütungsform vorzulegen.“

Bewertung: Die Sicherstellung der Notfallversorgung ist Grundvoraussetzung für die Restrukturierung des Krankenhausmarktes. Voraussetzung hierfür ist eine zielgerichtete Definition des Notfalls und eine bessere Abbildung in den Vergütungssystemen, insbesondere in den Fallpauschalen. Generell ist hier die zukünftige Rolle der Krankenhäuser als zentrale, interdisziplinäre Anlaufstelle für die Notfallversorgung zu definieren, gerade in unterversorgten Regionen. Dies sollte auch bei der vorgesehenen Anpassung des § 116a SGB V berücksichtigt werden. Die Bereitschaftspraxen der Kassenärztlichen Vereinigungen sollten verstärkt mit den stationären Einrichtungen zusammenarbeiten. Aus diesem Grund weist hier der Koalitionsvertrag in die richtige Richtung. Ähnlich ist auch die vorgesehene bessere Abbildung der Hochkostenfälle zu beurteilen. Diese sind, ebenso wie die Notfallversorgung, zentrale Bestandteile des öffentlichen Daseinsvorsorgeauftrages. Doch auch hier müssen – ähnlich wie beim Sicherstellungszuschlag – klare Kriterien zur Defizitermittlung etabliert werden, um nicht in ein ineffizientes System der Selbstkostendeckung zurückzufallen (vgl. Lindl und Beivers 2013).

Aus dem Koalitionsvertrag: „Wir wollen gewährleisten, dass auf Ebene der DRG-Kalkulation die Personalkosten, insbesondere die der Pflege, in ausreichender Höhe und Gewichtung berücksichtigt werden. Dass die Krankenhäuser diese Mittel auch tatsächlich für Personalkosten eingesetzt haben, müssen sie in den Budgetverhandlungen in geeigneter Weise unbürokratisch nachweisen.“

Bewertung: Die ausreichende Berücksichtigung von Personalkosten in der DRG-Kalkulation ist richtig. Gänzlich falsch jedoch ist der Weg, dass die Krankenhäuser zum Nachweis gezwungen werden sollen, die in den Fallpauschalen enthaltenen Personalkosten auch tatsächlich für Personal ausgegeben zu haben. Dies würde das Fallpauschalensystem weitgehend ad absurdum führen. Es ist ja gerade der Sinn dieses Systems, dass die Krankenhäuser für ihre Leistungen eine Pauschale erhalten und weitgehend selbst dafür verantwortlich sind, wie und mit welchen Ressourcen sie die Leistungen erbringen. Müssten jetzt die Krankenhäuser nachweisen, dass sie die in den Durchschnittswerten der DRGs enthaltenen Personalkosten auch tatsächlich verbraucht haben, dann fehlt ihnen für rund 60 Prozent der Kosten jegliche Motivation zur Wirtschaftlichkeit. Hier müssen andere Wege gefunden werden.

Aus dem Koalitionsvertrag: „Bestimmte Unterschiede in den Landesbasisfallwerten lassen sich nicht durch Besonderheiten in der Versorgungs- und Kostenstruktur oder der unterschiedlichen Umsetzung gesetzlicher Verpflichtungen begründen. Sie sollen aufgehoben werden.“[box headline=“Über die Autoren“]Prof. Dr. Andreas Beivers ist Studiendekan für Gesundheitsökonomie an der Hochschule Fresenius München. Er ist Experte für den deutschen Krankenhausmarkt und Herausgeber des „Lehrbuchs Gesundheits- und Sozialpolitik“. Prof. Dr. Volker Penter ist Head of Health Care bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Er ist Honorarprofessor an der TU Dresden und Autor des Fachbuchs „Gesundheitswesen für Praktiker: System, Akteure, Perspektiven“.[/box]

