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Echt unfair – oder?! Wenn Kollegen überraschend mehr verdienen

Über das eigene Gehalt zu sprechen, ist in Unternehmen oft ein Tabu. Dennoch haben sich viele Arbeitnehmer sicher schon gefragt: Was verdient eigentlich mein Büronachbar? Was aber passiert, wenn Gehälter tatsächlich offengelegt werden – und wir erfahren, dass der Kollege besser verdient als wir? Das wird derzeit im Rahmen einer Studie untersucht, an der Prof. Dr. Fabian Christandl, Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Hochschule Fresenius in Köln, beteiligt ist.

Gemeinsam mit Katrin Schnaufer und Timo Meynhardt von der Leipzig Graduate School of Management (HHL) und Sebastian Berger von der Universität Bern analysiert er, wie Mitarbeiter reagieren, die erfahren, dass sie im Gehaltsvergleich mit Kollegen aus demselben Tätigkeitsfeld schlechter abschneiden als erwartet, und wie sich das auf ihre Arbeitszufriedenheit auswirkt. Dabei geht es auch um die Frage, durch welche Persönlichkeitseigenschaften die Reaktionen beeinflusst werden.

Eine erste im Rahmen der Studie durchgeführte Befragung in Unternehmen hat bestätigt, was wohl viele intuitiv erwarten würden: Die plötzliche, unerwartete Erkenntnis, dass das eigene Gehalt im Vergleich mit Kollegen geringer ausfällt, führt zu einer sinkenden Arbeitszufriedenheit. „Erklärt werden kann dieser Effekt über spontan auftretenden Neid, der den Kollegen gegenüber verspürt wird, die mehr verdienen“, so Prof. Christandl.

Zyniker lassen sich von Gehaltsunterschieden wenig beeindrucken

Auf unerwartete Gehaltsunterschiede reagieren aber nicht alle stark. So zeigt die Studie, dass sich Personen, die besonders empfindlich auf Ungerechtigkeit reagieren – die also eine ausgeprägte Opfersensibilität haben – eher wenig daran stören, dass sie im Gehaltsvergleich schlecht abschneiden. „Dieser Personenkreis ist ohnehin sehr zynisch und geht immer vom Schlimmsten aus“, sagt Prof. Christandl. „Daher sind die Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit vergleichsweise gering und die tatsächliche Erkenntnis, dass der Kollege mehr verdient als gedacht, senkt die Arbeitszufriedenheit kaum weiter.“

Bei Personen mit geringer Opfersensibilität zeigt sich dagegen, dass ihre Arbeitszufriedenheit erkennbar sinkt, wenn ihr Gehalt im Vergleich unerwartet niedrig ausfällt.

Vertrauen in Marktwirtschaft begünstigt Akzeptanz von Gehaltsunterschieden

Auch Personen, die ein hohes Vertrauen in das System der Marktwirtschaft – eine sogenannte Fair Market Ideology – haben, reagieren nicht so stark auf ein unerwartet schlechtes Abschneiden im Gehaltsvergleich. Denn: „Ein zentrales Merkmal der Fair Market Ideology ist, dass man Einkommensunterschiede im Wirtschaftsleben akzeptiert, weil diese zu einer Marktwirtschaft einfach dazugehören. Insofern haben Personen mit ausgeprägtem Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft auch keine Probleme damit, wenn sie Einkommensunterschiede bei anderen Menschen betrachten“, erklärt Prof. Christandl und führt weiter aus: „Unsere Ergebnisse zeigen darüber hinaus, dass Arbeitnehmer mit ausgeprägtem Vertrauen in die Marktwirtschaft diese Einkommensunterschiede auch für sich akzeptieren und in der Konsequenz gelassener damit umgehen, wenn sie im Vergleich mit Kollegen weniger verdienen als erwartet.“

Was sind langfristige Effekte?

Die Studie fokussiert bisher auf die Reaktionen, die unmittelbar im Anschluss an die Einführung von Gehaltstransparenz erfasst worden sind. Ein interessantes Anschlussprojekt könne sich daher mit langfristigeren Folgen beschäftigen, meint Prof. Christandl.

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