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„Es kommt auf die Mischung an“ – Neustarts zwischen Perfektionismus und Fehlerakzeptanz

Die meisten Menschen nutzen den Beginn eines neuen Jahres dazu, Verhaltensweisen zu ändern, alte Gewohnheiten abzulegen, Pläne zu schmieden oder gar einen Neuanfang im Job oder Privatleben zu wagen. Auch wenn man beispielsweise eine innovative Geschäftsidee hat, kostet ein Neustart viel Kraft, Willensstärke, Ausdauer und eine gute Organisation. Angesichts der großen Veränderungen können Zweifel oder Ängste vor Fehlern aufkommen. Ob der Hang zum Perfektionismus hinderlich oder eher förderlich ist, um das angestrebte Ziel zu erreichen, erklärt Dr. Yvonne Glock, Psychologin und Dozentin an der Hochschule Fresenius in Hamburg, im adhibeo-Interview.

Für das neue Jahr nehmen wir uns meistens viel vor. Manche wollen sogar ihr gesamtes Leben umkrempeln, sich selbständig machen oder einen neuen Job suchen. Der Neustart sollte möglichst reibungslos und perfekt verlaufen. Doch häufig setzen Menschen ihre Vorhaben doch nicht in die Tat um. Welche Gründe gibt es dafür? Warum tun wir uns so schwer damit?

Wie man im Volksmund immer so schön sagt, ist der Mensch ein Gewohnheitstier. Das heißt, Verhalten und Gewohnheiten lassen sich nur schwer und schon gar nicht schnell ändern. Dies führt dazu, dass die zunächst so gut gedachten neuen Vorhaben nur in den ersten Tagen zu einer Änderung des eigenen Verhaltens führen, man dann aber schnell zu alten Verhaltensmustern zurückkehrt. Unser Verhalten hat sich über die Jahre hinweg entwickelt und es haben sich gewisse Routinen etabliert, die uns in der Regel zumindest eine Zeit geholfen haben, den Alltag gut und viele Dinge schnell zu meistern. Daher fällt es uns so schwer, diese eingespielten, implizit ablaufenden Prozesse von jetzt auf gleich loszuwerden. Gerade unter stressigen Bedingungen fällt man in diese Routinemuster zurück, um den Alltag bewältigen zu können.

Ein weiterer Aspekt, der Verhaltensänderungen häufig scheitern lässt, ist, dass die gesteckten neuen Vorsätze unrealistisch geplant sind. Ziele müssen SMART sein. Diese Abkürzung steht für spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Das heißt, wenn wir einen Neustart wagen wollen, müssen wir uns sehr genau überlegen, was unser Ziel sein soll und dies möglichst präzise planen. Zudem sollten wir uns überlegen, bis wann wir das Ziel erreicht haben wollen. Das bedeutet, wir sollten uns Zwischenziele setzen und uns im Vorfeld überlegen, woran wir erkennen können, dass wir unser Ziel bzw. unsere Meilensteine erreicht haben. Dies sollten wir dann selbstverständlich auch überprüfen. Wichtig bei der Zielsetzung ist, dass diese realistisch ist, so dass das Ziel auch wirklich realisierbar ist, und, dass es für uns attraktiv ist. Wenn das, was das Ziel als erstrebenswert erscheinen lässt (Nutzen), geringer ausfällt als das, was wir hierfür in Kauf nehmen müssen (Kosten), dann liegt auf der Hand, dass binnen kurzer Zeit die Zielverfolgung nicht mehr stattfindet.

Welche Rolle spielt Selbstdisziplin?

Auch ein Mangel an Selbstdisziplin kann Neustarts scheitern lassen. In der Persönlichkeitspsychologie hat sich das sogenannte Big-Five-Modell der Persönlichkeit als ein Standardmodell zu Beschreibung der menschlichen Persönlichkeit herauskristallisiert. Zu den Big Five zählen Offenheit für Erfahrungen, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus und Gewissenhaftigkeit. Zur Gewissenhaftigkeit wiederum zählen auch der Perfektionismus und die Selbstdisziplin. Verschiedene Studien belegen, dass allerdings nur sehr wenige Menschen als ausgesprochen gewissenhaft und damit auch als sehr selbstdiszipliniert beschrieben werden können.

Hindert Perfektionismus Menschen eher daran, ihre Ideen zu verwirklichen? Oder sind Menschen mit einer Hingabe zum Detail erfolgreicher?

Die Frage lässt sich so klar nicht beantworten, es kommt auf die Mischung an. Perfektionismus kann in extremer Ausprägung in der Tat hinderlich sein und sogar bis zur Handlungsunfähigkeit führen. Ausgesprochen perfektionistische Menschen könnten im Worst Case so lange an ihrer Idee feilen und das Vorgehen immer weiter optimieren, dass dies dazu führt, dass die Idee nie umgesetzt wird, da ja doch immer noch etwas verbessert werden kann oder irgendwann andere Menschen mit weniger perfektionistischen Bestrebungen ihre Idee zuerst umsetzen.

Zu wenig Perfektionismus auf der anderen Seite führt dazu, dass die Gefahr, mit einer neuen Idee zu scheitern, steigt. Durch das weniger durchdachte Agieren und Prüfen möglicher Stolpersteine, können es gerade die nicht beachteten Details sein, die dazu führen, dass eine Idee nicht realisiert werden kann.

„Aus Fehlern lernt man“, so heißt es. Warum haben wir Angst davor, Fehler zu machen?

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der bis vor Kurzem noch wenig Platz für Fehler eigenräumt wurde. Von Kindesbeinen an haben wir gelernt, unser Verhalten und unsere Leistungen zu perfektionieren und Fehler zu kaschieren, weil diese geahndet werden. Das Schulsystem hatte in der Vergangenheit eine sehr geringe Toleranzschwelle für Fehler. Fehler wurden sowohl in der Schule, der Ausbildung, dem Studium und auch zumeist im Beruf geahndet, daher entsteht als logische Konsequenz eine Angst vor diesen „Bestrafungen“. Da es hier – ganz im Sinne der klassischen Konditionierung – eine stetige Kopplung der Ahndung mit den Fehlern gibt, führt dies dazu, dass nach mehreren Kopplungen ein Fehler alleine zur Angst führt und dies wiederum als Konsequenz zu einer Angst davor, Fehler zu begehen.

Inzwischen findet zumindest in Teilen der Arbeitswelt eine Abkehr von der strikten Null-Fehlertoleranz satt. Durch den zunehmenden Druck, Veränderungen voranzutreiben und innovativ zu sein, wurde scheinbar erkannt, dass aus dem Scheitern und Zulassen von Fehlern gelernt werden kann. Kaum eine Erfindung kam ohne diverse Fehlversuche zustande. So soll beispielsweise Edison, Erfinder der Glühbirne, 9.500 Kohlefäden ausprobiert haben, bis er den richtigen fand.

Welche Strategien empfehlen Sie für eine gute Balance zwischen Anspruch und Umsetzung?

Die angesprochene SMART-Regel. Es sollte mit kleinen oder zumindest mit Zwischenzielen begonnen werden und ein Schritt nach dem nächsten erfolgen. Dann sind wir auch trotz unseres inneren Wunsches nach Altbewährtem in der Lage, unsere Routinen hinter uns zu lassen und Verhaltensänderungen zu bewirken.

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