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Von 0 auf international erfolgreich: Born Globals

Wer den Begriff „Born Globals“ das erste Mal hört, denkt vielleicht an Weltenbummler oder Digitale Nomaden, an Menschen, die sich auf der ganzen Welt zu Hause fühlen. Tatsächlich versteht die Wirtschaftswissenschaft unter Born Globals Unternehmen, die bereits unmittelbar nach ihrer Gründung stark auf die Eroberung internationaler Märkte setzen. Im Vergleich zu klassischen Internationalisierungsstrategien ein eher ungewöhnliches Vorgehen, weiß Dr. Christian Lengfeld, Studiengangsleiter International Business Management (B.A.) an der Hochschule Fresenius in München. Wir haben mit ihm über die Besonderheiten der Born Globals und die Forschung in diesem Bereich gesprochen.

Seit wann gibt es Born Globals?

Das Phänomen, dass junge Unternehmen in einem sehr frühen Stadium auch auf internationalen Märkten agieren, erlebte in Europa in den frühen 70er Jahren einen ersten Schub. Grund hierfür war das Eintreten der Zollunion und somit der Wegfall von Preisnachteilen im internationalen Handel von Gütern und Dienstleistungen in der EU – ein Vorteil insbesondere in grenznahen Gebieten.

Der Begriff „Born Globals“ tauchte hingegen erstmals in den 90er Jahren, im Rahmen einer Publikation der Unternehmensberatung McKinsey zum Anstieg von Exporten junger Unternehmen aus Australien, auf. Man fand heraus, dass eine große Anzahl dieser New Ventures in einem sehr frühen Stadium Absatzwege außerhalb des lokalen Marktes suchte und etablierte. Gründe hierfür waren der im Verhältnis kleine Binnenmarkt in Australien und neue sich etablierende Kommunikationstechnologien über das Internet. Born Globals – also Unternehmen die nahezu von Beginn an auf internationalen Märkten einen großen Anteil ihres Geschäftes betreiben – waren „geboren“.

Die Treiber, Impulse und Formen, sich zu internationalisieren, haben in den vergangenen Jahrzehnten natürlich stark zugenommen und sich auch verändert. Dadurch ist das Interesse, von diesen Unternehmen zu lernen, deutlich gewachsen.

Wie sieht der klassische Internationalisierungsweg aus?

Neben enormen Wachstumschancen ist Internationalisierung auch mit finanziellen und existenziellen Risiken verknüpft. Daher waren es in der Vergangenheit meist die etablierten mittelständischen oder großen Unternehmen, die diesen Schritt unternommen haben und somit im Interesse der International-Management-Forschung standen. Johanson und Vahlne von der Universität Uppsala in Schweden beispielsweise befassten sich in den 70er Jahren grundlegend mit der Internationalisierung von Unternehmen. Sie fanden heraus, dass Faktoren, die wir als „Psychic Distance“ bezeichnen, einer schnellen und umfänglichen Internationalisierung von Unternehmen entgegenwirken. Zu diesen Faktoren zählen beispielsweise die Unterschiede in Sprachen und Kultur, in den politischen Systemen oder in den Entwicklungsständen der Volkswirtschaften.

Nehmen wir die Hotelkette Hilton als Beispiel. Heute ist sie ein globales Unternehmen mit über 500.000 Betten im Angebot – die Etablierung auf Märken außerhalb der USA erfolgte allerdings erst 1949, also 30 Jahre nach der Gründung. Ähnliches lässt sich auch bei Unternehmen wie General Motors, Ryanair oder Starbucks feststellen. Erst nach Jahren oder Jahrzenten der Etablierung in heimischen Märkten wurde die Internationalisierung gestartet. Aufgrund der „Psychic Distance“-Faktoren erfolgt eine traditionelle Internationalisierung zumeist Schritt für Schritt, einem Lernprozess folgend, den wir in der Wissenschaft unter „Learning Theory“ zusammenfassen.

Was machen Born Globals anders?

Gründer von Born Global Start-ups sind jung, gut ausgebildet und zumeist Digital Natives. Sie sind also mit den digitalen Technologien in ihrem Alltag aufgewachsen. Die Unternehmen sind klein, haben eine schlanke Kapitalstruktur und – basierend auf der „Learning Theory“ – ein geringes internationales Wissen. Aber: Neue agile Geschäftsmodelle, Produkte und insbesondere Dienstleistungen, die digitalen Absatzwege und global native Kunden dieser New Ventures unterscheiden sich massiv von klassischen Unternehmen der 70er und 80er Jahre, wodurch eine rapide und frühe Internationalisierung gerade im frühen Stadium des Life Cycles der Unternehmen auftritt.