Bewertung: Es ist nachvollziehbar, dass unergründbare Kostendifferenzen evaluiert und ggf. nivelliert werden sollen. Versucht man dies jedoch über einen bundeseinheitlichen Basisfallwert zu regulieren, wäre dies ein ordnungspolitischer Irrweg. Die Festsetzung von Einheitspreisen nach dem Motto „gleiche Leistung, gleicher Preis“ würde nicht berücksichtigen, dass – der ökonomischen Preistheorie folgend – die Kosten der Leistungserstellung auch mit dem Ort der Leistungserbringung korrelieren (vgl. Ott 1992). Einheitspreise hingegen führen zu einer ineffizienten Allokation von Ressourcen (vgl. Neubauer et al. 2011). Vielmehr sollten die Basisfallwerte in der Form flexibilisiert werden, dass regionale Kostenunterschiede darin berücksichtigt und selektiv vereinbart werden können. Als Erklärungsgegenstand für Kostenunterschiede scheint dabei auch nicht das „Bundesland“ die richtige Differenzierung, sondern vielmehr derartige Kriterien wie siedlungsstrukturelle Regionstypen, anhand derer regionale Kostenunterschiede erklärt werden könnten. Ein kalkulatorisch ermittelter Bundesbasisfallwert ist aber insofern sinnvoll, da er immer dann zum Zug kommen könnte, wenn die Vertragspartner von sich aus keine Einigung finden. Dies gilt es in diesem Zusammenhang zu bedenken. Gleiches gilt auch für die angedachte Nivellierung regionaler Vergütungsunterschiede im ambulanten Bereich.

Aus dem Koalitionsvertrag: „Für die verschiedenen Möglichkeiten zur Vereinbarung von integrierten und selektiven Versorgungsformen […] werden die rechtlichen Rahmenbedingungen angeglichen und bestehende Hemmnisse bei der Umsetzung beseitigt.“

Bewertung: Sicherlich ist es nur zu begrüßen, dass die immer noch bestehenden sektoralen Schnittstellen abgebaut werden. Selektive Verträge mit Fokus auf Qualität und Wirtschaftlichkeit sind dabei ein wichtiger Schritt. Es darf in diesem Zusammenhang jedoch nicht vergessen werden, dass hierfür unter anderem auch an einer stärkeren Harmonisierung sektoraler Vergütungssysteme gearbeitet werden muss. Die Leistungen nach § 116b SGB V werden beispielsweise im Koalitionsvertrag kurz angesprochen, doch fehlen konkrete Hinweise darauf, welche Schritte hier beabsichtigt sind. Ähnliches gilt für intersektorale Versorgungsformen. Hier sind Lockerungen im Bereich der Medizinischen Versorgungzentren vorgesehen, beispielsweise dass „künftig […] auch arztgruppengleiche Medizinische Versorgungszentren zugelassen“ werden, ebenso wie ein stärkerer Ausbau der Telematik. Dies ist zu begrüßen. Unklar ist, wieso beispielsweise die restriktiven Vorschriften des GKV-VStG in Bezug auf die Rechtsformen von MVZs nicht rückgängig gemacht wurden. „Zur Förderung innovativer sektorenübergreifender Versorgungsformen und für die Versorgungsforschung“ soll „ein Innovationsfonds geschaffen“ werden, was an die vormalige IV-Anschubfinanzierung erinnert. Das Setzen von ökonomischen Anreizen ist zwar richtig, doch sollte darauf geachtet werden, dass die sektorenübergreifenden Versorgungsformen auch ohne die Anschubfinanzierung für die Beteiligten anreizkompatibel sind.

Aus dem Koalitionsvertrag: „Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass nur Operationen durchgeführt werden, die auch tatsächlich medizinisch notwendig sind. Daher haben Patienten zukünftig regelhaft die Möglichkeit, eine Zweitmeinung bei einem weiteren Facharzt oder Krankenhaus einzuholen.“

Bewertung: Die beobachtbare Mengendynamik, vor allem in einzelnen Indikationsgebieten muss gelöst werden. Dies hat auch mit einer richtigen Setzung von Anreizen zu tun. Hierzu liegen aus der Wissenschaft sowie aus der Praxis schon eine Reihe von Lösungsvorschlägen vor (vgl. Augurzky et al. 2012, Beivers 2013). Empirische Studien belegen, dass Zweitmeinungsverfahren die Mengendynamik reduzieren können (vgl. Geraedts 2013, Mc Sherry et al. 1997). Daher ist dies ein Schritt in die richtige Richtung. Fraglich ist, in wie fern die Patientinnen und Patienten die Zweitmeinung in Anspruch nehmen, wenn es derart optional ist. Hier wäre beispielsweise denkbar, dass das Einholen einer unabhängigen Zweitmeinung Einfluss auf die Versicherungskonditionen hat, um hier auch die Patientinnen und Patienten an der Steuerung zu beteiligen. Vollkommen unklar hingegen ist, warum „Leistungen mit nachgewiesen hoher Qualität […] von Mehrleistungsabschlägen ausgenommen werden“ können. Eine Berücksichtigung der Qualität bei der Vergütung ist zwar – wie bereits ausgeführt – zu begrüßen, doch es erscheint unlogisch, dies auf die Mehrmengenproblematik zu beziehen. Demnach würden medizinisch unnötige Leistungen mit guter Qualität belohnt. Was würden dann in diesem Zusammenhang Abschläge für schlechte Qualität bedeuten: einen „Schlechtleistungsrabatt“? Dies kann kein geeigneter Steuerungsmechanismus sein, um hier zu einer Lösung des Mengendynamik-Problems zu gelangen.

