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Zeitumstellung ade? Folgen für Business-Beziehungen in der EU

Am 28. Oktober ist es wieder so weit: Zum Beginn der Winterzeit werden die Uhren europaweit um eine Stunde zurückgestellt. Doch mit der Zeitumstellung könnte schon im kommenden Jahr Schluss sein. Die EU-Kommission hat die Mitgliedstaaten aufgefordert, bis April zu entscheiden, ob sie dauerhaft in der Sommer- oder Winterzeit leben wollen. Ein knapper Zeitplan, gegen den sich in einigen Ländern offenbar Widerstand regt, wie aktuelle Presseberichte darlegen. Denn um einen zukünftigen „Flickenteppich“ zu vermeiden, sollen sich die Länder erst einmal untereinander abstimmen.

Aber nicht nur die Mitgliedstaaten, sondern natürlich auch EU-weit agierende Unternehmen müssen sich auf die neue Regelung vorbereiten. Wir haben darüber mit Amit Ray und Barbara Lier, die den Studiengang International Business Management (M.A.) an der Hochschule Fresenius Köln leiten, gesprochen.

Einige Mitgliedstaaten haben bereits eine Tendenz bekannt gegeben: Portugal, Zypern und Polen bevorzugen offenbar eher die Sommerzeit, während es Finnland, Dänemark und die Niederlande zur Winterzeit zieht. Griechenland hat signalisiert, weiterhin die Uhren vor- und zurückstellen zu wollen. Wie einfach bzw. schwer wäre es für Unternehmen, die in der EU aktiv sind, sich auf eine solche Zersplitterung vorzubereiten?

Amit Ray: Sollte die Zeitumstellung abgeschafft werden, muss Griechenland wohl in den sauren Apfel beißen und mitziehen. Denn die EU-Kommission hat mehrfach die Notwendigkeit einer einheitlichen Regelung für alle EU-Mitgliedstaaten betont. Demnach sind drei Möglichkeiten denkbar: Die einzelnen Mitgliedsstaaten können entscheiden, die Zeitumstellung beizubehalten, sie können eine gemeinsame Entscheidung auf Sommer- oder Winterzeit treffen oder jedes Land wählt zwischen permanenter Sommer- oder Winterzeit.

Die komplizierteste Situation wäre in der Tat die letzte Option. Einige Experten befürchten, dass Effizienz und Produktivität leiden würden, wenn in solch einem kleinen Raum ein ständiger Wechsel von Zeitzonen herrschte. Die EU-Kommission hat deshalb vor einem potentiellen Schaden von „unkoordinierten Zeitumstellungen“ für den Binnenmarkt gewarnt.

Barbara Lier: Aber entgegen aller Warnungen vor dem vielzitierten „Flickenteppich“ sollte man doch auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Denn der europäische Binnenmarkt verteilt sich bereits über drei Zeitzonen. In vielen anderen Ländern, wie z. B. den USA, Australien oder Russland, wird bereits ebenfalls in mehreren Zeitzonen gearbeitet. Zwar haben sie den Vorteil, dass sie innerhalb des Landes eine gemeinsame Sprache und Arbeitskultur haben, wohingegen die Kommunikation im europäischen Raum durch die verschiedenen Sprachen erschwert ist und deshalb zeitintensiver sein kann. Eine zusätzliche Hürde wie eine unübersichtliche Zeitkarte könnte diese noch weiter komplizieren.

Aber im Großen und Ganzen sollten wir dem Thema nicht zu viel Bedeutung beimessen. Im internationalem Bereich gehört der Zeitunterschied zum Alltag und wir sprechen hier über eine Stunde. Für Unternehmen, die es gewöhnt sind mit Partnern zu arbeiten, die auf der ganzen Welt verteilt sind, ist die Auswirkung dieser Stunde im Vergleich gering.

Gibt es Branchen, die hierbei auf mehr Probleme stoßen würden als andere?

Barbara Lier: Wie einfach oder schwer es ist, sich auf verschiedene Zeitzonen vorzubereiten, hängt vom Geschäftsmodell des jeweiligen Unternehmens ab und wie routiniert die Prozesse sind. Wenn die Hauptaktivitäten des Unternehmens nach einer regelmäßigen und wiederholenden Struktur arbeiten, etwa in Produktion oder Logistik, reicht es wahrscheinlich, neue Routinen festzulegen und sich dann an diese zu gewöhnen. Schwieriger kann es für Unternehmen sein, die projekt- oder auftragsbezogen arbeiten und die in mehreren Zeitzonen agieren.

Aber auch wenn wir einen „Flickenteppich” nach 2019 bekommen sollten, wird der Arbeitstag innerhalb Europas nicht so sehr variieren. Unterschiede werden wir nur in den Kernzeiten wie Arbeitsbeginn, Arbeitsende und evtl. der Mittagszeit merken. Je flexibler die Unternehmen und die Angestellten ihren Arbeitsalltag gestalten können, desto leichter wird die Umstellung von der Hand gehen.

Welche konkreten Vorbereitungen müssten Unternehmen für eine neue Regelung treffen und wobei gilt es darauf zu achten?

Amit Ray: Zunächst einmal muss natürlich die finale Zeitenregelung abgewartet werden. Dann müssen international agierende Unternehmen in einem ersten Schritt alle betroffenen Prozesse identifizieren und die Auswirkungen der neuen Regelung analysieren. Typische Fragen sind bspw.: Wäre das Unternehmen für einige europäische Kunden weniger gut erreichbar? Bis zu welcher Uhrzeit sind meine ausländischen Ansprechpartner erreichbar?

Im zweiten Schritt muss eine mögliche Anpassung in Angriff genommen werden. Wann müssen Ergebnisse bereitstellt werden, damit sie zur richtigen Uhrzeit verfügbar sind? Muss man Güter jetzt früher verschicken oder bestellen, damit sie rechtzeitig ankommen? Dann muss alles kalkuliert werden. Denn es kann natürlich sein, dass etwa der Aufwand, ein Büro eine Stunde früher zu besetzen, um mögliche Fragen von einem Kunden in Spanien zu beantworten, kostentechnisch nicht zu rechtfertigen ist. Oder das Gegenteil trifft zu: Um zu vermeiden, dass wichtige Partner eine Stunde am Morgen ohne Ansprechpartner arbeiten müssen und dadurch Gelder zu verlieren, muss ein Schichtplan ausgearbeitet werden.

Schließlich kommt die Frage, wie eventuelle Änderungen mit dem Arbeitsumfeld und Personalstand des Unternehmens zu vereinbaren sind. Muss nun mit Überstunden gerechnet werden?

Barbara Lier: Hierbei ist es einfacher für Unternehmen, die bereits in verschiedenen europäischen Märkte aktiv sind und aus Erfahrung mit ausländischen Partnern die Auswirkung der neuen Regelungen einschätzen können. Unternehmen, die noch nicht diese Erfahrung sammeln konnten, sollten flexibel sein und regelmäßig ihre Arbeitsabläufe analysieren, um zu sehen, ob man Prozesse oder Arbeitszeiten zeitlich verschieben muss, um Ergebnisse zu optimieren.  Alles in allem wird das kein Hexenwerk sein, und wir sind sicher, dass diese Herausforderungen gut zu bewältigen sein werden.

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