Gesundheit, Therapie und Soziales

Scheinbar gut versorgt

von Redaktion, am 09.07.2013

Im gesundheitlichen Notfall muss man in Deutschland eigentlich keine Angst haben: 98 von 100 Deutschen erreichen in 20 Minuten oder weniger das nächste Krankenhaus. Doch was erwartet sie dort? Nicht ausreichend qualifiziertes Notfallpersonal – zumindest in einigen ländlichen Krankenhäusern sei dies der Fall, berichtet Prof. Dr. Andreas Beivers, Studiendekan Health Economics an der HS Fresenius München. In einem aktuellen Beitrag weisen er und zwei Kollegen auf diese Missstände hin und zeigen Wege auf, sie zu beseitigen. Ihre Ideen haben sie nun dem Bayerischen Landgesundheitsrat präsentiert.

Auf 1 Millionen Deutsche kommen rund 25 Krankenhäuser. Damit verfügt Deutschland über eine vergleichsweise hohe Krankenhausdichte, landet nach einem OECD-Bericht weltweit auf Rang sechs. Zudem sind die Kliniken auch noch sinnvoll verteilt: 75 Prozent der Deutschen erreichen das nächste Krankenhaus innerhalb von 10 Minuten, 98 Prozent innerhalb von 20 Minuten.

„Das sind auf den ersten Blick natürlich tolle Zahlen“, gibt Prof. Dr. Andreas Beivers, Studiendekan Health Economics an der HS Fresenius München, zu. Doch nicht jedes der knapp 2050 Krankenhäuser in Deutschland ist eben optimal ausgestattet. „Vor allem bei der Notfallversorgung wird das deutlich“, so der Gesundheitsexperte. Denn um beispielsweise lebensbedrohlich Verletzte oder Herzinfarktpatienten zu behandeln, bedarf es bestimmter personeller und technischer Ressourcen – „und daran mangelt es gerade im ländlichen Raum immer öfter“, weiß Beivers.

Dort nämlich schrumpft die Bevölkerung, die Krankenhäuser haben immer weniger Patienten – und dadurch weniger Einnahmen. Laut dem Krankenhaus Rating Report 2013 ist die wirtschaftliche Lage der ländlichen Krankenhäuser deshalb besonders prekär. Investitionen, zum Beispiel in neue Sofortdiagnostik-Geräte für die Notfallversorgung, können nur schwer getätigt werden. Jungen, gut ausgebildeten Ärzten können nicht ausreichend finanzielle Anreize geboten werden, um der Stadt den Rücken zu kehren.

Wenn Kliniken mehr versprechen als sie halten können: Die Gefahr einer scheinbaren Versorgungssicherheit

In einem Aufsatz haben Beivers und seine Kollegen Dr. Boris Augurzky und Prof. Dr. Christoph Dodt nun nochmal auf diese Probleme hingewiesen. Die Autoren fordern darin das Recht des Patienten „auf eine überall gleichwertige qualitativ hochwertige Behandlung“ ein – und das sei im Moment eben nicht verwirklicht, auch wenn die hohe Krankenhausdichte auf den ersten Blick den Anschein erweckt. Beivers spricht deswegen von einer „scheinbaren Versorgungssicherheit“.

Um aus dieser scheinbaren eine reale Versorgungssicherheit zu machen, haben seine Kollegen und er ein paar Vorschläge ausgearbeitet. So fordern sie zum Beispiel die Akteure, die bei einer Notfallbehandlung involviert sind, dazu auf, besser zusammenzuarbeiten: Kassenärztliche Bereitschaftspraxen sollten sich mit Krankenhäusern Personal, Räume und Gerätschaften teilen und einen fachlichen Austausch pflegen. Die dabei entstehenden Synergien könnten sich positiv auf die Qualität der Behandlung auswirken.

Außerdem seien Reformen im Vergütungssystem notwendig: Hier erhalten Krankenhäuser aktuell noch Abschläge, wenn sie keine stationäre Notfallversorgung anbieten, aber keine Zuschläge, wenn sie sich in angemessener Weise beteiligen. Das seien „ökonomische Fehlanreize“, die dazu führten, „dass immer mehr Krankenhäuser versuchen, sich aus der Notfallaufnahme zurückzuziehen“, heißt es im Artikel.

Warnt vor einer "scheinbaren Versorgungssicherheit": Prof. Dr. Andreas Beivers.

Warnt vor einer „scheinbaren Versorgungs-sicherheit“: Prof. Dr. Andreas Beivers.

Eine hochwertige Notfallversorgung zu garantieren – das ist auch eine Frage der Logistik

Nicht immer kann ein Notfallpatient also in der nächstgelegenen Klinik auch entsprechend versorgt werden. Beivers und seine Kollegen schlagen deshalb vor, auch in die logistische Infrastruktur zu investieren: „Wenn der Patient schon nicht vor Ort in der Klinik versorgt werden kann, dann sollte wenigstens ein Hubschrauber in der Nähe sein, mit dem ein Weitertransport möglich ist“, sagt Beivers.

An diesen Stellschrauben müsse man drehen, fasst der Gesundheitsökonom zusammen. Ob seine Empfehlungen auch umgesetzt werden, bleibt abzuwarten – angehört jedenfalls werden sie: zusammen mit Prof. Dr. Christoph Dodt, einem der Mitautoren, hat Beivers die Ideen zur „Neujustierung der Notfallversorgung“ am 08. Juli dem Bayerischen Landgesundheitsrat vorgestellt.

[quellen]Der Artikel „Neujustierung der Notfallversorgung durch Zentralisierung“ von Prof. Dr. Andreas Beivers, Dr. Boris Augurzky und Prof. Dr. Christoph Dodt erscheint in der kommenden Ausgabe von „führen und wirtschaften im Krankenhaus“.[/quellen]

ÜBER DEN AUTOR

Redaktion
Die adhibeo-Redaktion veröffentlicht regelmäßig Artikel zu verschiedensten Themen der Angewandten Wissenschaften, die an der Hochschule Fresenius stattfinden.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.