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Halloween: Schaurig schöner Grusel

Für die einen geht es dabei nur um Konsum, für die anderen ist es ein schöner Grund zu feiern und sich wohlig zu gruseln: Halloween. Heute, am Vorabend von Allerheiligen, werden auch viele Deutsche möglichst schaurige Kostüme überziehen, Haus und Hof mit zu Fratzen geschnitzten Kürbissen dekorieren, um vermeintliche böse Geister abzuhalten. Über die Faszination von Geistern und anderem Grusel haben wir uns mit Prof Dr. Burkhard Schmidt, Vizepräsident & Studiengangsleiter für Psychologie (B.Sc.) der Hochschule Fresenius Heidelberg, unterhalten.

Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene verwandeln sich an Halloween in Vampire, Monster oder Hexen. Welchen Reiz hat das Verkleiden?

Nun, zunächst ist es erstmal Spaß und schon aus frühester Zeit der Menschheit bekannt. Aber neben den offensichtlichen Freuden, die mit Verkleiden an Halloween und dem Feiern verbunden sind, können wir durch das Tragen von Verkleidungen – zumindest für kurze Zeit – jemand sein, von dem wir nicht wussten, dass wir es sind oder sein könnten, und dies auch mal genießen. Dass Kinder durch Halloween so gefesselt sind, sagt uns etwas Wichtiges über den wesentlichen spielerischen Charakter des Festes. Wir können uns in verschiedenen Rollen ausprobieren, können der „Böse“ sein oder derjenige, den Andere fürchten, und so mal für einen Abend der Realität entkommen. Wenn wir uns verkleiden, haben wir die Chance, einen Teil unseres Selbst spielerisch auszuleben, den wir normalerweise privat halten würden.

Weiterhin haben Menschen durchaus einen Wunsch nach Einzigartigkeit und Non-Konformität, einen „Need for Uniqueness“, der im normalen Leben unterschiedlich stark gelebt wird und der an solchen Festivitäten natürlich ebenfalls mehr Platz bekommen darf.

Durch Verkleiden und Masken entsteht auch Anonymität und dahinter eine mögliche gewisse Enthemmung, da man nicht erkannt wird. Das ist ein Aspekt, der im Zuge von Halloween auch immer wieder negativ diskutiert wird: Die sogenannte „Deindividuation“, also antisoziales Verhalten geschützt durch Gruppen und Verkleidung. Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen konnte festgestellt werden, dass einzelne Individuen die Anonymität, die Verkleidung oder Masken bieten, nutzten, um zum Beispiel zu stehlen oder sich unfaire Vorteile zu verschaffen.

Nicht nur Halloween-Partys werden mittlerweile landauf, landab veranstaltet, auch spezielle Grusel-Events finden statt, zum Beispiel in Freizeitparks. Warum setzen wir uns dabei bewusst Situationen aus, die uns Angst machen?

Frei nach Prof. Jeffrey Goldstein sucht sich der Mensch seine Unterhaltung natürlich bewusst aus, das heißt würde es mich nicht unterhalten, würde ich es kein zweites Mal tun. Eine Studie zeigte, die drei wesentlichen Faktoren, die Horror unterhaltsam machen, sind: die Anspannung, also Spannung, Terror, Schock, Mysterien und Blutvergießen, die Relevanz, sprich die persönliche und kulturelle Bedeutsamkeit wie die Angst vor dem Tod, und vor allem die Realitätsfremdheit. So sagt auch die „Perceived Reality Theory”, dass wir, zumindest als Erwachsene, die Plausibilitätsfrage stellen, das heißt: Wie wahrscheinlich ist es, dass mir etwas Schlimmes bei einem Grusel-Event im Freizeitpark passiert? Es kommt also auf den Kontext an. Aber je näher die Gewaltdarstellung beispielsweise an einem realen Szenario ist, umso weniger unterhaltend ist die Wirkung (denken Sie beispielsweise an einen Antikriegsfilm).

