Gastbeitrag

Innovativ – Global – Erfolgreich: Gründungen in den Culture and Creative Industries

Kultur und Konsum, Kreativität und Kommerz. Wer jetzt der Meinung ist, das passt so überhaupt nicht zusammen, ist zumindest mal nicht alleine auf weiter Flur. Allerdings beweisen die Gründerinnen und Gründer, Freiberufler und Unternehmen der „Culture and Creative Industries“ (CCI), dass es nicht nur starken Unternehmergeist in der Kultur- und Kreativwirtschaft gibt, sondern auch komplett disruptive und neue unternehmerische Ansätze. Das zeigt Dr. Christian Lengfeld von der Hochschule Fresenius in seinen Forschungen und Publikationen. Im Gastbeitrag für adhibeo gibt er einen Einblick in die Charakteristika unternehmerischer Akteure der CCI und die Herausforderungen von morgen.  

Die wissensbasierte Form des Marktes

Das wichtigste vorneweg: Die Culture and Creative Industries (CCI) – oder zu deutsch auch Kultur- und Kreativwirtschaft – leisten einen enormen Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum, der Beschäftigung und der regionalen Entwicklung. In der EU erwirtschafteten die Akteure der CCI im letzten Jahr über 4 Prozent des europäischen BIP und beschäftigten mehr als 7,8 Millionen Menschen. Auch in Deutschland sind die CCI ein Treiber: Über 1,1 Millionen Voll-Erwerbstätige können sie aufweisen. Allein in Berlin gibt es über 60.000 Unternehmen der CCI. Zudem erreichte die Branche hierzulande knapp 100 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und ist damit der drittgrößte Sektor hinter der Automobil- und Maschinenbauindustrie.

Streng genommen sind die CCI eine Zusammenführung von wirtschaftlichen Sektoren, basierend auf gemeinsamen Merkmalen aus bspw. Kultur, Kreativität, Innovation oder Technologie. Im Zentrum steht aber der schöpferische Akt der Akteure der CCI und eben die Vermarktung bzw. die Wirtschaftlichkeit. Zusammengefasst beschreiben die CCI die durch Kreativität und geistiges Eigentum generierten, produzierten und kommerzialisierten kreativen und kulturellen Inhalte. Zu hölzern? Vielleicht. Aber das ist genau das, was die Teilbereiche der CCI wie bspw. die Film- und Musikindustrie, der Design- und Architektursektor, die darstellende und bildende Kunst oder die Werbe- und Software-/Games-Industrie ausmacht. Nicht umsonst werden diese Bereiche als die wissensbasierte Form des Marktes beschrieben, die ihre Motive und Orientierung auf den schöpferischen Akt fokussieren, der Ausdruck in materiellen Produkten, aber überwiegend in Dienstleistungen findet.

Die CCI als vernetzter Gründungsmotor

Die Teilbereiche der CCI sind besonders aktiv in Sachen Selbstständigkeit und Gründungen. Dies liegt zum einen an den niedrigen Eintrittsbarrieren in diesen Branchen und zum anderen an der geringen Anzahl an vorhandenen festen und unbefristeten Beschäftigungsangeboten. Verglichen mit anderen Wirtschaftsbereichen haben unternehmerische Akteure in den CCI sehr häufig akademische Abschlüsse. Diese Abschlüsse sind fachbezogen und obligatorisch für die beruflich-professionelle Laufbahn. Da es aber vergleichsweise wenig feste Beschäftigungsverhältnisse gibt – man spricht hier von prekären Beschäftigungsverhältnissen – werden Absolventen oftmals direkt in eine Selbständigkeit „geschubst“. Aus dem Missstand wird eine Tugend.

Demzufolge sind Unternehmen der CCI auch geprägt von hoher Kleinteiligkeit, hervorgehend aus der großen Anzahl an selbstständigen Solo-Start-ups, aber auch aus der sehr hohen Teilung der Wertschöpfung innerhalb der Teilbereiche der CCI und der damit einhergehenden starken Fokussierung der Akteure auf genau ihr Fachgebiet.

Aber was macht Gründungen in den CCI besonders und anders im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen? Drei Dinge schauen wir uns mal genauer an: Netzwerke, Innovationen und Born Globals.

Eines der wichtigsten Charakteristika der unternehmerischen Akteure der CCI ist das Netzwerk bzw. der besonders hohe Grad an persönlichen Netzwerk- und Community-Formationen. Netzwerke sind eine wichtige Quelle für kreative Impulse, soziale sowie auch wirtschaftliche Kontakte, aber darüber hinaus auch eine Plattform zur Akquise von Kunden, Lieferanten und Partnern. Die Netzwerkszene fördert ein kollektivistisches Arbeiten in den CCI, was Unsicherheiten reduziert und Kreativität multipliziert. Spannend und einzigartig in diesen Sektoren! Nicht ohne Grund formieren sich diese Netzwerke in Metropolregionen und urbanen Ballungszentren wie Berlin, Tel-Aviv oder Hong-Kong.