3. Themenkomplex „Prävention“

Aus dem Koalitionsvertrag: „Wir werden noch 2014 ein Präventionsgesetz verabschieden, das insbesondere die Prävention und Gesundheitsförderung in Lebenswelten wie Kita, Schule, Betrieb und Pflegeheim und die betriebliche Gesundheitsförderung stärkt und alle Sozialversicherungsträger einbezieht.“

Bewertung: Der durchschnittliche Deutsche lebt vergleichsweise ungesund. Bei der Anzahl der Raucher als auch beim Alkoholkonsum liegt Deutschland höher als der Durchschnitt. Auch beim Sporttreiben erreichen die Deutschen gerade mal einen mittleren Platz. Beim Übergewicht liegen die Deutschen auf einem mittleren Platz 15 [von 40] (vgl. OECD 2013). Prävention spielt derzeit in Deutschland eine zu geringe Rolle; die angewandten Methoden sind offensichtlich nicht ausreichend und nicht effektiv. Daher ist es sehr zu begrüßen, dass dieses Thema im Koalitionsvertrag eine exponierte Stellung erhält. Es bleibt abzuwarten, welche Maßnahmen im Lauf der Legislaturperiode tatsächlich umgesetzt werden. Prävention kostet Geld. Was etwas unsicher macht: Die Passage zur Finanzierung stärkerer Präventionsbemühungen wurde aus dem Koalitionsvertrag gestrichen.

4. Themenkomplex „Pflege“

Aus dem Koalitionsvertrag: „Wir wollen die Pflegebedürftigkeit besser anerkennen, um die Situation der Pflegebedürftigen, von Angehörigen und Menschen, die in der Pflege arbeiten, zu verbessern. Dazu wollen wir den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff auf der Grundlage der Empfehlungen des Expertenbeirates in dieser Legislaturperiode so schnell wie möglich einführen.“

Bewertung: Eine neue und verbesserte Definition der Pflegebedürftigkeit ist ein zentrales Element, um die Versorgung der Patientinnen und Patienten auch zukünftig bedarfsgerecht zu gestalten. Der Koalitionsvertrag nennt hierbei eine Reihe wichtiger Punkte, insbesondere bei der Versorgung „Demenzerkrankter“, der Einbeziehung von Angehörigen auf verschiedenen Ebenen und der Neuausrichtung der Ausbildungsberufe. Ob letzteres aus fachlicher Sicht zielführend ist, muss von Pflegewissenschaftlern beurteilt werden. Die meisten Punkte sind leider nur oberflächlich angesprochen, wenngleich bekannt ist, dass es insbesondere bei der Frage der Definition der Pflegebedürftigkeit noch einige (methodische) Fragestellungen gibt. Ähnliches gilt es auch für die Finanzierung festzuhalten. Die Erhöhung des paritätischen Beitragssatzes zur Pflegeversicherung, „spätestens zum 1. Januar 2015 um 0,3 Prozentpunkte“ löst die schon mittelfristigen, strukturellen Finanzierungsprobleme der gesetzlichen Pflegeversicherung keinesfalls. Auch der „Aufbau eines Pflegevorsorgefonds“ kann hier nur einen sehr geringen Anteil leisten.