Nach der „Excitation Transfer Theory“ könnte man zudem argumentieren, dass die positiven Gefühle nach den erlebten negativen Gefühlen während des Horrors deutlich positiver erlebt werden, zum Beispiel durch das „Durchstehen“ der beängstigenden Situation. Auch gibt es Menschen mit einem inhärenten Verlangen nach einem Adrenalinkick, sogenannte „Sensation Seeker“. Für diese Menschen ist so etwas natürlich Nervenkitzel.

Was genau passiert im Körper, wenn wir uns gruseln?

Wenn wir Angst haben, fühlen wir uns normalerweise bedroht. Unser Körper reagiert dann mit seinem evolutionsbiologisch gut ausgebildeten Bedrohungsreaktionssystem, das uns wissen lässt, dass etwas nicht richtig ist, und uns darauf vorbereitet, zu rennen oder zu kämpfen. Dieses ausgeklügelte System löst eine chemische Kaskade aus, die uns helfen soll, zu überleben: Adrenalin, Endorphine, Dopamin, etc. durchströmen unseren Körper und unser Gehirn während – und für eine Weile nach – einer beängstigenden Situation. Aber diese körperliche Reaktion ist recht ähnlich zu anderen biologischen Erregungssituationen, wie zum Beispiel, wenn wir glücklich, aufgeregt und überrascht sind. Wieder ist der Kontext entscheidend, wenn es darum geht, ob wir die Erfahrung positiv oder negativ erleben. Wenn wir die Situation in der Realität nicht bedrohlich einstufen, erleben wir zwar ähnliche Kaskaden, aber eben moderiert – das unterscheidet den Gruselschauer von echter Angst.

Für Menschen, die hieran Spaß empfinden, kann dies zur positiven Aktivierung des Belohnungszentrums im Gehirn führen: Sie fühlen sich gut und selbstbewusst, weil sie eine Herausforderung überwunden haben.

Nicht immer jagen uns (vermeintliche) Gefahren einen wohligen Gruselschauer über den Rücken. Gerade bei Kindern schlägt das Gefühl auch schnell in blanke Angst um. Warum ist das so?

Kindern fehlt, je nach Alter und Beziehung, noch die Abstraktionsfähigkeit, um zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Für Kinder kann die fiktive Situation in ihrer Realitätswahrnehmung plausibel sein. Und da sich bei Kindern gerade der Bereich des Gehirns, der hier steuernd eingreifen könnte, noch sehr stark entwickelt, sind sie empfänglicher dafür, die Angst als echt zu realisieren.

Wo liegt die Grenze der Gefahr, die wir ertragen oder sogar genießen können, und was passiert, wenn wir sie überschreiten?

Menschen erleben dies grundsätzlich sehr unterschiedlich. Aus den vorherigen Ausführungen ergibt sich natürlich die Gefahr, dass die emotionale Kaskade nur zu real werden kann, wenn man die wahrgenommene Realitätskontrolle verliert. Wie gesagt, letztlich ist es nicht die eigentliche Bedrohung oder der Stressor, sondern wie ein Mensch diese wahrnimmt und verarbeitet, die die körperliche Reaktion bestimmt. Dabei spielt die körperliche und psychische Gesundheit natürlich eine Rolle. Eine echte physiologische Angst-/Panikreaktion fordert ihren Tribut vom Körper und beispielsweise ein nicht gesundes Herz oder Menschen mit Asthma etc. könnten hier natürlich ernsthafte Schäden davontragen. Aber Betroffene würden ja auch aus Selbstschutz (hoffentlich) solche Kontexte vermeiden oder kontrolliert erleben.

Quellen und weiterführende Literatur:
Schumpe, B. M., & Erb, H.-P. (2015). Humans and uniqueness. Science Progress, 98, 1-11.
Walters, G. D. (2004). Understanding the popular appeal of horror cinema: An integrated-interactive model. Journal of Media Psychology, 9(2), 1-35.
Zillmann, D. (1971). Excitation transfer in communication-mediated aggressive behavior. Journal of experimental social psychology, 7(4), 419-434.
Diener, E., Fraser, S., Beaman, A., & Kelem, R. (1976). Effects of deindividuation variables on stealing among Halloween trick-or-treaters. Journal of Personality and Social Psychology, 33 (2), 178-183

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