Ein weiteres wichtiges Merkmal ist die überdurchschnittliche Innovationskraft der CCI – sowohl in technologischen als auch nicht-technologischen Bereichen. Knapp zwei Drittel der CCI-Start-ups generieren mindestens einmal eine Marktneuheit als Produkt oder Dienstleistung, wobei Teilbereiche wie Software, Games, Design und Film noch weitaus höhere Innovationswerte aufweisen. Allerdings gibt es hierbei auch enorme Lücken hinsichtlich eines CCI-spezifischen Innovationsbegriffes und spezieller Copyright-Regularien für geistiges, kulturelles und kreatives Eigentum. Gerade bei der Bewertung und dem Schutz von zumeist immateriellen Leistungen der CCI schafft dies erhebliche Unsicherheiten. Ist Kunst-Design schutzfähig, wie kann ein Game patentiert werden, welche Regularien gelten für das geschriebene Wort?

Spannend ist zudem, dass die Wertschöpfungen der CCI einen hohen globalen und demnach niedrigen lokalen Adaptionsgrad aufweisen. Was heißt das?! Schauen wir uns einmal die Bereiche Musik, Film, Game und Kunst an: Der globale Adaptionsgrad zeigt, dass die Produkte und Dienstleistungen dieser Bereiche insbesondere durch Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien für eine globale Zielgruppe und weltweite Distribution geeignet sind. Start-ups und Unternehmen zeigen eine enorme Affinität in der Nutzung dieser Medien bei der Erstellung und der Verbreitung ihrer Leistungen – und das von Beginn ihrer unternehmerischen Tätigkeiten an. Demnach sind unternehmerische Akteure der CCI sehr häufig auch sogenannte Born Globals – also Start-ups, die bereits in der ersten Phase ihres Lebenszyklus eine internationale Ausrichtung verfolgen und auf globalen Märkten aktiv sind. Die Born-Global-Forschung nimmt daher neben Sektoren wie der High-tech-Branche oder der Bio-Chemie-Industrie besonders Sektoren der CCI mit ihren disruptiven Geschäftsansätzen ins Visier.

Fazit: Die CCI sind kleinteilig und unternehmerische Akteure ziehen ihre Impulse und Kreativität aus nationalen und internationalen Netzwerken. Der hohe Innovationsgrad zeichnet diese Sektoren aus und fördert durch eine globale Adaption der Wertschöpfung den internationalen Zielgruppenaufbau und die Verteilung.

Intellectual Capital schützen und unternehmerische Kompetenzen stärken!

Fragt man die unternehmerischen Akteure der CCI, gibt es eine Vielzahl an Themen die angepackt werden müssen. Quantitative Betrachtungen, internationale Studien und eine breite Forschung kann und soll dies unterstützen. Das Forschungsfeld in den CCI ist zwar noch immer eher ein Randbereich, aber wie auch die Wirtschaftssektoren der CCI enorm wachsend und diversifiziert. So sollte die Praxis gemeinsam mit der Forschung insbesondere Meilensteine und Erkenntnisse in den folgenden drei Bereichen unterstützen: Intellectual Property, Entrepreneurial Education und globale Geschäftsmodelle.

Der Schutz von Urheberrechten (Intellectual Property), fehlende Patentierstandards, der Schutz von Design- und Geschmacksmustern sowie fehlende Standards für Markenrechte für die wissensbasierten Teilbereiche der CCI sind ein kritisches Hemmnis. Sogenannte Hidden Innovation verdeutlicht diese Problematik. Diese nicht offensichtlichen Innovationen und Neuheiten von u.a. Produkten, Dienstleistungen sowie Geschäftskonzepten und -strukturen sind durch die klassische Innovationsdefinition nur bedingt abgebildet.

Eine weitere Herausforderung ist die unternehmerische Ausbildung. Forschungen zeigen, dass Akteure der CCI einen niedrigen Level an unternehmerischen Skills aufweisen, zudem Lücken in methodischen und Management-Skills vorhanden sind und nur ein geringes betriebswirtschaftliches Grundwissen existiert. Dies deutet aufgrund der hohen Quote an Akademikern in den CCI auf breite Missstände bei der Vermittlung dieser Skills an Hochschulen und Universitäten hin. Eine interdisziplinäre Entrepreneurial Education sollte in allen CCI-Studiengängen kein added Value, sondern schon längst Standard sein! Gerade Hochschulen mit ihrer transferorientierten Lehre und Forschung müssen Maßstäbe setzen.

Ein letztes Feld umfasst die internationale Ausrichtung der CCI-Start-ups. Das Forschungsfeld zu Born Globals fand gerade in den letzten Jahren durch Unternehmen wie Airbnb, Spotify & Co. enorme Beachtung. Born Globals sind jung, international und wachsen schnell – ebenso wie das Forschungsgebiet selbst. Erkenntnisse hieraus helfen unternehmerischen Akteuren, Verbänden und Finanzinstitutionen der Sektoren, aber auch der Politik. Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen und effektiven Förderung der CCI sind hier nur ein Beispiel. Und was ist mit „Grown Globals“ – also Start-ups mit dem Sprung in den nächsten Lebenszyklus?

Abschließend sei angemerkt, dass es neben den genannten Bereichen weitaus mehr praktische und forschungsrelevante Handlungsbedarfe in den CCI gibt. Sei es die Stärkung und Förderung von formellen und informellen Finanzierungsinstrumenten, der Abbau von Informationsasymmetrien oder auch die Verfügbarkeit von (bezahlbarem) Raum und kreativer Fläche in Städten und Metropolregionen. Es bleibt extrem spannend und sicher immer erkenntnisreich.

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