5. Themenkomplex „Finanzierung“

Aus dem Koalitionsvertrag: „Der allgemeine paritätisch finanzierte Beitragssatz wird bei 14,6 Prozent festgesetzt, der Arbeitgeberanteil damit bei 7,3 Prozent gesetzlich festgeschrieben. Die gesetzlichen Krankenkassen erheben im Wettbewerb den kassenindividuellen Zusatzbeitrag zukünftig als prozentualen Satz vom beitragspflichtigen Einkommen. Der heute vom Arbeitnehmer alleine zu tragende Anteil von 0,9 Beitragssatzpunkten fließt in diesen Zusatzbeitrag ein.“

Bewertung: Auch wenn mehr Beitragssatzautonomie für die Kassen als gut zu bewerten ist, ist die Aussage des Koalitionsvertrages in diesem Punkt schwierig zu interpretieren. So bleibt es bei der vorliegenden Formulierung offen, ob der neue kassenindividuelle, prozentuale Zusatzbeitrag vom Arbeitgeber eingezogen werden soll (Szenario 1) oder von der jeweiligen Krankenasse selbst, wie jetzt im Status quo (Szenario 2). Auch ist unklar, ob der neue prozentuale Zusatzbeitrag pro Krankenkasse mindestens 0,9% oder mehr betragen soll, oder ob ggf. die Krankenkassen auch ganz auf die 0,9% verzichten können (was jedoch ein unrealistisches Szenario ist). Bei dem Einzug des „neuen Zusatzbeitrages“ via Szenario 1 wäre dies wie im System vor dem Gesundheitsfonds und würde dazu führen, dass die Beitragssatzunterschiede der Kassenkassen untereinander wieder kaum mehr preisreagible Effekte bei den Mitgliedern hätten. Damit würde jedoch der Gesundheitsfonds in einem seiner ursprünglich zentralen Ziele obsolet. Auch stellt sich in diesem Szenario die Frage, wie die Krankenkassen ihre jeweils individuellen Zusatzbeiträge unter Beibehaltung des Gesundheitsfonds direkt erhalten sollen. Bei Szenario 2 hingegen würden für die Krankenkassen enorme Transaktionskosten entstehen, wie bereits die Erfahrungen mit dem Einzug des jetzigen Zusatzbeitrages gezeigt haben. Dies kann auch nicht zielführend sein. Demzufolge scheint in Bezug auf die jetzt noch zweideutige Formulierung Änderungs- bzw. Konkretisierungsbedarf vorhanden zu sein.

Fazit

"Der Koalitionsvertrag weist tendenziell in die richtige Richtung", resümieren Prof. Dr. Andreas Beivers und Prof. Dr. Volker Penter.

„Der Koalitionsvertrag weist tendenziell in die richtige Richtung“, resümieren Prof. Dr. Andreas Beivers und Prof. Dr. Volker Penter.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Koalitionsvertrag viele wichtige Punkte anspricht und tendenziell in die richtige Richtung weist. Problematisch erscheint, dass die meisten konkreten Umsetzungsfragen vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) geklärt werden sollen. Wie der GBA dies mit seiner personellen Ausstattung bewerkstelligen soll, ist sehr fraglich. Auch ist generell anzumerken, dass viele Themen bereits in einer ähnlichen Weise schon im GKV-Versorgungsstrukturgesetz angesprochen wurden.
Im Bereich der Ambulanten Versorgung bleibt fraglich, ob der erwünschte Abbau von Überkapazitäten durch einen Aufkauf von Arztsitzen via der KVen Aussicht auf Erfolg hat. Auch scheinen die angedachten Neuerungen bei der fachärztliche Terminvergabe eher zu einem aktionistischen Bürokratieaufbau zu führen, als die ambulante fachärztliche Versorgung dadurch wirklich zu verbessern. Im Bereich der Krankenhausversorgung ist die angesprochene Weiterentwicklung der Krankenhausplanung mit Fokus auf Qualität und Erreichbarkeit positiv zu bewerten. Leider fehlen konkrete Aussagen über die Zukunft der Investitionskostenfinanzierung. Nachbesserungsbedarf besteht v.a. bei der vorgesehen Homogenisierung der Landesbasisfallwerte wie auch bei der Lösung der Mengendynamik, obgleich die Einführung eines optionalen Zweitmeinungsverfahren in die richtige Richtung weist. Sinnvoll erscheinen die Anregungen zu selektiven Verträgen wie auch der stärkere Fokus auf die Notfallversorgung. Hier ist es jedoch noch wichtig, die jeweiligen Vergütungssysteme neu zu justieren. Wie es im Bereich des PEPP-Entgeltes weitergeht, lässt der Koalitionsvertrag sehr offen. Leider ist der Investitionsfonds zur Umwandlung von Krankenhausstandorten nicht in den Koalitionsvertrag aufgenommen worden. Er wäre ein richtiger und wichtiger erster Schritt gewesen, um unwirtschaftliche stationäre Kapazitäten besser auf den veränderten Versorgungsbedarf einzustellen. Noch bleibt die Hoffnung, dass die zukünftige Regierung diese Idee dennoch umsetzt. Bei der Pflege werden zwar Strukturreformen richtigerweise angesprochen und die Neudefinition des Pflegebedürftigkeitsbegriffes in den Mittelpunkt gestellt, doch können die vorgesehenen Beitragssatzerhöhungen der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht die strukturellen Finanzierungsprobleme lösen. Hier kann auch der angedachte Pflegevorsorgefonds das umlagefinanzierte System nicht nachhaltig absichern. Im Bereich der Finanzierung ist vor allem die angedachte Änderung der Zusatzbeiträge näher zu konkretisieren. In der jetzigen Formulierung lässt es sich nicht erschließen, welche Steuerungseffekte dadurch ausgehen, wie die Krankenkassen konkret mehr Beitragssatzautonomie erhalten und ob dadurch nicht der Gesundheitsfonds obsolet wird.