Wie sehen denn die Geschäftsmodelle von Born Globals aus? Haben sie sich von den ersten Born Globals bis heute verändert?

Durchaus. Gerade in den frühen 90er Jahren noch beobachtete man die „Rapid Internationalization“ bei zahlreichen produzierenden New Ventures, insbesondere mit hohen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung. Die Treiber, sich zu internationalisieren, lagen schlichtweg in der Notwendigkeit der Amortisation von Investitionen und Aufwendungen. Je höher der nationale und eben internationale Absatz ist, desto schneller kann dieses Ziel erreicht werden – klassisch „Economy of Scale“.

In der heutigen Zeit gilt dies natürlich noch immer – insbesondere im High-Tech-Bereich. Tesla internationalisierte sich innerhalb nur eines Jahres und brachte den in 2008 mit enormen Entwicklungs- und Produktionskosten in den USA eingeführten Roadster direkt im Jahr 2009 auch nach Europa.

Höchst interessant sind allerdings die komplett neuen Industrien und Dienstleistungen, die sich aus der Digitalisierung, Technologisierung und künstlicher Intelligenz ergeben. Nehmen wir beispielsweise das in 2008 gegründete Online-Housing-Portal Airbnb: Nach nur knapp zwei Jahren Wachstum in den USA erfolgte die Expansion nach Europa (Hamburg) im Jahr 2010. Heute, nach nur knapp zehn Jahren, kann Airbnb global über zwei Millionen Betten über die Plattform anbieten. Die schon erwähnte Hotelkette Hilton begab sich erst nach 30 Jahren auf internationales Terrain und hat heute, nach ca. 100 Jahren, im Vergleich zu Airbnb gerade mal ein Viertel der Betten im Angebot.

Die bekanntesten Born Globals der heutigen Zeit sind neben Airbnb, UBER und Spotify auch globale soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. Erfolgsfaktoren für diese digitalen Geschäftsmodelle sind die niedrigen Kosten und enorme Reichweite der Internationalisierung. Daher sind es besonders Dienstleistungen im digitalen Bereich wie Fintech, Social- und Sharing-Netzwerke, Online-Shopping-Portale, aber auch zahlreiche Dienstleitungen der Creative Industries, wie beispielsweise Design, Musik, Film oder Werbung.

Wie viele Born Globals gibt es denn in der Gründerszene?

In Europa sprechen wir von 20 bis 30 Prozent aller Start-ups. Das ist aber regional sehr unterschiedlich. In Ländern mit einem kleinen Binnenmarkt ist der Anteil erheblich höher. So beispielsweise in Dänemark oder vielen osteuropäischen Ländern. Auch spielt die Start-up-Szene eine wichtige Rolle. In Berlin, Warschau oder London ist der Anteil aufgrund der Vielzahl an Start-ups mit digitalen Geschäftsmodellen aus dem Bereich Creative Industries, High-Tech oder Fintech um ein Vielfaches höher.

Aber auch die Vielzahl an unterschiedlichen Definitionen für Born Globals macht eine Aussage hierzu herausfordernd. Allein im europäischen Raum gibt es bis zu 15 Definitionen. Eurofund, die Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Europäischen Union, charakterisiert Born Globals beispielsweise als Unternehmen, die innerhalb von 3,5 Jahren nach Gründung mindestens 25 Prozent ihrer Umsätze im Ausland erzielen. Andere Definitionen umfassen die Anzahl der Kunden im Ausland oder auch einen engeren Zeitraum nach Gründung.

Nichtsdestotrotz steht fest: Die Anzahl von Unternehmen mit rapiden Internationalisierungen steigt und das ist spannend für Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und auch Politik.

Für welche Fragen rund um Born Globals interessiert sich die Forschung aktuell – und warum?

Sprachen wir früher von der Lerntheorie und der damit einhergehenden „Incremental Internationalization“ – also der Internationalisierung Schritt für Schritt, erst ein Land und dann das nächste – untersuchen wir heute die „Rapid and Early Internationalization“.

Spannend ist beispielsweise der Einfluss von künstlicher Intelligenz auf neue Geschäftsmodelle von Start-ups oder jegliche Ausprägungen der Industrie 4.0. Wenn wir heute nach Berlin, Tel Aviv, Bangkok oder „klassisch“ ins Silicon Valley schauen, sehen wir dort die Dienstleistungen und Produkte von morgen.

Born Global Start-ups sind agil und schnell, sie sind extrem gut vernetzt und nutzen die digitale Welt für Entwicklung, Test, Absatz und Expansion ihrer Ideen. Services gehen viral, wie wir es heute von Bildern oder Videos kennen.

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