Gastbeitrag

Einflüsse sozialer Unterstützung bei chronischen Schmerzen

Im Praktikum in einer psychosomatischen Rehaklinik lernte Pia Marie Comanns das ganzheitliche Behandlungsmodell chronischer Schmerzen kennen. Das Praktikum absolvierte sie im Rahmen ihres Studiums der Angewandten Psychologie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius München. Aufgrund der durchweg positiven Erfahrungen führte sie die Zusammenarbeit mit der Rehaklinik für ihre Abschlussarbeit fort. Der Fokus lag hierbei weiterhin auf dem Phänomen chronischer Schmerzstörungen. Im Gastbeitrag für adhibeo stellt sie die Ergebnisse ihrer Arbeit vor.

 

Zahlen, Fakten und Forschungsbedarf

Schmerz ist ein Phänomen, das den Menschen seit Beginn der Entwicklungsgeschichte begleitet. Ergebnissen des Bundesgesundheits-Surveys im Jahre 1998 zu Folge litten 91 Prozent der befragten Bundesbürger unter Schmerzen. Akute Schmerzen besitzen eine Warn- bzw. Schutzfunktion, indem sie auf potentielle oder tatsächliche Gesundheitsschädigungen hinweisen. Dieser protektive Charakter verliert mit zunehmender Dauer der Schmerzzustände seinen Informationswert. Der langanhaltende bzw. wiederkehrende Schmerz entwickelt sich von einem Begleitsymptom zu einem eigenständigen Krankheitsbild. Laut einer aktuellen systematischen Übersichtsarbeit liegt die Prävalenzrate chronischer Schmerzen bei 17 Prozent, Tendenz steigend. Analog zu den Forschungsergebnissen der Deutschen Schmerzgesellschaft (DGSS) sind demnach etwa zwölf Millionen Bürger in Deutschland betroffen. Die Behandlung chronischer Schmerzen und deren Begleitsymptome stellt nicht nur einen der größten Kostenpunkte für das Gesundheitswesen dar, sondern bedeutet für Betroffene nicht selten eine deutliche Beeinträchtigung des Wohlbefindens sowie der Lebensqualität. Angesichts jener ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen ist eine intensive Auseinandersetzung mit der Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen als multidimensionales Gesamtereignis unabdingbar. Obgleich körperliche und psychische Komponenten bislang bereits umfangreich empirisch untersucht wurden, finden soziale Faktoren der Chronifizierung von Schmerzen sowie deren Aufrechterhaltung bislang vergleichsweise wenig Berücksichtigung in der Wissenschaft.

Die Social-Support-Forschung befasst sich seit Jahren zunehmend mit dem Einfluss sozialer Unterstützung auf körperliche und psychische Erkrankungen sowie deren Verlauf, wobei ihr positiver Beitrag im Sinne der Steigerung des Wohlbefindens sowie der Gesundheit sowohl auf neuropsychologischer als auch auf psychologischer Ebene mehrheitlich nachgewiesen werden konnte. Im Rahmen der geringen Anzahl empirischer Forschungsergebnisse über den Einfluss sozialer Unterstützung auf Schmerzen bestätigt die Mehrheit systematischer Reviews und Metaanalysen die potenziell günstige Wirkung sozialer Unterstützung auf die Schmerzwahrnehmung über die Abmilderung stresserzeugender Ereignisse. Des Weiteren identifiziert eine Therapiestudie von Jamison und Virts soziale Unterstützung als Prädikator für einen günstigen Behandlungsverlauf bei chronischen Schmerzpatienten.

Die gemeinsame Betrachtung der beiden aufgeführten Konstrukte führt zu der Fragestellung, welche Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen dem chronischen Schmerzgeschehen und dem Erleben sozialer Unterstützung bestehen.

Studie zur Erfassung des Einflusses sozialer Unterstützung bei chronischen Schmerzen

Für die Beantwortung der oben angeführten Fragestellung wurden 20 Schmerzpatienten der psychosomatischen Rehaklinik (Experimentalgruppe) und 20 Personen ohne entsprechende Diagnose (Kontrollgruppe) explorativ im Rahmen einer Querschnittstudie untersucht. Die Erfassung der sozialen Unterstützung erfolgte anonymisiert mittels eines standardisierten Fragebogens zur sozialen Unterstützung, welcher den Probanden in Papier-Bleistift-Form vorgelegt wurde. Neben der quantitativen Datenerhebung wurden bei den Teilnehmern der Experimentalgruppe weitere Störungs- und behandlungsspezifische Zusatzinformationen qualitativ erhoben und ausgewertet.

Die Ergebnisse entsprechen weitestgehend dem aktuellen Forschungsstand. Sie zeigen, dass Personen mit chronischen Schmerzen signifikant weniger soziale Unterstützung erleben als Personen ohne entsprechende Diagnose. Eine mögliche Erklärung bildet hierfür die übertragene Annahme des Verstärker-Verlust-Modells nach Lewinsohn, welche ihren Ursprung in der lerntheoretischen und operanten Erklärung der Depressionsentstehung findet. Demnach führen Symptome der chronischen Schmerzstörung kurzfristig zwar zu einem erhöhten Maß an zwischenmenschlicher Zuwendung, langfristig jedoch zu einem Verlust jener positiven Verstärkung und somit in Richtung eines Teufelskreises bzw. einer „Schmerzspirale“. Analog zu der subjektiv wahrgenommenen sozialen Unterstützung ist auch die Zufriedenheit mit jener Form sozialer Zuwendung bei chronischen Schmerzpatienten signifikant geringer ausgeprägt als bei „gesunden“ Personen. Ferner resultieren Unterschiede in der Anzahl unterstützend erlebter Personen. So nennen Personen mit einer chronischen Schmerzerkrankung geringfügig, jedoch signifikant weniger unterstützende Bezugspersonen als Personen ohne entsprechende Diagnose. Der minimale Unterschied legt nahe, dass die Qualität sozialer Unterstützung, welche sich u. a. in der Zufriedenheit des Empfängers äußert, einen höheren Stellenwert besitzt als ihre Quantität.

Fazit und Ausblick

Zusammenfassend verweisen die Ergebnisse dieser explorativen Studie auf die Notwendigkeit, sozialen Einflussgrößen, neben den körperlichen und psychischen Faktoren, mehr Bedeutung in der Erklärung der Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen beizumessen. So gilt es zukünftig genauer zu klären, wie stark soziale Unterstützung die chronische Schmerzerkrankung beeinflusst und ob ein Mangel an sozialer Unterstützung eine Ursache oder Folge der multidimensionalen Störung darstellt. Jener Erkenntnisgewinn würde nicht nur einen wesentlichen Beitrag für das Verständnis des komplexen Krankheitsbildes leisten, sondern dient der Qualitätssicherung einer effektiven Einflussnahme auf die Synergie von Körper, Geist und Seele zum Wohle des Patienten – eines der obersten Ziele der klinischen Psychologie und Psychotherapie.

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