[quellen]Literatur

Augurzky, B, Felder, S., Wasem, J. (2012), Mengensteuerung über das G-DRG-Preissystem, in: Klauber, J., Geraedts, M., Friedrich, J., Wasem, J. [Hrsg.], Krankenhaus-Report 2013, Schwerpunktthema Mengendynamik: mehr Menge, mehr Nutzen?, Schattauer Verlag, S. 175-187, Stuttgart.

Augurzky, B., Beivers, A. (2011), Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz: Richtung richtig, Umsetzung unklar, RWI Position #48 vom 8. Februar 2012, Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen.

Beivers, A. (2010), Ländliche Krankenhausversorgung in Deutschland: Eine gesundheitsökonomische Analyse, Europäische Hochschulschriften, Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt a. Main.

Beivers, A. (2013), Ordnungspolitisches Spannungsfeld der deutschen Krankenhausversorgung am Beispiel der Mengensteuerung: Lösungsansätze unter Anwendung der ökonomischen Theorie, in: Kurscheid, C. & Beivers A. (2013), Lehrbuch Gesundheits- und Sozialpolitik, Kohlhammer Verlag, Stuttgart.

Geraedts, M. (2013), Die ärztliche Zweitmeinung bei der Therapiewahl, in: Klauber, J., Geraedts, M., Friedrich, J., Wasem, J. [Hrsg.], Krankenhaus-Report 2013, Schwerpunktthema Mengendynamik: mehr Menge, mehr Nutzen?, Schattauer Verlag, S. 215-221, Stuttgart.

Kassenärztliche Bundesvereinigung [KBV] (2013), Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 2013 durchgeführt von der FGW Forschungsgruppe Wahlen Telefonfeld GmbH, April / Mai 2013, Mannheim.

Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD (2013), „Deutschlands Zukunft gestalten“, veröffentlicht am 27.11.2013, Berlin, siehe auch: http://www.cdu.de/koalitionsvertrag

KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft [KPMG] (2013), Qualität und Wirtschaftlichkeit im deutschen Gesundheitssystem, Berlin 2013.

Mc Sherry, C. K., Chen, P. J., Worner, T. M., Kuperstein, N., Mc Carthy, E. G. (1997), Second surgical opinion programs: dead or alive?, in: Journal of the American College of Surgeons, Vol. 185 (5), S. 451-456, Chicago.

Neubauer, G., Beivers, A, Paffrath, D. (2011), Die Zukunft der Vergütung von Krankenhausleistungen, in: Klauber, J., Geraedts, M, Friedrich, J., Wasem, J. [Hrsg.], Krankenhausreport 2011, Qualität durch Wettbewerb, Schattauer Verlag, Seiten 149-160, Stuttgart.

OECD (2013), Health at a Glance: OECD Indicators 2013, OECD Publishing.

Ott, A. E. (1992), Grundzüge der Preistheorie, 3., überarbeitete Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen.[/quellen]

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Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

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